Kunstmarkt
Ergebnisse 2016

Dem Bäcker seine Bäckerin

Von Brita Sachs
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Die Experten tasteten sich heran, sie wollten den Maler einer Maria mit Kind und Blumenkorb schließlich in „Neapel oder Rom 1. Hälfte 17. Jh.“ dingfest machen. So stand es in Neumeisters Katalog der Dezember-Auktion mit Alter Kunst. Die Taxe lautete auf 8000 bis 12 000 Euro – dann das bekannte Phänomen: Es taucht ein Name auf, und schon ändert sich der Wert drastisch. Die Madonna soll von Michele Desubleo stammen; 1602 in Maubeuge geboren, arbeitete er an mehreren Orten Italiens und starb 1676 in Parma. Die frohe Botschaft ließ die Telefone heißlaufen, bis der Londoner Handel bei 46 000 Euro den Schlusspunkt setzte. Bei gotischen Skulpturen muss man oft mit Notnamen auskommen; so ist ein „Auferstandener“ aus der Zeit um 1395 in der Nachfolge des österreichischen Meisters von Großlobming anzusiedeln. Hohe Qualität der Schnitzerei, Expressivität im Ausdruck, Erhaltung der originalen Fassung und Herkunft aus der ehemaligen Sammlung Georg Hartmann in Frankfurt überzeugten einen Bieter in Belgien; er bewilligte die Untertaxe von 40 000 Euro. Angelika Kauffmanns großes Gemälde „Lasset die Kindlein zu mir kommen...“, 1796 in Rom signiert, blieb schon bei 150 000 Euro (Taxe 200 000/300 000) hängen.

Besser lief es für Papierarbeiten des 19. Jahrhunderts, so schaffte Lenbachs Pastell einer „Jungen Dame in orientalischer Kleidung“ mit 14 000 Euro die vierfache Obertaxe, Slevogts in derselben Technik porträtierte „Frau Dr. Elly Freytag“ brachte erwartete 10 000 Euro, und der geliebte Menzel verlangte einem norddeutschen Bieter 49 000 Euro (10 000/12 000) ab für die mit Zimmermannsbleistift skizzierte Innenansicht eines Bauernhauses. Unter den Käufern von Gemälden der Epoche waren ein griechisches Unternehmen, das Paul Emil Jacobs 1863 gemalten „Griechischen Freiheitskämpfer“ von 5000 auf 20 000 Euro steigerte, dann auch ein bayerischer Vertreter der Backbranche, der Carl Kreuls niedliches „Bäckermädchen“ für 29 000 Euro nahm (9000). In ein französisches Kunstinstitut wechselte zur unteren Schätzung von 40 000 Euro James Webbs Vedute von Köln mit noch unvollendetem Dom. Aus den ordentlich bebotenen Strecken mit angewandter Kunst ragten Jugendstil-Tischlampen der Tiffany Studios heraus. Diesmal reist die Tischlampe „Red Poppy“ für 40 000 Euro nach Amerika, gefolgt von „Arrowroot“ aus dem Nachlass Alfred Gunzenhausers für 22 000 Euro.

Rotbärtige Kosakenreiter auf einer Lichtung

Alexej von Jawlensky setzte sich bei der Klassischen Moderne meilenweit vom Rest ab, als seine „Gladiolen“ von 1915 für 200 000 Euro (200 000/300 000) in den Schweizer Handel zogen. Bei der zeitgenössischen Kunst schafften Gottfried Helnweins Gemälde nach den berühmten Fotos von Marilyn Monroe auf dem Luftschacht und von James Dean auf regennasser Straße durch einen Privatbieter mit 85 000 Euro (90 000) und 125 000 Euro (70 000) großen Abstand zu den folgenden Ergebnissen. Diese verdankten sich polnischem Engagement für polnische Künstler, etwa Zdzislaw Beksinski und seine leicht gruslige Phantastik, hier eine unheimliche, auf 14 000 Euro (6000) gesteigerte Landschaft. Stanislaw Fijalkowskis am Konstruktivismus geschulte „XXXX Autostrada“ verdreifachte mit 15 000 Euro die Taxe.

Die September-Auktion mit Alter Kunst hatte ihre höchsten Zuschläge ebenfalls beim 19. Jahrhundert konzentriert. Auch dort reüssierte ein Maler aus Polen: Jósef von Brandt, der in München studiert hatte, auch sein Atelier dort unterhielt, verbrachte die Sommer auf seinem polnischen Landgut, von wo aus er Motivjagd in der Ukraine betrieb. Für rotbärtige „Kosakenreiter“, die über eine Waldlichtung kommen, musste ein Privatbieter in Amerika 66 000 Euro (20 000) zustimmen. Heftiges Gerangel entfachte auch die schöne Crescentia Bourgin. Fürst Ludwig von Oettingen-Wallerstein verliebte sich in die Tochter seines Hofgärtners in Schloss Baldern, heiratet sie 1823. Zehn Jahre später porträtierte Joseph Stieler sie für die Schönheitengalerie von König Ludwig I. Für die vorliegende Variante gab Stieler der Fürstin Veilchen in die Hand, und so wanderte sie für 52 000 Euro (35 000/40 000) in deutschen Privatbesitz. Steigerungen gelangen mit 33000 Euro (25 000/30 000) sieben weißen Enten, die Alexander Koester bewährt fluffig im Wasser dümpeln ließ. Oskar Mulleys hochalpinen „Bergbauernhof“ hob österreichischer Handel auf 50 000 Euro (25 000/30 000).

Zufrieden sein konnte Kathrin Stoll mit der Angewandten Kunst. Porzellan, gefragt, wie lange nicht mehr, ging fast ohne Rückgänge. Leidenschaft brandete auf für eines der wenigen erhaltenen Stücke der 1775 schon nach acht Jahren wieder geschlossenen Manufaktur Gutenbrunnen (Pfalz-Zweibrücken); die ovale Platte mit Blumendekor verzehnfachte ihre Taxe auf 3000 Euro. Beim Silber stieg ein Standkruzifix der Berliner Firma Sy & Wagner mit seiner Plaketten-Inschrift „Graf Platen 1879“ von 800 auf 5000 Euro. Mit 2000 Euro viel zu moderat geschätzt, sprang eine winzige Silbervase mit Lapislazuli-Einlagen dank österreichischem Handel auf 21 000 Euro: Kein Geringerer als Kolo Moser hatte 1904 den Entwurf als Teil einer Tischdekoration der Wiener Werkstätte geliefert.

Quelle: F.A.Z.
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Madonna | Italien-Reisen