Kunstmarkt
Art Dubai

Der Kronprinz mag es modern

Von Anne Reimers/Dubai
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Dubai ist nicht im Osten, sondern genau in der Mitte – jedenfalls von der Perspektive der Kunstmesse „Art Dubai“ aus betrachtet, bei der in diesem Jahr 277 Künstler aus sechzig Nationen vertreten sind. Die Messe wird mit jeder Ausgabe – es ist die elfte – größer. Aber wird sie auch besser?

Tatsächlich gibt es keine vergleichbare Messe, bei der man so konzentriert der zeitgenössischen und modernen Kunst aus Nordafrika, der arabischen Welt und dem südlichen Asien begegnen kann. Aber die Messe greift diesmal noch darüber hinaus. So global wie Dubai selbst mit seiner Bevölkerung von mehr als achtzig Prozent Einwanderern will sie sein. Das internationale Publikum lebt also gewissermaßen schon dort. Angereist sind hauptsächlich Kuratoren und Journalisten, so scheint es jedenfalls am ersten Tag und bei der – eine Besonderheit der Art Dubai – „Ladies Preview“. Amerikaner sind auffällig abwesend, was die Besucher wie die Kunst angeht. Traurigerweise betrifft das auch Künstler aus den Golfstaaten, die in Amerika leben und wegen Trumps erneuten Bemühungen um Einreiseverbote nicht gekommen sind. Das hört man jedenfalls mehrfach.

Im Stil einer traditionellen arabischen Kleinstadt

Unter der Ägide der britischen Direktorin Antonia Carver hatte sich die Art Dubai in den letzten sechs Jahren mit Unterstützung zahlungskräftiger Sponsoren und im Einklang mit den hochfliegenden kulturellen Ambitionen des Emirats weiter professionalisiert. Qualität ist auch die explizite Strategie der neuen Direktorin Myrna Ayad, auf die man stolz ist, denn sie ist in Dubai aufgewachsen. Ayad war zuvor Herausgeberin der auf die Golfregion spezialisierten Kunstzeitschrift „Canvas“. Qualität und eine koordinierte Präsentation sind zwar nicht das „kuratorische Konzept“, als das es von Ayad ausgegeben wird, aber die Auswahl der vertretenen Galerien überzeugt, und die starken Verkäufe sprechen für sich. Unterhält man sich mit hier ansässigen Sammlern unter den Expatriates, stellt man schnell fest, dass es sie zu Künstlern aus ihrer Heimat zieht. Ein Banker aus Litauen gibt zu, eine Arbeit bei der Rooster Gallery aus Vilnius ins Auge gefasst zu haben. Ein indischer Unternehmer interessiert sich für Arbeiten des in Bombay lebenden Malers Jitish Kallat bei der Pariser Galerie Templon.

Die Art Dubai findet traditionell im Event-Center des ausgedehnten Fünf-Sterne-Resorts „Madinat Jumeirah“ statt, das im Stil einer traditionellen arabischen Kleinstadt um künstliche Wasserwege herum angelegt wurde. Es ist eine glückliche Partnerschaft, können wohlbetuchte Sammler doch gleich vom Hotel herüber spazieren und auf einer der von Palmen gesäumten Terrassen und Inseln beim High Tea eine Pause einlegen – den Champagner gibt es bei der Messe allerdings erst nach achtzehn Uhr.

Zu den prominentesten westlichen Galerien, die angereist sind, gehört Victoria Miro aus London. Sie ist schon zum fünften Mal dabei und hat kurz nach der Eröffnung schon fast alle Arbeiten verkauft. Mehr als zwei Drittel der Aussteller sind nicht zum ersten Mal dabei, zu den Wiederholungstätern gehören Krinzinger aus Wien, Templon aus Paris, Waddington Custot aus London sowie die Aicon Gallery, die schon zum zehnten Mal dabei ist und diesmal Künstler aus Algerien und Pakistan mitgebracht hat. Elf zeitgenössische Galerien aus Dubai sind vertreten, darunter die Laila Heller Gallery, die Arbeiten von den beiden Schwergewichten Shirin Neshat und Rashid Rana sowie von Reza Aramesh zeigt. Generell ist die angebotene Kunst teurer geworden, es wird mehr Hochpreisiges für mehrere hunderttausend Dollar als in der Vergangenheit angeboten. Daneben gibt es aber weiterhin viele Werke im oberen vierstelligen Bereich.

Schwellende Wandskulpturen aus Perlen und Schnüren

Auch der von Abraaj gesponserte Künstlerpreis überzeugt in diesem Jahr. Erhalten hat ihn Rana Begum, eine Londoner Künstlerin mit Wurzeln in Bangladesch, die an der Slade Art School studiert hat und auf der Messe von der 2005 gegründeten Third Line Gallery vertreten wird. Ihre an der Wand installierten, an den Ecken gefalteten flachen Aluminiumskulpturen und Plexiglasscheiben in knalligen Farben, die mehr Leichtigkeit haben als Donald Judds Minimalismus, den Begum als Einfluss zitiert, entstanden aus Experimenten mit einem Blatt Papier (7000 bis 30 000 Pfund).

