Art Stage Singapur

Ist das Ende vom Anfang in Singapur gekommen?

Von Christoph Hein, Singapur
 - 10:00
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Ist dies ein Abgang, dann ist es einer mit Paukenschlag. Lorenzo Rudolf, Macher der Art Stage in Singapur, hat zu deren Eröffnung kaum verhohlen damit gespielt, die von ihm geschaffene Messe für moderne asiatische Kunst von Singapur in die benachbarte thailändische Hauptstadt Bangkok zu verlegen. „Das Schöne ist, ich bin unabhängig“, sagt Rudolf im Gespräch. Und dann eröffnet er eine Messe, die zwar kleiner, aber aussagekräftiger, politischer, fordernder ist, als ihre Vorgängerveranstaltungen. „Wir bieten hier Bilder und Installationen in Museumsqualität“, wirbt Rudolf für seine Messe, „unser Ziel ist keine Monster-Show, wir wählen genau aus.“

Und doch ist dieses Schrumpfen Ausdruck des Problems, dass sich nicht mehr verheimlichen lässt: Die Regierung Singapurs ist aus Rudolfs Sicht gescheitert mit ihrem Plan, eine Kunstszene zu begründen. War der Versuch am Anfang noch vielbeachtetes Spektakel, droht er nun im Kunst-Orbit zu verglühen. Denn der Millionärsstaat zeige kein wahres Interesse: Der Markt sei zu klein, die Regierung zu unerfahren und beratungsresistent, die Nachbarländer erstarkten unterdessen. So entsteht Konkurrenzdruck vor allem aus Indonesien und Thailand, wo junge Galerien und Künstler sprießen. Für die steht der Thailänder Pornprasert Yamazaki: Bei Iprojects aus Bangkok lässt er Kunstblut aus einem offenen Herzen schießen, verhängt von hohen Seidenpanelen mit buddhistischen Motiven (35 000 Dollar). Seine Galeristin Charuwan Chanthop erzählt freimütig, dass die Singapurer Behörden das Verwenden echten Bluts untersagten. Und dass sie sich den Auftritt hier nur leisten könne, weil die Messe sie mit günstiger Standmiete fördere.

Der Status Singapurs beginnt zu bröckeln

Das aber wird nicht unendlich lange gehen – denn auch mit der Art Stage muss Geld verdient werden. Die Macher indes empfinden die Stadt als zu teuer, um junger Kunst eine Plattform bieten zu können. „Alles hier kostet tausend Prozent mehr als in Bangkok“, sagt Rudolf. Zudem versuche der Staat den Markt und die Kunstszene zu steuern: „Ein Staat muss Bedingungen schaffen, darf sich dann aber nicht einmischen.“ Unterdessen sprießt in den Nachbarländern im Zuge ihrer wirtschaftlichen Entwicklung die moderne Kunst. Daran allerdings ist die Mannschaft um Rudolf nicht ganz unschuldig, denn früh erkannte und förderte er die Szene in Jakarta, Manila und Bangkok, da er Südostasien immer als einen Kunstraum begriff. „Ich glaube weiter an die südostasiatische Kunst“, sagt er, „aber anders als vor acht Jahren setze ich große Fragezeichen hinter Singapur als ihr Zentrum und Singapur als Platz für eine regionale Kunstmesse.“ Und „ich werde hier sicher nicht bis zum Ende hocken“. Nach solchen Sätzen dürfte es Rudolf schwerfallen, die staatliche Unterstützung, die er bislang bekam, weiterhin zu erhalten.

Andere haben längst ihre Konsequenzen gezogen: Die mit großem Tamtam eröffnete „Singapore Pinacothèque de Paris“ hat nach weniger als einem Jahr ihre Pforten wieder geschlossen. Führende Galerien der Welt, unter ihnen auch deutsche, haben das zauberhafte, staatlich geförderte Galerienviertel Gillman Barracks verlassen: „Ich will meine Zeit nicht in einem Milliardenmarkt verschwenden, wenn meine Expertise in anderen Märkten gefragt und honoriert wird“, sagt der Berliner Galerist Matthias Arndt. Statt seine Singapurer Galerie offen zu halten, berät Arndt inzwischen die Nationalgalerie Australiens.

Auch die Art Stage selbst wird von südostasiatischer Moderne dominiert; nicht mehr von Videokunst aus Taiwan oder Südkorea, nicht mehr von China-Kitsch aus Schanghai. So baut die thailändische Künstlerin Thidarat Chantachua bei der S.A.C.-Galerie aus Bangkok ein silbernes Zelt auf, dass die Flüchtlingsfrage nicht nur im benachbarten Myanmar thematisiert (35 000 Singapur Dollar): „Welcome“ prangt über seinem Eingang, und im stockfinsteren Innern muss sich der Gast mit der Taschenlampe am Gestirn an der Decke orientieren. Solches sind Entdeckungen, die auf der Singapurer Messe zu machen sind. Sie können bestehen neben südostasiatischen Altmeistern wie dem Indonesier Heri Dondo, der mit seinen grotesken Wayang-Ölbildern aus dem Zyklus „Theater of Anecdote“ (von 30 000 Singapur Dollar an) gleich an mehreren Ständen angeboten wird. Doch Lorenzo Rudolf sagt: „In acht Jahren habe ich rund 500 Galerien nach Singapur gebracht, 400 davon aber wollen nicht mehr kommen. Seit dem ersten Jahr ist der Markt in Singapur nicht mehr gewachsen.“

Bei aller Kritik am Standort Singapur, bedeutet er für die jungen Galerien und Künstler aber dennoch einen Eintritt in die Kunstwelt – auch wenn die Verkäufe inzwischen nach Ablauf der Messe in den Galerien daheim stattfinden. Und so findet mancher Künstler ausgerechnet im strengen Stadtstaat doch mehr Freiheit als daheim – solange er nicht Singapur aufs Korn nimmt: Der Thailänder Tada Hengsapkul etwa darf bei der Galerie Nova Contemporary seine zauberhafte Installation „The Shards Would Shatter at Touch“ (35 000 Singapur Dollar) zeigen. Mit dem Werk attackiert er auf sanfte, aber ergreifende Weise die regierende Militärjunta in Bangkok. Dort machten ihm die Soldaten die Schau nach drei Tagen zu.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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