Auktion im Wiener Dorotheum

Von der Sonne verwöhnt

Von Nicole Scheyerer/ Wien
 - 13:25

Mit einem Schwerpunkt auf dem Informel läutet das Dorotheum seine üppige Zeitgenossen-Auktion am 31. Mai ein. Das gute Dutzend Gemälde spiegelt die vielfältigen Nachkriegsströmungen in Frankreich und Italien wider. Mit Emilio Vedova eröffnet ein Berserker aus Venedig den Reigen. Vedovas urwüchsige Kraft schwingt im wild gestischen Großformat „Tensione“ von 1959, dessen schwarze Pinselschläge das Bild fast zu zerreißen scheinen (Taxe 150 000/200 000 Euro). Das Spitzenlos hat der gebürtige St. Petersburger Nicolas de Staël 1950 komponiert: Seine nur sechzehn mal 27 Zentimeter große Tektonik lässt den Einfluss des Kubismus erkennen, der jedoch zusehends in die Fläche aufgelöst wird. Das Kleinod des gesuchten Malers tritt mit der Schätzung von 200 000 bis 300 000 Euro an.

Von Jean Fautrier stammt das Gemälde „Vegetaux“, für das das „Art Informel“-Gründungsmitglied durch weißes Impasto eine reliefartige Oberfläche mit einer grünen Insel vor blauem Hintergrund schuf (90 000/120 000). An die Umrisse einer Landkarte lässt das Querformat „Erreur confidentielle“ von Georges Mathieu denken, das rückseitig dem Kunstkritiker Michel Tapié gewidmet ist. Die Akzente in Primärfarben setzt der Maler dabei direkt aus der Tube, deren Wirkung durch die schwarze Einfassung noch hervortritt (90 000/120 000). Die beiden Gemälde von Hans Hartung mit ihren geritzten Linien aus den sechziger Jahren wirken dagegen meditativ (35 000/70 000).

Huldigung der Mailänder Avantgarde

Die preislich höchste Erwartung des Abends kommt indes aus einer ganz anderen stilistischen Ecke: In unseren rauchfreien Zeiten wirkt Tom Wesselmanns „Smoking Cigarette II“ von 1980 geradezu frivol. Der überdimensionale Klimmstengel des Popkünstlers ist auf Holzfaserplatte gemalt und als Cut-out vor schwarzem Hintergrund gerahmt – für geschätzte 380 000 bis 480 000 Euro. Ein Flirt mit der Pop-Art ist auch Sigmar Polke stets nachgesagt worden. Für 250 000 bis 300 000 Euro kann nun eine große Papierarbeit von 1998 erworben werden, die Gitternetz-Linien vor einem hellblauen Hintergrund zu einem Rund formt.

Fast die Hälfte der Namen ist auch in dieser Auktion wieder italienisch. Die durch die sonnenverwöhnten Dorotheums-Filialen eingebrachten Lose huldigen der Mailänder Avantgarde – aber nicht nur dieser, auch Künstler der Arte Povera und eigenwillige Minimalisten sind vertreten. In prächtigem Orange erstrahlt das Objektbild „Zone riflessive“, für das der jung gestorbene Paolo Scheggi im Jahr 1963 drei Leinwände mit ovalen Cut-outs übereinanderlegte (170 000/250 000). Scheggis Vorbild Lucio Fontana ist dieses Mal mit einem 1960 gestisch bemalten und perforierten „Concetto Spaziale“ in der Auktion, das nicht weit vom Informel entfernt ist (150 000/200 000). Bei Fontanas Keramik „Crocifisso“ von 1955/57 handelt es sich um eine Kreuzform mit Gold-Akzenten (60 000/80 000).

Die Triestinerin Marina Apollonio hat ihre faszinierende Op-Art-Spirale „Dinamica circolare“ 1967 mit Emailfarben auf einer rotierenden Scheibe geschaffen (70 000/100 000). Die strukturierten Leinwände von Enrico Castellani gehen im Dorotheum immer gut weg: Jetzt werden ein smaragdgrünes Exemplar mit Entstehungsjahr 1991 und ein rotes Quadrat von 2005 offeriert (je 200 000/300 000). Von Pier Paolo Calzolari liegt ein Werk aus der Bleibild-Serie „Piombi specchio“ vor, das mit Blüten- und Kleeblättern dem monochromen Hintergrund Poesie einhaucht (130 000/180 000).

Eine Wärmflasche mit Füßen

Aus gehärtetem Salz gestaltete Calzolari 1983 den sandgleichen Hintergrund einer Fiberglastafel, die durch Bleistücke und verbranntes Holz ein archetypisches Gepräge erhält (120 000/ 160 000). Einer industriellen Formensprache folgt Giuseppe Uncini mit Zementarbeiten wie dem gerasterten „Cementoarmato“ von 1962 (110 000/ 160 000). Von Alighiero Boetti stammt das fein gestrichelte Textbild „Giogare“ von 1976 (80 000/100 000), Tano Festa gibt sich in seinem poppigen Gemälde „Da Mondrian a Michelangelo“ als flotter Zitierer (60 000/80 000).

Unter den österreichischen Zeitgenossen erlebt gerade Erwin Wurm einen Höhenflug – nicht zuletzt aufgrund seines Humors, der auch aus der schwarz patinierten Bronze einer Wärmeflasche mit Füßen „Mutter“ spricht (70 000/ 120 000). Die „Erweiterung des Skulpturbegriffs“ hat allerdings lange vor Wurm Franz West vorangetrieben, dessen Pappmaché-Plastiken an Wurms Passstücke gemahnen, ohne solche zu sein; etwas Spielraum bleibt dennoch: Wests vom Kollegen Herbert Brandl 1987 ockergelb bemaltes Objekt kann gestellt oder gehängt werden (45 000/70 000).

Auch mit Albert Oehlen verstand sich West prächtig, von dem die aus drei gemusterten Stoffen zusammengenähte und bemalte Leinwand „Am Bahnhof (angekommen)“ mit Datierung 1993/99 vorliegt (40 000/60 000). Martin Kippenbergers Collage „Geflochtene“ treibt ebenfalls mit Ornamenten ihr Spiel, wobei 1989 geflochtenes Papier und feiner Siebdruck auf Folie zum Einsatz kamen (40 000/60 000).

Quelle: F.A.Z.
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