Londoner Ergebnisse

Das neue Modell in London zahlt sich aus

Von Anne Reimers/London
 - 10:06

Die Sommersaison mit Moderne und Zeitgenossen in London brachte starke Ergebnisse, mit deutlich besseren Gesamtumsätzen als im vergangenen Juni. Es wurden so viele Garantien wie selten zuvor vergeben, die meisten durch eine dritte Partei finanziert. Nach den schwächelnden Umsätzen im vergangenen Sommer war man entschlossen, ein positives Signal zu setzten, und das gelang allen Londoner Häusern.

Christie’s setzte bei der auf Impressionismus und Moderne konzentrierten Serie mit fünf Abend- und Tagesauktionen in einer Woche 192,6 Millionen Pfund um. Sotheby’s hielt, wie üblich, sowohl Moderne- als auch Zeitgenossen-Auktionen ab, die zusammen 247,7 Millionen Pfund einspielten. Die Abendauktion bei dem auf Zeitgenossen spezialisierten Auktionshaus Phillips konnte mit 24,3 Millionen Pfund den Vorjahres-Umsatz verdoppeln. Auch Bonhams jubilierte, als bei seiner Zeitgenossen-Auktion 7,07 Millionen Pfund eingespielt wurden, wozu Mark Bradfords Leinwand „Dream Deferral“ mit 1,3 Millionen Pfund entscheidend beitrug.

Konzept-Auktion „Actual Size“

Zwar kann man wegen immer komplizierterer Sondervereinbarungen mit den Einlieferern und bei den Gewinnmargen der Garantiegeber kaum noch von den Umsatzzahlen auf den Profit schließen, die Konkurrenz scheint jedoch von der Christie’s-Entscheidung, seine Londoner Zeitgenossen-Auktionen auf zwei Termine im Jahr (Februar und Oktober) zu reduzieren, profitiert zu haben. Somit sollte der Londoner Sommer-Termin mit Zeitgenossen fest im Kalender verankert bleiben – das betonten jedenfalls Sotheby’s und Phillips.

Dabei lief die Saison etwas schleppend an. Sotheby’s hatte dem traditionellen Abendtermin mit Impressionismus und Moderne die Konzept-Auktion „Actual Size“ vorangestellt. Bei den hier angebotenen Werken, deren Originalgröße auf eine Katalogseite passt, zeigten sich die Käufer selektiv; 65,7 Prozent – oder 23 von 35 Losen – fanden einen Bieter. Blue-Chip-Künstler wie Picasso und die Könnerschaft eines Alten Meisters waren gefragt: Ein exquisites Blumenstilleben von Ambrosius Bosschaert dem Älteren, „Still Life of Flowers in a Berkemeijer Glass Beaker“ (Taxe 2/3 Millionen Pfund), erzielte einen Rekord für den flämischen Maler: Ein asiatischer Sammler bot 2,5 Millionen Pfund. Pablo Picassos „Buste de femme couchée“ (700 000/900 000) wurde erst bei zwei Millionen Pfund zugeschlagen. Seine kleine „Femme endormie“ (2/3 Millionen) erzielte 1,6 5Millionen. Allerdings musste der Rückgang des ambitioniert taxierten Spitzenloses „Baigneuses, La Montagne Sainte-Victoire au fond“ (4/6 Millionen) von Paul Cézanne, verschmerzt werden. „Actual Size“ setzte 20,9 Millionen Pfund um.

Es folgte Impressionismus und Moderne: Hier wurden mit 17 von 23 Losen im Angebot – das sind 73,9 Prozent – 127,9 Millionen Pfund eingespielt. Zusammen mit der Tagesauktion konnte Sotheby’s seinen Umsatz mit moderner Kunst im Vergleich zum Vorjahr um 29 Prozent in Pfund oder elf Prozent in Dollar steigern. Allein die drei Spitzenlose trugen bei Sotheby’s etwa die Hälfte zum Umsatz bei. Wassily Kandinskys farbenfrohes „Murnau – Landschaft mit grünem Haus“ (15/25 Millionen) aus dem Jahr 1909 – wie der Ausstellungsgeschichte zu entnehmen aus der Schweizer Sammlung Merzbacher-Meyer eingereicht – ging für 18,5 Millionen am Telefon des in München stationierten Gallus Pesendorfer weg. Ein weiterer Kandinsky, „Bild mit weißen Linien“, gemalt 1913, wurde nach langem Bietgefecht zum Hammerpreis von 29,2 Millionen Pfund einem europäischen Privatsammler zugeschlagen; die Erwartung lag bei mindestens 27 Millionen. Damit wurde der Kandinsky-Rekord gleich zwei Mal gebrochen. Bei Jean Mirós „Femme et oiseaux“ auf Papier, gemalt 1940 und aus seiner begehrten „Constellations“-Serie, gab es eine Garantie. Es blieb bei 21,7 Millionen Pfund hängen, man hatte „mehr als 23 Millionen“ erwartet. Einen weiteren Rekord gab es für Théo van Rysselberghe zu vermelden, dessen gleißende Flusslandschaft „L’Escaut en amont d’Anvers, le soir or Voiliers sur l’Escaut“ (7/10 Millionen) für 7,4 Millionen Pfund in eine europäische Privatsammlung wanderte.

