Kunstmarkt
Das deutsche Auktionsjahr 2016

Es war ein sehr gutes Jahr

Von Rose-Maria Gropp

Darüber dürfen wir alle uns freuen: Das Jahr 2016 ist für den deutschen Auktionshandel nicht nur ein gutes, es ist ein sehr gutes Jahr. Mit dem Spitzenzuschlag von drei Millionen Euro für Feiningers bildschöne „Gelbe Gasse“ von 1932 schaffte Grisebach in Berlin den zweithöchsten Zuschlag, der jemals in einer deutschen Auktion erreicht wurde (nach Max Beckmanns „Anni“ 2005 mit 3,5 Millionen im selben Haus). Dahinter steht auf Rang 2 Beckmanns „Stillleben mit brennender Kerze“ von 1921 für 2,5 Millionen Euro, wieder bei Grisebach. An dritter Stelle kommt der zauberhafte „Zweig mit welken Blättern“ von Julius Schnorr von Carolsfeld, den Bassenge in Berlin für 1,7 Millionen Euro vermitteln konnte (zur Erinnerung: eine ähnliche kleine Romantiker-Zeichnung von Friedrich Olivier spielte 2014 am selben Ort 2,6 Millionen ein). Damit liegen drei Lose aus den Herbstauktionen deutlich oberhalb des Spitzenzuschlags im Vorjahr, der einem Nagel-Bild Günther Ueckers galt, mit 1,5 Millionen Euro bei Ketterer in München. Angesichts solcher Erfolge darf mit Erleichterung festgestellt werden: Zur prophezeiten Kunst-„Diaspora“, in die sich Deutschland wegen des Kulturgutschutzgesetzes angeblich verwandeln würde, ist es nicht gekommen. Obwohl das Gesetz seit dem 6. August in Kraft ist. Übrigens gehen der Feininger in die Schweiz und der Beckmann in eine amerikanische Privatsammlung; beide sind älter als 75 Jahre, und beide wurden, laut Provenienzen im Katalog, aus deutschen Privatsammlungen eingeliefert, bedurften also nach der Gesetzesnovelle einer Ausfuhrgenehmigung. Daraus lässt sich immerhin schließen, dass keinesfalls massenhaft Spitzenwerke „kalt enteignet“ werden, wie eine weitere reißerische Vorhersage lautete.

Mit neun der Top-Ten-Zuschläge (auf dreizehn Werke verteilt) dominiert Grisebach 2016 das Feld; Ketterer (2015 mit fünf von sechzehn Spitzenlosen) ist diesmal nicht dabei, so wenig wie Hampel in München. Dafür ist Lempertz in Köln zurück: auf gleich drei Positionen, darunter Rang 4 mit Kirchners „Mädchen in Südwester“ von 1912 für 1,3 Millionen Euro. Von Lempertz als „museales Gemälde“ bezeichnet, scheint auch dieses auf Fehmarn entstandene Porträt von Kirchners Gefährtin Erna Schilling, laut Katalog aus Berliner Privatbesitz, keiner Ausfuhrbeschränkung unterlegen zu haben. Überhaupt: War der deutsche Expressionismus noch 2015, wohl mangels qualitätvoller Einlieferungen, arg ausgedünnt, so ist er jetzt eindrucksvoll zurück. Allein vier (frühere oder spätere) Gemälde von Nolde firmieren in der Spitzenklasse, darunter auf Rang 5 seine prächtigen „Weißen Wolken“ von 1926, die im Frühjahr bei Grisebach 1,25 Millionen Euro einspielten, und auf Rang 6 die „Bewegte See II (Zwei Segler aneinander)“ von 1914, ebendort im Herbst mit einer Million Euro belohnt, geboten aus Norddeutschland.

Mit den Alten Meistern sieht es flau aus, da konnte nur Pieter Brueghels d. J. „Hochzeitsmahl im Freien“ auf Rang 8 klettern, bei Lempertz für 900 000 Euro zugeschlagen. Und richtiggehend verschwunden ist die jüngere Moderne und Gegenwart, die 2015 noch die Ränge 1 und 2 mit Uecker und Lucio Fontana belegte und im Feld mit Otto Piene und Alberto Burri vertreten war. Schwer zu sagen, woran das liegt; eine Vermutung sei doch erlaubt: Der Lärm um die Novelle des Kulturgutschutzgesetzes soll ja, so wurde behauptet – kurioserweise auch aus Händlerkreisen, die an der Verbreitung solcher Schreckensmeldungen eigentlich kein Interesse hätten haben dürfen –, eine regelrechte Kunst-Flucht aus Deutschland bewirkt haben, zuvörderst unter Sammlern von Gegenwartskunst. Dass diese Werke überhaupt nicht betroffen sind, wird sich inzwischen herumgesprochen haben. Aber erst einmal weg vom deutschen Auktionsmarkt könnten sie schon sein, in die Schweiz oder nach Österreich oder Großbritannien geschafft von ihren kopfscheu gemachten Besitzern. Bei solchen Aktionen kamen dann auch Anwälte in Lohn und Brot; „Beratungsbedarf wecken“ heißt das in deren Fachterminologie, und der wurde kräftig geweckt.

Das nächste Jahr wird zeigen, was von der – zumindest angeblichen – Kunstfracht zurückkehrt. Kann gut sein, dass sich manche zunächst ausfuhrwilligen Besitzer dafür entscheiden, ihre Werke doch auf dem deutschen Markt zu plazieren; sich von ihnen räumlich zu trennen, waren sie ja ohnehin schon bereit. Es heißt überdies, dass seit Inkrafttreten des Gesetzes eine ganze Menge „Negativ-Gutachten“ angefordert werden, also Nachweise dafür, dass es sich – auch bei ins Ausland verbrachter Kunst – nicht um „für die Nation unverzichtbare“ Werke handelt. Das sind wieder rosige Aussichten für die Spediteure, zwecks Rücktransports.

Quelle: F.A.Z.
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