Autographen

Obacht, Kunscht!

Von Brita Sachs
 - 10:00

Kandinsky ist durchaus bereit, für einen Vortrag nach Stuttgart zu kommen, aber selbstverständlich müssen die Konditionen stimmen. Das Honorar von dreihundert Mark ist in Ordnung, großen Wert legt der Künstler aber auch auf die richtige Unterkunft: Ein „ruhiges 2bettiges Zimmer“ soll es sein, nicht zu teuer und mit fließend kaltem und warmem Wasser, schreibt er dem Kunsthaus Schaller. Dem Wunsch konnte offenbar entsprochen werden. Jedenfalls reist Kandinsky 1928 aus Dessau an, wo er damals am Bauhaus lehrt, spricht bei Schaller über „Abstrakte Kunst (Wesen und Geschichte)“ und stellt dort auch gemeinsam mit George Grosz und Max Ackermann aus.

Das 1860 gegründete Kunsthaus Schaller hatte zunächst mit Landschaftsfotografie und fototechnischem Zubehör gehandelt. Als 1924 Walther Zluhan dazustößt, ein Schwiegersohn des damaligen Eigentümers, gedeiht das Haus zu einer wichtigen Adresse für zeitgenössische Kunst in der Region. Sein 125.Jubiläum feierte es noch groß. Aber 1999 macht Schaller Konkurs; das Archiv der Firma hat überlebt. Daraus bietet der Tutzinger Autographenhändler Eberhard Köstler im mit „Kunscht“ betitelten „Katalog 169“ Briefe von Künstlern der Moderne an – von Größen bis zu Lokalmatadoren.

Das Weihnachtsgeschäft will wahrgenommen werden

Wenn Ausstellungsprojekte diskutiert, Exponate besprochen werden, ist das Stuttgarter Haus oft der Konkurrenz bekannter Händler ausgesetzt. Da enttäuscht zum Beispiel Alexander Kanoldt 1924 mit der Mitteilung, er sei völlig ausverkauft, könne nur weniger schicken als gewünscht und plane im Übrigen eine große Ausstellung bei Thannhauser in München. Ähnlich Otto Dix, in seltenen Schreiben aus der Vorkriegszeit: Angefragte Bilder vom Hohentwiel seien entweder schon verkauft oder noch nass und Zeichnungen müsse man von der Galerie Buchholz kommen lassen. Anders ist die Situation in den fünfziger Jahren, da möchte Dix bei Schaller durchaus das Weihnachtsgeschäft wahrnehmen.

Karl Hofer klagt 1928 bitter über seine Hauptgalerie Flechtheim, die „überhaupt nichts versucht hat, die Sachen zu verkaufen“. Aber Hofer jammert eben gern: Mal ist er auf der Suche nach seinen Bildern, mal war es im Tessin zwar „schön wie immer, aber die künstlerische Ernte geringer, weil die Gefahr der Wiederholung immer größer wird“. Was Wunder, geht es in den Korrespondenzen häufig um Geld. Der in „pekuniären Schwierigkeiten“ steckende Jawlensky versucht 1924/25 Delaunays „La Ville No.1“ zu verkaufen, das er 1912 in München in der ersten Blaue-Reiter-Ausstellung erworben hatte. Von 2300 Mark lässt er sich auf 1500 Mark drücken, für weniger will er das heute verschollene Gemälde nicht hergeben. Ganz andere Sorgen plagen Nolde: „Es ist so merkwürdig“, schreibt er 1930 über ein von der Galerie verkauftes Werk, „dass ich mich des Bildes gar nicht erinnern kann“, um im nächsten Brief zu befürchten, es sei nicht echt. Um welches Werk es sich handelt, erfährt man leider nicht.

Dann die Beschwerden sensibler Künstlerseelen: Sieben Briefe lang regt sich der Tiermaler Josef Kerschsteiner auf darüber, dass die Galeristen Bilder ins Schaufenster hängten, die er dort auf keinen Fall haben wollte. Nie mehr werde er in einer „Kunsthandlung“ ausstellen. Fritz Klimsch wiederum, soeben auf einer großen Erfolgswelle bei den Nationalsozialisten schwimmend, verbietet 1939, seine Arbeiten in die Stuttgarter Reichsgartenschau weiterzugeben: „Ich kenne die Art Plastiken, die da zur Schau gestellt wird. Es sind da die widerwärtigsten Objekte in der Überzahl.“

Jahrzehnte nach Kandinsky sollte 1980 auch Otto Herbert Hajek bei Schaller einen Vortrag halten. Wütend sagt er ab: „Ich geniere mich wegen des Rufmordes in Stuttgart unter Leute zu gehen“, empört er sich, seit ein Artikel in einer Postille der städtischen Kulturpolitik ihn als „Mensch und Bildhauer diffamiert“ habe. (Die Preise rangieren zwischen 80 und 2200 Euro.)

Quelle: F.A.Z.
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