Neuer Rekord für Hannah Höch

Der Abendtermin bei Christie’s mit Impressionismus und Moderne erzielte einen Umsatz von 149,5 Millionen Pfund für 30 von 32 Losen – das beste Ergebnis für diesen Termin in London seit 2010. Im vergangenen Juni waren es schwache 25,6 Millionen gewesen. Die Auktion stand ganz im Zeichen von Max Beckmann und seiner bedrückenden „Hölle der Vögel“ aus der Sammlung des Kunsthändlers Richard Feigen. Für das zwischen 1937 und 1938 nach Beckmanns Emigration nach Amsterdam gemalte Werk wurden rund 30 Millionen Pfund erwartet. Der amerikanische Händler Larry Gagosian setzte sich im Saal mit 32 Millionen Pfund gegen einen Konkurrenten am Telefon durch – ein neuer Rekord für Beckmann und für ein Werk des deutschen Expressionismus. Den intensivsten Konkurrenzkampf entfachte Vincent van Goghs Schnitter bei der Getreideernte, „Le moissonneur (d’après Millet)“ (12,5/16,5 Millionen), der bei 21,5 Millionen Pfund einem amerikanischen Telefonbieter zugeschlagen wurde.

Picassos Muse „Femme écrivant (Marie-Thérèse)“, deren untere Taxe kurz vor der Auktion von 25 auf 30 bis 40 Millionen angehoben worden war, erzielte 31 Millionen durch einen Bieter am Telefon von Xin Li. Er zahlt mit Aufschlägen 34,9 Millionen, womit der externe Garantiegeber einen Gewinn eingestrichen haben sollte. Egon Schieles „Einzelne Häuser (Häuser mit Bergen; Recto); Mönch I (Fragment; Verso)“, geschätzt auf 20 bis 30 Millionen, ging überraschend zurück. Erfreulich war dagegen der neue Rekord für Hannah Höch mit der Leinwand „Frau und Saturn“ (400 000/600 000), entstanden 1922 – auch wenn es nun wohl Deutschland verlässt. Es wurde marktfrisch eingereicht aus deutschem Privatbesitz und war in den vergangenen Jahrzehnten weithin ausgestellt worden. Ein Sammler am Telefon von Jay Vincze bot 900 000 Pfund. Bei Christie’s waren, wie schon im vergangenen Februar, asiatische Sammler sehr aktiv, besonders bei Bildern von Monet: Sein frühes Werk „Le chemin creux“ (2/3 Millionen) erzielte 4,9 Millionen, bewilligt von einem Sammler am Telefon der in Hongkong stationierten Elaine Holt. Monets fast abstrakte Trauerweide, „Saule pleureur“, gemalt zwischen 1918 und 1919, verfehlte allerdings mit 7,8 Millionen deutlich die Taxe von 15 bis 25 Millionen.

Einlieferer Modedesigner Tommy Hilfiger

Die folgende Abendauktion mit Zeitgenossen bei Sotheby’s brachte einen Umsatz von 62,43 Millionen für 39 von 41 Losen im Angebot – eine Steigerung von 20Prozent in Pfund. Marktfrische zahlte sich aus. Fünfzehn Lose waren allerdings garantiert, davon drei von Sotheby’s selbst. Das Angebot war diesmal besonders amerikanisch: Die Spitzenlose stellten Jean-Michel Basquiat und ein „Self-Portrait“ in Fotoautomat-Ästhetik von Warhol. Beide erzielten Hammerpreise von mehr als fünf Millionen Pfund, gefolgt von Richard Prince’ „School Nurse“, vermittelt zur unteren Taxe von 3,5 Millionen. Eine Kollaboration von Basquiat und Warhol, „Sweet Pungent“ (1,4/1,8 Millionen), aus der Sammlung des Modedesigners Tommy Hilfiger wurde bei 3,8 Millionen zugeschlagen. Ein Rekordpreis von 1,55 Millionen wurde für Cecily Browns „The Girl who had Everything“ (800 000/1,2 Millionen) gezahlt, während ein Sammler am Telefon von Amy Cappellazzo 950 000 für das Wollbild „O.T. (Made in West Germany)“ von Rosemarie Trockel bewilligte (1/1,5 Millionen).

Bei Phillips lag der Umsatz für den Abendtermin bei starken 24,37 Millionen Pfund für 29 von 31 angebotenen Losen. Das Spitzenlos stellte Gerhard Richter mit einem kleinen „Abstrakten Bild (682-4)“, das am Telefon von Cheyenne Westphal knapp unter der Taxe für zwei Millionen Pfund wegging. Keith Haring und Albert Oehlen gehörten zu den Künstlern, deren Werke ihre Taxen übertrafen.

Quelle: F.A.Z.
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