Beirut Art Fair

Eine Messe im Widerstand

Von Lena Bopp/Beirut
 - 20:00

Messehallen haben selten etwas Glamouröses an sich, und das Gebäude der Beirut Art Fair bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Der staubige, dunkle Bau liegt gleich am Meer auf einem Gelände, das ein Niemandsland aus trockenen Gräsern, Baustellenschutt und breiten, ins Nirgendwo führenden Straßen ist, die einst dazu gedacht waren, dort geplante Luxushäuser mit Meerblick zu errichten, bevor den Investoren das Geld (oder das Interesse) ausging. Da ist es gut, wenn man, wie Laure d’Hauteville, die Gründerin und Direktorin der Beirut Art Fair, jene ausgeprägte Fähigkeit besitzt, die Umgebung auszublenden, die vielen Libanesen eigen ist. Die Messe, sagt sie in perfektem Französisch, sei im Vergleich mit der bekannteren Messe in Dubai vor allem intellektueller – „plus intello“ – und anspruchsvoller; was dann auch dem Bild Beiruts in der Region entspreche.

In diesem Jahr, dem achten der Beirut Art Fair, in dem sich die Messe als etabliert betrachtet, hat Laure d’Hauteville auf den Tisch gehauen: „Wir wollen eine engagierte Messe sein, wir kämpfen für die Freiheit“, sagt sie, ballt schmunzelnd die Faust und blickt in Richtung einer Ausstellung, die das Herzstück des überschaubaren Geschehens bildet. Die Schau trägt den Titel „Ourouba“ und versammelt Werke arabischer Künstler aus den vergangenen zehn Jahren, welche die Kuratorin Rose Issa aus den Depots von etwa zwanzig ausschließlich libanesischen Sammlern entliehen hat. Jedes einzelne Werk ist politisch. Es geht um Zensur und Korruption, Verfall und Zerstörung, um Religion und Gewalt. Mithin um Dinge, die mancher schon als stereotyp in Verbindung mit arabischer Kunst begreifen mag, die von der Kuratorin aber als kräftiges Ausrufezeichen inszeniert worden sind.

Kaum an einem anderen Ort in der arabischen Welt denkbar

Es mag richtig sein, dass Fotos wie jene des saudischen Arztes und Fotographen Ahmed Mater, der die Kommerzialisierung der heiligen Stätten in Mekka abbildet, auch auf der „Art Dubai“ gehandelt worden sind. Doch in der Zusammenstellung mit, zum Beispiel, dem Stacheldraht, den Abdul Rahman Katanani aus einem Beiruter Palästinenserlager genommen und zu einer sich brechenden Meereswelle geformt hat; zusammen mit dem Fußabtreter von Mona Hatoum, der „Welcome“ verspricht, aber aus spitzen Nägeln besteht und auf die Gefahren auch in so gastfreundlichen Ländern wie jenen der Region verweist; und in Verbindung mit dem Bild „BarriersI“ des großartigen Ayman Baalbaki, der einen jener Betonklötze gemalt hat, die auch am Straßenrand vor der Messehalle stehen und verhindern sollen, dass dort mit Sprengstoff beladene Autos geparkt werden – in dieser dichten Konzentration von scharfer Kritik ist eine Schau wie „Ourouba“ tatsächlich kaum an einem anderen Ort in der arabischen Welt denkbar.

Diese Messe versteht sich also als Widerstandsnest – und damit auch als eine Hommage an Beirut. Rose Issa hat sicher recht, wenn sie sagt, dass Beirut der beste Lebensort für Künstler in der Region sei, weil es hier (noch) möglich ist, über alles und jeden zu sprechen, zu malen und zu arbeiten. Entsprechend hoch ist auch der Anteil der libanesischen an den insgesamt 51 Galerien, die den meist aus der Region, aus Jordanien, Ägypten und Dubai, aber auch aus Frankreich stammenden Besuchern ihre Kunst anbieten. Eine Fortsetzung der kämpferischen Spannung, welche die Schau „Ourouba“ umweht, sucht man an den Ständen allerdings meist vergeblich.

Eher zu finden sind Werke, die, vor allem dort, wo sie auf den seit Jahren dauernden Krieg im benachbarten Syrien anspielen, eine nicht zu übersehende Erschöpfung ausdrücken. So etwa in den Arbeiten des Marokkaners Mounir Fatmi (bei der Schweizer Galerie Analix Forever), der Collagen aus Acrylzeichnungen von in der Luft hängenden Wurzeln und Fotos von syrischen Frauen gefertigt hat, die in den zwanziger Jahren bei der Flucht in die Vereinigten Staaten in Ellis Island ankamen. Oder in dem Bild „Motherhood“ des syrischen Malers Saad Yagan (bei Kozah Art Gallery aus Syrien), das eine Schar von schwarz umhüllten, dicht aneinandergedrängten und tieftraurigen Frauen zeigt, die in ihrer Mitte eine nackte Tote tragen, eine von ihnen.

Weitere interessante Arbeiten sind außerhalb der eigentlichen Messe zu finden: nebenan, wo zum ersten Mal die „Beirut Design Fair“ ihre Türen geöffnet und eine ganze Halle ausschließlich mit den Produkten libanesischer Designer bestückt hat. Und in jenem „Gelben Haus“ an der ehemaligen Frontlinie, die während des libanesischen Bürgerkriegs mitten durch Beirut verlief. Denn dort verweist die Künstlerin Zena el-Khalil in ihrer bemerkenswerten Schau „Sacred Catastrophe: Healing Lebanon“ auf die Frage nach möglicher Versöhnung und Vergebung, welche die libanesische Gesellschaft trotz aller Freiheit bis heute nicht beantwortet hat.

Beirut Art Fair und Beirut Design Fair; bis zum 24.September.

Quelle: F.A.Z.
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