Was die Art Dubai angenehm von den größeren Messen unterscheidet, sind die langen Gespräche, die hier geführt werden. Das Interesse, Kunst zu verstehen, ist offensichtlich. „Ich mag das Tempo hier, es ist entspannter, und man hat Zeit für Unterhaltungen“, sagt Victoria Miro. Sie hat neben Yayoi Kusama und schwellenden Wandskulpturen aus Perlen und Schnüren von Maria Nepomuceno zwei Arbeiten von Idris Kahn mitgebracht, von dem erst vor wenigen Monaten eine große Skulptur im neuen Memorial Park des benachbarten Emirats Abu Dhabi enthüllt wurde. Sogar der Kronprinz von Dubai, Sheikh Hamdan bin Mohammed bin Rashid Al Maktoum, sieht sich Kahns Arbeiten beim alljährlichen Schnelldurchgang mit großer Entourage etwas genauer an. Kahns monochrome, in mehreren Schichten auf Aluminium und Glas aufgedruckten Texte (65 000 bis 75 000 Pfund) passen mit ihrem dunklen Violett zu den blass-grauen coolen Landschaftsfotografien des Briten Alex Hartley (16 000 Pfund).

Details der Innenseiten von Kinderkleidern

Gleich vorne bei Ota Fine Arts aus Tokio steht das filigrane Gerippe eines Bootes aus Bambus, roter Schnur, Wachs und Steinen von Zai Kuning (8500 Dollar). Er wird Singapur bei der Biennale in Venedig vertreten und dort eine riesige Skulptur aus ebendiesen Materialien bauen, die durch sein Studium der Seenomaden der Orang Laut inspiriert wurde.

Zu den attraktivsten Kojen gehört die Installation der Carbon 12 Gallery, auch aus Dubai. Die in Berlin lebende österreichische Künstlerin Monika Grabuschnigg hat hier phallische Plastiken aus Keramik ausgestellt, deren Pastelltöne die den Formen und Einritzungen implizite Gewalt (sie erinnern an Panzerfäuste und Handgranaten) wieder untergraben. Afghanische Kriegsteppiche waren dabei Inspirationsquelle. Die Galerie Mind Set Art Center aus Taipeh hat Gemälde der philippinischen Malerin Marina Cruz mitgebracht: Hyper-realistisch wiedergegebene Details der Innenseite von Kinderkleidern, die ihre Mutter und Großmutter für Cruz nähten, sind so stark vergrößert, dass sie trotz ihrer Insistenz auf Materialität zu abstrakten Landschaften mutieren. Darauf spielt die Künstlerin mit Titeln wie „Blue Mountain Against White Skies“ (15 600 Dollar, verkauft) an.

Eine Koje zwischen Salon und Künstleratelier

Arbeiten des wohl berühmtesten Künstlers aus Dubai, Hassan Sharif, begegnet man gleich mehrfach. Er verstarb im vergangenen September im Alter von 65 Jahren, und die lokale Galerie Isabelle van den Eynde, die im hiesigen Kunstdistrikt „Alserkal Avenue“ angesiedelt ist, zeigt seine letzte Arbeit: die monumentale Installation „Rope“ aus dicken Seilen, die im Kreis von der Decke herunterhängen (35 0000 Dollar) und eigentlich durch eine Performance „aktiviert“ werden sollen. Ein Zeichen des Anspruchs der Messe, internationale Sammler und Kuratoren noch mehr anzusprechen, ist auch, dass man bis auf ein paar Ausnahmen kaum mehr Kunst mit Arabesken oder Kalligraphie antrifft, weder in der zeitgenössischen Abteilung mit ihren mehr als siebzig Galerien noch in der separaten Abteilung zur arabischen Moderne, die 2014 eingerichtet wurde und diesmal fünfzehn Aussteller versammelt.

Eine der wenigen Galerien, die ein von der generell eher reduzierten Standgestaltung abweichendes Konzept für ihre Präsentation gewählt hat, ist Danstan’s Basement aus Teheran. Zwischen Salon und Künstleratelier ist die Koje angelegt, alte und neue Gemälde sowie Arbeiten auf Papier füllen die Wände und stehen am Boden gegeneinander gelehnt. Diese Installation wurde von Fereydoun Ave, einem der einflussreichsten iranischen Künstler und Sammler, kuratiert. Von ihm selbst sind auch ein paar Arbeiten dabei, die die geistige Verwandtschaft zu seinem Freund Cy Twombly verraten.

Bei Danstan’s Basement trifft man auch auf den 1988 geborenen Maler Sam Samiee, der in den Niederlanden studiert hat und im vergangenen Oktober mit dem vom niederländischen Königshaus vergebenen Preis für zeitgenössische Malerei ausgezeichnet wurde. Er war im Januar mit der Teheraner Galerie auch bei der ersten Ausgabe der Untitled Art Fair in San Francisco dabei. Die Art Dubai findet er zu zahm und zu sehr auf Verkauf getrimmt, aber er sagt auch: „Ich habe nicht erwartet, dass die Kunst hier so konsistent gut sein würde.“ Dann muss Samiee gleich weiter, um einen der wichtigsten Sammler der Region, Ramin Salsali, der 2011 das Salsali Private Museum in Alserkal Avenue eröffnet hat, zu begrüßen. Auf der Art Dubai werden Beziehungen gepflegt.

Art Dubai, im Madinat Jumeirah in Dubai,

bis zum 18. März. Geöffnet von 12 bis 18:30 Uhr.

Eintritt 20 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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