Buchrezension

Wirklich ein Pionier

Von Peter Kropmanns
 - 10:00

Der Berliner Kunstmarkt war zwischen 1900 und 1933 weltweit einer der bedeutendsten. Zahlreiche Galeristen, die dazu beigetragen haben, wie Hermann Pächter oder Fritz und Wolfgang Gurlitt, sind geradezu legendär geworden. Einige von ihnen, denen ebenfalls eine Reihe bemerkenswerter Ausstellungen und die Vermittlung herausragender Werke an Sammler und Museen zu verdanken ist, wurden durch Publikationen und Ausstellungen in jüngerer Zeit geehrt, darunter Martin Keller und Carl R. Reiner (Keller & Reiner), Paul Cassirer, Herwarth Walden und Alfred Flechtheim, Ferdinand Möller oder Karl Nierendorf.

Obwohl andere Kunsthändler oft erwähnt werden, sind ihre Konturen nurmehr blasser erhalten. Dazu gehören Vorgänger, wie Hermann Amsler und Theodor Ruthardt (Amsler & Ruthardt). Nun widmet sich ein Buch einer dieser herausragenden Figuren im 19. Jahrhundert: Louis Friedrich Sachse (1798 bis 1877). Der gebürtige Berliner war väterlicherseits katholischer, mütterlicherseits hugenottischer Abstammung. Die Eindeutschung seiner Vornamen Frédéric Louis war wohl Programm: Sachse setzte sich sowohl für französische wie für deutsche Kunst ein – etwa die von Adolph Menzel – und kann mit Fug und Recht als Begründer des Berliner Kunstmarkts bezeichnet werden. Eine erste grundlegende Würdigung von Leben und Wirken Sachses erfolgte 1934; Nicolaas Teeuwisse hat sie in seiner verdienstvollen Überblicksdarstellung zum Berliner Kunstleben „Vom Salon zur Secession“ 1986 fortgesetzt. Später haben Kerstin Bütow, Annette Schlagenhauff und France Nerlich bis dahin ungehobenes Archivmaterial veröffentlicht und der Bedeutung Sachses für den deutsch-französischen Kulturtransfer neue Perspektiven abgewonnen.

Eine fraglos schillernde Figur

Der jetzt erschienene Band ist mit Abstand die bisher umfangreichste Studie. Auf den ersten Blick erschlägt das Buch von Anna Ahrens einen fast mit seinen 760 Seiten; es geht auf ihre Dissertation zurück. Aber dann besticht es schnell durch seinen Aufbau, der chronologisch wie auch thematisch ist, und seine Fülle an gut miteinander verknüpften Haupt- und Nebenschauplätzen. Es steckt zudem voller faszinierender Zitate aus Reisetagebüchern, Briefen und anderen Quellen. Die Autorin gibt Einblick in Sachses Leidenschaften und Psyche, aber auch in den Geist seiner Epoche und seiner Heimat Preußen. Ahrens nennt die fraglos schillernde Figur so lapidar wie treffend einen „Pionier“.

Louis F. Sachse, ein Lockenkopf mit Brille, wie man sie von Franz Schubert kennt, machte als junger Mann erste befeuernde wie niederschmetternde Erfahrungen: Von 1819 bis 1925 war er zunächst drei Jahre Privatsekretär von Wilhelm von Humboldt – und dann, in Zeiten der Bekämpfung liberaler Bestrebungen an Universitäten und in der Presse, wegen des Vorwurfs demagogischer Umtriebe nicht weniger als drei Jahre in Festungshaft. Auch wenn er wegen guter Führung entlassen wurde, war an eine Beamtenlaufbahn nicht mehr zu denken, und noch als er sich selbständig machen wollte, legte man ihm polizeiliche Knüppel in den Weg. Im Jahr 1825 ließ er sich dann in Berlin, Paris und München zum Lithographen ausbilden. Damals war der Steindruck in Berlin noch vorwiegend Gebrauchsgrafik, etwa für Partituren und Kartendruck, doch Sachse erkannte sein Potential und wandte sich bald der Förderung künstlerischer Grafik zu.

