Bassenge-Ergebnisse

Die Frau beim Dengeln

Von Camilla Blechen
 - 10:00

Mehr als den doppelten Schätzpreis von 50 000 Euro erzielte bei Bassenge in Berlin die Rarität einer mit Feder und Pinsel überarbeiteten Radierung von Käthe Kollwitz. Erworben wurde die „Frau mit Sense“ vom Käthe Kollwitz Museum in Köln, dessen finanzieller Träger, die Sparkasse, den Ankauf beim Zuschlag von 110 000 Euro ermöglichte. Das ganzfigurige Porträt einer älteren Frau „Beim Dengeln“ basiert auf der verworfenen zweiten Fassung des dritten Blatts im 1908 abgeschlossenen „Bauernkrieg“-Zyklus. Seine Kostbarkeit erhöht die Signatur der Künstlerin auf dem unbehandelt gebliebenen Teil des Papierbogens.

Von 25 000 auf 70 000 Euro kletterten die markanten Köpfe der Brüder Konrad und Franz Eberhard, die als Lithographie in direkter Nachfolge eines 1822 datierten Gemäldes des Nazareners Johann Anton Raboux stehen. Dem grauenhaften Anblick einer dreiköpfigen „Chimere“ des 1784 nach Schweden ausgewanderten Franzosen Louis-Jean Desprez setzt sich nach dem Erwerb bei 34 000 Euro (Taxe 15 000) ein belgischer Privatsammler aus. Von 7500 auf 30 000 Euro stieg, übernommen vom Handel, das 1561 gedruckte Aristoteles-Porträt von Melchior Lorch.

Die Katzen wurden eingefangen

Aloys Zötls „Ocelot. Felis Pardalis“, im mexikanischen Urwald auf Beutejagd, ließ sich bei 25 000 Euro (28 000) von einem Schweizer Bieter einfangen. Die beiden Katzen des Japaners Tsuguhara Foujita verließen ihre Ruheplätze zu Preisen von 6500 und 7500 Euro. Unerwartet hoch bewertet wurden die zwei, an Scherenschnitte gemahnenden Federzeichnungen des Naturapostels und Lebensreformers Karl Wilhelm Diefenbach. In Zusammenhang mit dem monumentalen Fries „Per aspera ad astra“ entstanden, kletterten die „Seiltänzer“ von 3000 auf 13 000, die „Akrobaten“ von 2500 auf 11 000 Euro.

Ohne Gebot blieb beim Ausruf von Kunst des 20.Jahrhunderts das mit 200 000 Euro bezifferte Porträt der Schwester von Max Pechstein. Von 28 000 auf 40 000 Ero stieg das großformatige „Monument der Tröstungen“, auf dem sich der jüngst gestorbene Berliner Johannes Grützke 1971 gleich viermal in theatralischen Posen dargestellt hatte. Ein süddeutscher Sammler fand bei 20 000 Euro, zur Taxe, Gefallen an den üppigen Formen der entkleideten Ehefrau von George Grosz. Ein türkischer Privatier bezahlte 34 000 Euro (6500) für Lotte Lasersteins Selbstbildnis an der Staffelei. Auch die frühe Jeanne Mammen stieg – mit einem flott aufs Papier geworfenen Ganovenpaar – von 800 auf 4200 Euro. Einen Rückgang verkraften musste Conrad Felixmüllers für 30 000 Euro angebotener Farbholzschnitt „Versammlungsredner“.

Renée Sintenis’ Porträtkopf des „Kuttel Daddeldu“ von Joachim Ringelnatz spielte 12 000 Euro (15 000) ein, Picassos an Stammeskunst orientierte bronzene „Poupée“, von sechs Telefonbietern umworben, kam auf 15 000 Euro (6000). Als deutlich unterschätzt erwies sich das einer britischen Privatsammlung entstammende großformatige Gemälde „Auferstehung“ des Leipziger Malers Volker Stelzmann, das sich von 3500 auf 16 000 Euro verbesserte. Bei ebenfalls 16 000 Euro übernahm ostdeutscher Handel Werner Tübkes Studie zum im Dresdener Albertinum bewahrten, frühen „Requiem“. Zur größten Überraschung des Hauses kämpften neun Bieter um die Miniatur „Herr mit weißem Kragen“ aus dem Goldenen Zeitalter der spanischen Malerei, die von 300 auf 48 000 Euro emporschnellte. Sollte dort Velázquez die Palette gehalten haben?

Zuvor war in der herbstlichen Autographen-Auktion von Bassenge keiner öffentlichen Institution, etwa dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, Georg Trakls eigenhändige Abschrift seines Gedichts „Kleines Konzert“ zugefallen. Ein Schweizer Aficionado des expressionistischen Dichters übernahm bei 56 000 Euro (25 000) das 1910/11 in Salzburg entstandene Loblied auf „gelbe Felder, goldne Wälder“. Die aufschlussreiche Korrespondenz zwischen Emil Nolde und seinem Verehrer Arthur Katt, dabei ein Handschreiben des Hamburger Museumsdirektors Max Sauerlandt, stieg von 6000 auf 24 000 Euro. Richard Wagners Bitte an seine Stieftochter Natalie Planer, eine Versöhnung mit seiner ersten Ehefrau Minna herbeizuführen, wurde bei 15 000 Euro (5500) an einen privaten Bieter abgegeben. Unter der Taxe von 15 000 Euro übernahm das Deutsche Historische Museum bei 12 000 Euro Erich Honeckers Konzept für seine am 3. Dezember 1992 vor dem Berliner Landgericht gehaltene Verteidigungsrede gegen den Vorwurf der „Beihilfe zum Totschlag“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Blechen, Camilla (C.B.)
Camilla Blechen
Redakteurin im Feuilleton.
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