Kulturgutschutz als Makel?

Standortfreude

Von Rose-Maria Gropp
 - 08:00

Postwendend nach der Versteigerung von Beckmanns „Ägypterin“ kam eine Pressemitteilung des Bundesverbands deutscher Kunstversteigerer (BDK), mit der Überschrift „Ermutigendes Signal für den deutschen Kunsthandelsstandort“. Das ist gut und schön und wahr. Etwas befremdlich klingt die Begründung für diese Freude, hier im Wortlaut: „Das Inkrafttreten des neuen deutschen Kulturgutschutzgesetzes (KGSG) im August 2016 führte dazu, dass Sammler viele hochwertige und bedeutende Kunstwerke außer Landes geschafft haben, aus der Sorge heraus, dass sie ansonsten als national wertvolles Kulturgut deklariert würden. In einem solchen Falle wären sie dem internationalen Kunstmarkt entzogen, was in aller Regel zu einer erheblichen Wertminderung führen würde.

Dass vor diesem Hintergrund ein so bedeutendes Gemälde der Klassischen Moderne, welches aus dem Nachlass des Beckmann-Forschers Erhard Göpel stammte, nicht nur in Deutschland verblieb, sondern auch einem deutschen Auktionshaus für den Verkauf anvertraut wurde, kann als deutliches Zeichen eines berechtigten Vertrauens in den Standort Deutschland gewertet werden.“

Gerät da nicht etwas durcheinander? Denn, ja, das Bild ist besonders attraktiv. Doch, nein, eines ist es nicht: nämlich ein „Kulturgut“, das „besonders bedeutsam für das kulturelle Erbe Deutschlands“ und „damit identitätsstiftend für die Kultur Deutschlands“ wäre, so dass „seine Abwanderung einen wesentlichen Verlust für den deutschen Kulturbesitz bedeuten“ würde, weshalb „sein Verbleib im Bundesgebiet im herausragenden kulturellen öffentlichen Interesse“ läge – so weit der Wortlaut von Paragraph 7 des KGSG.

Dafür steht Beckmanns kleines Gemälde nicht, selbst angesichts seiner Provenienz. Das wussten natürlich auch seine Einlieferin Barbara Göpel und das Auktionshaus Grisebach. Andernfalls wäre – so ließe sich gemäß der aktuellen Argumentation des BDK folgern – das zudem durch Ausstellungen weltweit bekannte Bild längst aus Deutschland verbracht worden – vor Inkrafttreten des KGSG Anfang Juli 2016.

Deutschland spricht das Klientel ebenso gut wie Amerika oder Asien an

Wo aber liegt das Problem? Es liegt nicht zum Geringsten in der massiven Kampagne, die gerade auch von den deutschen Kunsthandelsverbänden vor nun gut drei Jahren losgetreten wurde gegen die Novellierung des Gesetzes. Dies, bevor die endgültige Fassung überhaupt bekannt war; wobei einzuräumen ist, dass erste durchgestochene Entwürfe mit unhaltbaren, später revidierten Passagen dabei unheilvoll mitgewirkt haben. Aber dieser Alarmismus nahm solche Formen an, dass sich deutsche Besitzer hochwertiger Werke der Klassischen Moderne, des Impressionismus und des deutschen Expressionismus dazu veranlasst sehen konnten, ihr Eigentum außer Landes zu bringen – gewissermaßen kurz vor einer Beschlagnahme, so die Insinuation.

Was also jetzt? Bis heute ist nicht erwiesen, in welchem Umfang das tatsächlich geschehen ist. Herumgesprochen hat sich immerhin inzwischen, was die Empirie schlicht belegt: Kein gutes, sogar herausragendes Gemälde der Moderne in Privatbesitz ist, soweit bekannt, bisher als „identitätsstiftend für die Kultur Deutschlands“ durch das KGSG blockiert worden. Und bestimmt richtig ist, dass die global agierenden Auktionsfirmen Beckmanns „Ägypterin“ liebend gern genommen hätten – allein, das Bild wäre gar nicht an der Ausfuhr gehindert worden.

Der – das ist doch entscheidend – in Berlin erzielte Preis beweist vor allem, dass die internationale, für Werke dieses Kalibers finanziell ausgestattete Klientel zu einer Auktion in Deutschland so gut findet wie nach Amerika, England oder Asien. Vielleicht sollte man Entwarnung geben an die aufgeschreckten deutschen Privatsammler. Ein wenig klingt das ja an in der freundlichen Mitteilung des Bundesverbands deutscher Kunstversteigerer. Das ist die richtig gute Nachricht.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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