Er zählte zu den Ersten, die bemerkten, dass die deutsche Erfindung von Alois Senefelder in Frankreich zum Experimentierfeld der Künstler geworden war – mit faszinierenden Ergebnissen. Die Franzosen hatten seit Gründung der ersten lithographischen Betriebe in Paris um 1815/16 außerdem den Vertrieb entwickelt. Sachse lernte dort, wie das Produkt vom Atelier des Künstlers und der lithographischen Werkstatt zum Käufer gelangte und wie man dafür warb. Danach suchte er Senefelder in München auf, um sich bei ihm Ratschläge zu holen, und kehrte nach Berlin zurück, um dort ein „lithographisches Institut nach Pariser Art“ zu gründen.

Sein 1828 in der Jägerstraße am Gendarmenmarkt gegründetes Unternehmen wurde schnell zu einer ersten Adresse für künstlerische Grafik. 1835 begann er, in seinem Salon Ausstellungen zu zeigen. Und er wandte sich auch dem Handel mit französischen Aquarellen und Ölgemälden zu: damals in Berlin eine Novität. Damit blieb er am Puls der Zeit, hatte doch die Pariser Zeitschrift „L’Artiste“ 1835 geschrieben: „Den Künstlern ersetzt der Handel die Gönnerschaft der Fürsten und Herrschaften.“ Und Sachse schrieb 1836 an seine Frau: „Du weißt, dass nicht meine Lithographie, sondern mein Bildergeschäft jetzt das Wesentliche ausmacht.“

Viertausend Werke von 1207 Künstlern

Nur drei Jahre später änderte sich erneut die Situation: Sachse begriff schnell die Bedeutung der 1839 erfundenen Daguerreotypie. Kaum hatte das fotografische Verfahren in Paris für großes Aufsehen gesorgt, orderte er dort Apparaturen, Chemikalien und Aufnahmen: „Die 6 Kisten sind eingetroffen, aber in welchem Zustande! Unsere Chemiker staunen, wie man Säuren und besonders Quecksilber auf diese leichtfertige Weise verpacken kann. Das ist die Verpackung für einen Milchwagen von St.Cloud nach Paris, und da schon kann man sich gratulieren, wenn nichts entzwei geht!“, beschwerte er sich beim Lieferanten. Trotz dieser Alltagssorgen konnte er wenig später die ersten Lichtbilder in Berlin erproben und an allerhöchster Stelle vorführen, am Hof. Anna Ahrens widmet der Lithographie und der Fotografie je ein Kapitel ihres Buchs, das dritte Kapitel gilt Sachse und der zeitgenössischen Malerei.

Denn 1853 eröffnete er eine „Permanente Gemäldeausstellung“. Damit war Berlin um einen Treffpunkt der Gesellschaft und um eine Attraktion auch für Reisende reicher – und ein weiterer Grundstein für den späteren Aufstieg zur Kunsthauptstadt war gelegt. Das Angebot bei Sachse umfasste Werke der „Düsseldorfer Schule“, etwa der Achenbachs oder Schirmers, und von Franzosen, dabei Salongrößen und Romantiker, aber auch Maler der „Schule von Barbizon“, ferner Belgier und Niederländer, Berliner und Münchner. Die ständige Schau enthielt stets neue Exponate, und 1865 lautete die Bilanz, dass man viertausend Werke von 1207 Künstlern gezeigt hatte. Dabei widmet sich Ahrens nicht nur der Kunst, die Sachse direkt aus Düsseldorf oder Paris bezog, oder den Bildern, die er aus Ateliers in Berlin und aus anderen Regionen kommen ließ. Sie gibt auch Einblick in die Kontakte zu Geschäftspartnern, darunter auch Paul Durand-Ruel in Paris.

