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„Bauhaus reloaded“

Gruppenarbeit in München

Von Brita Sachs, München
 - 05:55

Ganz in der Nähe von Goethes Gartenhaus steht in Weimar das Haus Am Horn, mit dem die Bauhäusler erstmals zeigten, wie sie sich das Leben einer modernen Familie in einem praktisch organisierten Wohnhaus ohne Personal vorstellten. In nicht mehr als vier Monaten war es fertig und öffnete pünktlich zur ersten großen Bauhaus-Ausstellung 1923 seine Türen. Die Inneneinrichtung, ebenso radikal schlicht wie das kubische Äußere, entwarfen die Bauhausschüler - die Küche erhielt pflegeleichte Materialien, in allen Räumen standen funktionale Möbel, Wände und Böden strahlten in bunten, frischen Farben.

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Ein Novum auch die Kinderzimmereinrichtung, eine herrliche multifunktionale Spiellandschaft, wie sie bis dahin noch kein Kind erlebt hatte. Alma Buscher entwickelte sie nach Montessori-Ideen und bewies mit diesem grandiosen Wurf, dass sie tatsächlich in der Holzwerkstatt viel besser aufgehoben war als in der Weberei, in der Gropius die Bauhäuslerinnen am liebsten sah. Sie dachte sich einen Leiterstuhl aus, der, auf seine integrierten Räder gekippt, zur Lokomotive wurde, und einen Eckschrank mit Türöffnung zum Kasperlespielen und mit passenden Kisten zum Sitzen, Stapeln, Klettern und zum Rollen.

Dieser Spielschrank, Modell „ti24“, wuchs gewissermaßen mit, passte sich dem Alter seiner Besitzer an und verkaufte sich entsprechend blendend. Ein auf 18.000 Euro taxiertes Original von „ti24“ - es gehörte dem Architekturhistoriker Nikolaus Pevsner - kann man am 20. Juni in der großen Sonderauktion ersteigern, die Ketterer und Quittenbaum in München gemeinsam dem 90. Bauhaus-Jubiläum widmen.

Ein Freischwinger von Mies van der Rohe

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Unter den Design-Raritäten, die Quittenbaum als Gast im Hause Ketterer mitbringt, verdient Marcel Breuers Aluminium-Armlehnstuhl Erwähnung, ein Prototyp, den er 1933 für die Schweizer Embru-Werke entwarf (Taxe 18.000 Euro). Auffallend auch eine sehr frühe Ausführung von Mies van der Rohes „Weissenhof“-Freischwinger „MR-20“ mit gut erhaltenem Rohrgeflecht (15.000). Der Ukrainer Naum Slutzky, kurzzeitig „Jungmeister“ in Weimar, schuf später eine kugelige Deckeldose aus vernickeltem Messing, die sich zu drei Schalen umnutzen lässt (33.000), während in Marianne Brandts verchromter Kugel auf Tablett ein Likörset für sechs Trinker steckt (4000).

Die Dessauer Bauhaus- Werkstätten stellten das berühmte Schachspiel her, dessen Figuren Josef Hartwig aus Quadrat und Kugel ableitete; im Originalkarton liegt seine Taxe bei 8000 Euro. Ketterer steuert die Lose zur freien Kunst bei: Von Josef Albers, der selbst am Bauhaus studierte, bevor dort seine kunstpädagogische Karriere begann, kommt ein grüntoniges „Study for Homage to the Square: High Pasture“ zum Aufruf, das er 1960 in Öl auf Masonit malte. Der gleiche Schätzpreis von 180.000 bis 200.000 Euro gilt auch Moholy-Nagys „Landschaft mit Häusern“ von 1919, eine kubisch verschachtelte Bildanlage auf dem Weg zum Konstruktivismus.

Die erste Mappe mit Bauhaus-Drucken „Neue europäische Grafik“ - Schlemmer, Feininger, Klee und andere füllten sie 1921 mit Blättern - steht zur Taxe von 120.000 bis 150.000 Euro zur Verfügung. Die vierte Mappe, zu der italienische und russische Künstler beitrugen, soll 50.000 bis 70.000 Euro bringen. Als Leiter der Bauhaus-Töpferei in Dornburg an der Saale schuf Gerhard Marcks eine Frauenbüste aus Terrakotta: Sie zitiert die etruskische Kunst und heißt „Justine“ (10.000/15.000).

Quelle: F.A.Z.
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