Christie’s-Jubiläum

Alles begann in Pall Mall mit vielen Flaschen Madeira

Von Anne Reimers/London
 - 10:03

Die beiden weltweit führenden Auktionshäuser liefern sich seit Jahrzehnten ihre Kopf-an-Kopf-Rennen, um die höchsten Umsätze wie ums Prestige. Früher gegründet wurde eindeutig Sotheby’s, nämlich im Jahr 1744. Das Haus etablierte seinen Ruf zunächst als Spezialist für Bücher und Handschriften. Was die Erfahrung im Vermitteln von Kunst angeht, hat Christie’s die Nase vorn. Der Gründer James Christie hielt zwar seine erste Auktion in Pall Mall am 6. Dezember 1766 mit Gegenständen der Haushaltsauflösung einer „noble personage“: darunter „a large quantity of Madeira and high-flavour’d Claret“ sowie „a very curious cabinet inlaid with ivory“. Seine zweite Auktion im März 1767 war aber schon ganz der Kunst gewidmet. Das 250. Jubiläum steht also an.

In seiner Geschichte der Londoner Auktionshäuser schreibt Jeremy Cooper 1977, dass Christie’s traditionell einen Ruf als „Establishment Auctioneers“ hatte, enger Verbindungen zum britischen Adel wegen – und dem damit verbundenen Angebot an Alten Meistern und Antiquitäten. Ein früher Beleg dafür ist James Christies Rolle beim wohl wichtigsten Privatverkauf des 18. Jahrhunderts: Das ist die Vermittlung von mehr als zweihundert Stücken aus der spektakulären Sammlung von Sir Robert Walpole in Houghton Hall an Zarin Katharina die Große im Jahr 1779. Ursprünglich sollten die Objekte öffentlich versteigert werden. Stattdessen wanderten sie aber im Paket für 40 550 Pfund nach Sankt Petersburg in die Eremitage.

Das derzeit teuerste, jemals in einer Auktion verkaufte Kunstwerk

Wenn es dem europäischen Adel schlechtging, profitierte der Londoner Auktionsmarkt, ob zur Zeit der Französischen Revolution oder nach dem Ersten Weltkrieg. Wenn die Sammlungen bekannter aristokratischer Familien unter den Hammer kamen, versammelte sich die modische Elite, um dem ausgeklügelt inszenierten Theater beizuwohnen – und sich ihres eigenen guten Geschmacks zu versichern. James Christie, wie später auch sein Sohn, setzten außerdem auf enge Verbindungen zu bekannten Künstlern wie Thomas Gainsborough, deren Anwesenheit im Saal und bei den public viewings zur Reputation des Hauses beitrug. Man machte sich mit dem Verkauf von Künstlernachlässen, darunter denen von Joshua Reynolds und Johann Zoffany, einen Namen. Schon damals ging es um das Erzielen von Rekordpreisen, als Marketingstrategie und als Vorzeichen für zukünftige Preisentwicklung: Entsprechend dieser Nervosität befand der finnische Kunsthistoriker Carl Tancred Borenius, erster Professor für Kunstgeschichte am University College in London und Mitbegründer des Kunstmagazins „Apollo“, in seinem Bericht für die deutsche Zeitschrift „Kunst für Alle“ den Verkauf des Nachlasses von John Singer Sargent 1925 bei Christie’s als „nicht so sehr historisch wie hysterisch“. Die unter Geboten, die aus Amerika gekabelt wurden, in irrsinnige Höhen getriebenen Preise könnten „keineswegs ein Kriterium für die zukünftigen Sargent-Preise abgeben“, kommentierte Borenius weiter.

Vor allem die Maler, die im viktorianischen Zeitalter – jener Ära, die laut dem Kunsthistoriker Christopher Wood den „größten Boom der Kunstgeschichte“ erlebte – am höchsten im Kurs standen, mussten bis heute die unglaublichsten Wertkurven verkraften. Lawrence Alma-Tadema zum Beispiel konnte zu Lebzeiten 5000 Pfund für einen Auftrag verlangen, das entspricht heute etwa 500 000 Pfund. Sein wohl berühmtestes Gemälde, das mehr als zwei Meter breite, bacchantische Gelage „The Roses of Heliogabalus“ von 1888, bei dem die anwesenden Gäste in einem Meer von Rosenblättern ersticken, war ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod fast nichts mehr wert. Das Bild wechselte in den sechziger Jahren für 105 Pfund den Besitzer. Im Jahr 1973 konnte es dann schon für 20 000 Pfund verkauft werden. Das Blatt wendete sich erst 1993 endgültig, als der spanische Unternehmer Juan Antonio Pérez Simón sich dafür gegen den Musical-Mogul Andrew Lloyd Webber, beide passionierte Sammler dieser Kunstepoche, mit 1,65 Millionen Pfund im Auktionssaal bei Christie’s durchsetzte.

In der Geschichte des Hauses fielen natürlich noch mehr Rekorde. Dazu gehören auch die 24,75 Millionen Pfund, welche die Yasuda Fire and Marine Insurance Company of Tokyo 1987 in London für Van Goghs „Fünfzehn Sonnenblumen“ bewilligte. Stets hielt Christie’s an seinem Stammsitz in London – seit 1823 in der King Street im noblen Viertel St.James’s – fest, doch die größten Versteigerungen finden schon lange im Rockefeller Plaza in New York statt. Von dort kommen inzwischen auch die meisten Rekordmeldungen: Das derzeit teuerste, jemals bei einer Auktion verkaufte Kunstwerk sind Picassos späte „Les femmes d’Alger (Version‚O‘)“, die im vergangenen Jahr 179,36 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) einspielten.

Bentleys statt luxuriöser Pferdekutschen

Die deutsche Fachzeitschrift „Kunstchronik“ beschrieb Christie’s schon 1898 als ein „Welthaus“ und James Christie als den „Mann, welcher eine richtige Idee zur richtigen Zeit praktisch ausführte“: in ebendem Zeitalter nämlich, als die Aristokratie langsam den Rückzug anzutreten begann und die Kunst sich immer mehr zum Allgemeingut entwickelte. Entsprechend sind die Zeiten längst vorbei, als ein einflussreicher Mäzen wie Lord Chesterfield in luxuriös ausstaffierter Kutsche mit sechs Pferden, Vorreitern und Dienerschaft vorfuhren. Dafür stehen heute manchmal ein Bentley oder auch Rolls-Royce vor dem Gebäude in der Londoner King Street, vor allem wenn Alte Meister oder Impressionisten aufgerufen werden.

Heute unterhält Christie’s mit 2500 Mitarbeitern Dependancen in elf über den Globus verteilten Städten, von Amsterdam und Genf bis nach Hongkong, Dubai und Bombay. Den Jahresumsatz der Firma, die sich seit 1998 als Prestige-Marke im Besitz des französischen Unternehmers und Kunstsammlers François Pinault befindet, lag 2015 nach eigenen Angaben bei 5,7 Milliarden Euro. Weil Christie’s, anders als die Konkurrenz Sotheby’s, nicht an der Börse notiert ist, ist das Haus nicht zur Offenlegung des Umsatzes verpflichtet.

Eines aber ist gleichgeblieben, bei allen Wandlungen in den vergangenen 250 Jahren, samt den Herausforderungen des globalisierten Kunstmarkts: dass nämlich mit jeder Versteigerung neu über das Schicksal eines Auktionshauses entschieden wird.

Quelle: F.A.Z.
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