Im Jahr 1856 holte Sachse seinen Sohn Louis Alfred, der eine Banklehre absolviert hatte, in sein Geschäft. Allerdings schickte er ihn erst einmal zu einer Lehre nach Paris. 1874 zogen die Sachses in die ebenfalls dem Gendarmenmarkt benachbarte Taubenstraße um, in einen von ihnen in Auftrag gegebenen Neubau. In „Sachse’s Internationalem Kunstsalon“, so nun der Firmenname, veranstaltete Louis Alfred zunehmend „Kunst-Versteigerungen“: Während das Pariser Hôtel Drouot schon 1852 gegründet worden war, hatten in Berlin bis in die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts nur wenige Auktionen stattgefunden. Größter Konkurrent der Sachses war seit 1869 Rudolph Lepke, der später als Gründer des ersten Berliner Auktionshauses in die Annalen einging.

Assistent von Wilhelm von Humboldt

Kurz nach der Reichsgründung stellte das Unternehmen von Louis F. und Louis A. eine führende Adresse für den Handel mit Originalen und Reproduktionen dar – die Lithographie war übrigens inzwischen vom Kupferstich verdrängt worden –, und man begann mit einer eigenen Kunstzeitung. Sowohl die Redaktion der „Kunst-Correspondenz“ als auch der Neubau in der Taubenstraße, dessen Kosten explodiert waren, hatten aber zu viel Energie gebunden; die Firma geriet in Schieflage. Zudem bewirkten ein nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 vorübergehender deutlicher Rückgang von Angebot und Nachfrage französischer Kunst wie auch eine Börsenkrise Turbulenzen in den Geschäftsbüchern. Allein mit der Vermietung von Räumen an Vereine und Konzertveranstalter ließen sich die Verluste nicht auffangen. 1875 musste Louis F. Sachse erleben, wie sein traditionsreiches Haus liquidiert wurde; zwei Jahre später starb er.

Das ist ein bitteres Ende für jemanden, der manche Krise gemanagt hatte, an Erfolg gewöhnt war und ein Energiebündel gewesen sein muss. Schon sein Vater, ein Perückenmacher, hatte sich, als der Zopf aus der Mode kam, beruflich umorientieren müssen. Seine Mutter, die früh Witwe wurde und einen bescheidenen Tabakhandel weiterführte, mag gleichermaßen ein Vorbild gewesen sein. Seine studentischen Tätigkeiten als Schreiber des Verwalters von Fürst Hardenberg und Assistent von Wilhelm von Humboldt und seine frühe Mobilität – 1825 musste er für die Fahrt mit der Kutsche von Berlin nach Paris mit fast neunzehn Reisetagen rechnen – hatten ihm eine Souveränität des Urteils verliehen, die zu großem Erfolg führte. Auf vielen Reisen nach Paris und in andere Städte eignete er sich Kenntnisse über neueste Errungenschaften an, über die die Daheimgebliebenen nicht verfügen konnten. Er setzte dabei Beobachtungen und Begegnungen klug ein, um selbst Neuland zu betreten.

Der durch seine Haft gedemütigte, sicherlich aber auch gestählte junge Louis Friedrich Sachse war ein Vertreter und Akteur des sich emanzipierenden Bürgertums, dessen Ideal es war, Kunst breiten Kreisen zugänglich zu machen. Er war davon überzeugt, dass er durch seine Vermittlung der zeitgenössischen Kunstproduktion Auftrieb geben konnte. Sein Verdienst, den Berliner Kunstmarkt ohne örtliches Vorbild, gewissermaßen aus dem Nichts, etabliert und dabei grenzüberschreitend auf neue Kunst gezielt zu haben, ist unbestritten. Voraussetzung dafür war Sachses Überzeugung, dass über den märkischen Tellerrand geblickt werden musste.

Anna Ahrens, „Der Pionier. – Wie Louis Sachse in Berlin den Kunstmarkt erfand“. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2017. 780 S., zahlr. Abb., kart., 100,- €.

Quelle: F.A.Z.
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