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Wichtige Kunst in New York

Schicksalsbilder

Von Anne Reimers
 - 15:56
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Der Name von Alfred Flechtheim ist untrennbar verbunden mit der Weimarer Republik, als einer ihrer wichtigsten Händler, Publizisten und Förderer der Kunst. Als Galerist repräsentierte er George Grosz und Max Beckmann. Nachdem er im Mai 1933 vor den Nationalsozialisten über Paris nach London geflüchtet war, ging er seines Kunstbestands weitgehend verlustig. Er starb 1937 im Londoner Exil. Zwei kapitale Werke wurden kürzlich gemäß den Prinzipien der „Washingtoner Erklärung“ an Flechtheims Erben restituiert. Sie kommen am 12.November in der hochkarätigen Sotheby’s-Abendauktion mit Impressionismus und Moderne in New York unter den Hammer.

Anfang Oktober trennte sich das New Yorker Guggenheim Museum von Ernst Ludwig Kirchners „Soldatenbad“ aus dem Jahr 1915. Das Moderna Museet in Stockholm hatte wenige Wochen zuvor Oskar Kokoschkas Porträt „Joseph de Montesquiou-Fezensac“ von 1910 zurückgegeben. Beide sind mit einer Schätzung von je fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar versehen. Kirchner malte die klaustrophobische Szene in die Bildfläche gezwängter, nackter Soldaten unter der Dusche kurz nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst. Das 140 mal 150 Zentimeter große Bild hat besonderen zeitgeschichtlichen Wert, es wird als visionäre Vorwegnahme der Gaskammern des Holocausts gelesen.

Die Auktion bei Sotheby’s erinnert an weitere Schicksale jüdischer Sammler: Eine elegante „Blaue Dame im Tiergarten“ (Taxe 6/8Millionen Dollar) von Kirchner aus dem Jahr 1912, ein Porträt seiner langjährigen Partnerin Erna Schilling (mit einem „Weiblichen Akt“ von 1908 auf der Rückseite), befand sich bis 1933 in der Sammlung von Bettina Freudenberg in Berlin, einer Erbin des prächtigen Kaufhauses Gerson am Werderschen Markt, das 1936 „arisiert“ wurde. Die ursprüngliche Besitzerin von Egon Schieles Landschaft „Dämmernde Stadt (Die kleine StadtII)“ (12/18 Millionen) war Elsa Koditschek aus Wien; ihre Erben einigten sich mit den Einlieferern.

Passend zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands von Compiègne am 11.November hat Sotheby’s Ludwig Meidners „Apokalyptische Landschaft“/„Junger Mann mit Strohhut (verso)“ aus dem Jahr 1912 im Programm: ein expressionistischer Albtraum mit Feuerzungen über düster zersplitterten Straßenschluchten. Es ist eine von rund fünfzehn Bearbeitungen des Motivs, die zwischen 1912 und 1916 entstanden. Ihr Einlieferer bezahlte 2001 bei Sotheby’s in London 773500 Pfund (mit Aufgeld); nun soll das Bild zwölf bis achtzehn Millionen Dollar einspielen. Den Mindestpreis hat sich Sotheby’s mit einem unwiderruflichen Gebot absichern lassen; ein Rekord ist sicher, der bisherige liegt bei 1,8Millionen Pfund im Jahr 2006. Das Spitzenlos des Abends ist eine Rarität der amerikanischen Moderne: „Pre-War Pageant“ von Marsden Hartley, eines der ersten ganz abstrakten Werke eines amerikanischen Künstlers. Auch dieses Bild hat einen deutschen Bezug: Hartley malte es 1913 während eines langen Aufenthalts in Berlin. Die Erwartung liegt „in the region of“ dreißig Millionen Dollar, Hartleys bisheriger Rekord bei 6,3 Millionen Dollar.

Einen Coup landete Sotheby’s auch mit zwölf Werken, die mit dem Titel „The Triumph of Colour“ unter den Hammer kommen. Zwar werden die Einlieferer im Katalog nicht benannt, es kann sich aber nur um die „Fridart Foundation“ handeln, die 2002 ein großes Konvolut an Spitzenwerken der europäischen Moderne als Dauerleihgabe der Londoner Courtauld Gallery überließ. Das Museum schloss im September wegen Umbaus für mindestens zwei Jahre seine Pforten, und die Stiftung verkauft offenbar. Zu dem Konvolut gehören mehrere Gemälde von Vlaminck und Kandinsky, wie dessen „Zum Thema Jüngstes Gericht“ (22/35 Millionen).

Die Abendveranstaltung bei Christie’s am 11.November setzt auf französischen Impressionismus und, gleich vierzehn Mal, auf Picasso. Das weniger aufregende, aber mit einigen Leckerbissen gespickte Menü wird angeführt von Van Goghs wunderbar sommerlicher Szene mit Gräsern, Blüten und Schmetterlingen, „Coin de jardin avec papillons“ aus dem Jahr 1887. Das Bild hat gerade erst im Juni seine Tournee von Hokkaido über Tokio, Kyoto und zuletzt im Van Gogh Museum in Amsterdam mit der Ausstellung „Van Gogh& Japan“ beendet. Die Schätzung liegt „in the region of“ vierzig Millionen Dollar. Claude Monets etwa ein mal zwei Meter messendes „Bassin aux nymphéas“ ist das zweite Spitzenlos, mit einer Taxe von dreißig bis fünfzig Millionen Dollar. Es ging zwar schon durch viele Hände, ist aber eine beliebte Trophäe, besonders in Asien. Monets marktfrische „Jeune fille dans le jardin de Giverny“ (15/25 Millionen) befand sich einst in der großen amerikanischen Sammlung Havemeyer.

Picassos Porträt seiner jungen Freundin Marie-Thérèse Walter ist attraktiver als einige ihrer Bildnisse, die seit dem vergangenen Jahr stetig unter den Hammer gekommen sind – im Fahrwasser der Tate-Modern-Ausstellung über Walters Einfluss auf sein Werk. „La Lampe“ von 1931 (25/ 35 Millionen) zeigt sie mit feineren Gesichtszügen, in einer scharf konturierten Komposition mit starken Farbkontrasten. Tamara de Lempickas „La Musicienne“ (6/8 Millionen) aus dem Jahr 1929 erzählt eine andere Geschichte: Sie wurde 2009 zusammen mit Dalís Trompe-l’Œil-Komposition „L’Adolescence“ (700000/1Million) aus dem Scheringa Museum of Realist Art in Spanbroek in den Niederlanden von bewaffneten Räubern entführt und erst 2016 wiedergefunden.

Christie’s hofft auf einen Umsatz von mehr als 304,7Millionen für 61 Lose im Angebot, von denen acht mit Garantien versehen sind. Bei Sotheby’s gilt die Erwartung von 283,9 bis 393,4 Millionen Dollar für 65 Werke, davon sind 22 Lose garantiert.

Quelle: F.A.Z.
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