Kunstmarkt
Londoner Zeitgenossen

Der Juni-Termin in London auf dem Prüfstand

Von Anne Reimers/London
© Phillips/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, F.A.Z.

In der kommenden Woche stehen in London die Zeitgenossen-Auktionen der Sommersaison an. In diesem Jahr treten, wie berichtet, nur Sotheby’s und Phillips in den Ring. Christie’s hat den Juni-Termin in London gestrichen. Mit dem Weggang von Brett Gorvy, dem weltweiten Leiter der Sparte, im Dezember 2016 hat die Firma ihren wichtigsten Spieler in der Abteilung für Nachkriegs- und Gegenwartskunst verloren, er ist nicht leicht zu ersetzen. Im Februar gab Christie’s außerdem bekannt, dass der Umsatz mit Zeitgenossen im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 41 Prozent zurückging. Die Entscheidung von Christie’s ergibt insofern Sinn, als der parallel zur Londoner Frieze-Schau gelegte Termin im Oktober stark durch die von der Messe in die Stadt gespülten internationalen Sammler und Kuratoren profitiert und deshalb mittlerweile wichtiger ist als der im Juni. Daneben haben außerdem Christie’s, Sotheby’s und Phillips bereits neue Versteigerungsformate für weniger hochpreisige Zeitgenossen aufgebaut.

Wie sehen nun die Offerten bei Phillips und Sotheby’s aus? Betrachtet man das Angebot von Phillips am 29. Juni, so ist jedenfalls ein starker Aufwind zu spüren, was auch mit der Ankunft von Cheyenne Westphal zu tun haben mag, die zuvor weltweite Ko-Chefin der Zeitgenossen-Abteilung von Sotheby’s war. Sie sorgte schon bei der Abendauktion von Phillips im Mai in New York für kräftigen Umsatz. Bei der anstehenden Londoner Auktion erwartet Phillips insgesamt 18,21 bis 25,91 Millionen Pfund für 32 Lose. Im vergangenen Sommer – zum Brexit-Referendum, das für Unsicherheit sorgte – lag der Umsatz bei 11,87 Millionen. Zum weiteren Vergleich: Im Juni 2015 – nachdem Edward Dolman von Christie’s als neuer CEO zu Phillips kam – waren 18,192 Millionen Pfund eingespielt worden. Im Juni 2010, als Phillips ein noch deutlich kleinerer Konkurrent war, lag der Abendumsatz bei gerade mal 3,794 Millionen Pfund.

Zwei Warhol-Basquiat-Kollaborationen

Angeführt wird das aktuelle Angebot bei Phillips von dem nicht eben marktfrischen, 72,5 Zentimeter hohen „Abstrakten Bild (682-4)“ von Gerhard Richter, mit einer Taxe bei 2,2 bis 2,8 Millionen Pfund. Das Gemälde hatte im Februar 2003 bei Sotheby’s 128 800 Pfund (inklusive Aufgeld) gekostet. Der Richter ist ebenso garantiert wie Mark Bradfords monumentales Gemälde „Drag Her to the Path“ (Taxe 1,8/2,5 Millionen Pfund), das aus Hongkong eingeliefert ist: Der afroamerikanische Künstler aus Los Angeles bespielt in diesem Jahr den amerikanischen Pavillon bei der Biennale in Venedig. Der derzeitige Rekord für Bradford wurde im Oktober 2015 bei Phillips in London mit „Constitution IV“ aufgestellt, das 3,77 Millionen Pfund inklusive Aufgeld (2/3 Millionen) erzielte. Sigmar Polkes „Ohne Titel (Porträtist)“, geschätzt auf 700 000 bis eine Million Pfund, wechselte erst im Februar 2015 bei Sotheby’s den Besitzer; es ist nun mit einer Garantie versehen. Daneben sind mit Oscar Murillo, Tauba Auerbach, Sterling Ruby und Jonas Wood die üblichen Jungstars im Programm.

Andy Warhol, „Self-Portrait“, 1963/64, Acryl und Tinte auf Leinwand, 50 mal 40 Zentimeter: Taxe 5 bis 7 Millionen Pfund bei Sotheby’s
© Sotheby's/ARS, F.A.Z.

Die Abendauktion bei Sotheby’s am 28. Juni wird angeführt von einem marktfrischen „Self-Portrait“ Andy Warhols, geschätzt auf fünf bis sieben Millionen Pfund; es war mehrfach im Kunstmuseum St.Gallen ausgestellt. Nach dem spektakulären jüngsten Auktionsrekord in New York setzt man weiterhin auf Basquiat, neben zwei Warhol-Basquiat-Kollaborationen aus der Sammlung des amerikanischen Modedesigners Tommy Hilfiger. Eine „School Nurse“ von Richard Prince trägt mit 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund das gleiche Preisschild wie Gerhard Richters „Split (Rubble)“ aus dem Jahr 1989. Zu den Spitzen gehört außerdem Roy Lichtensteins von Picasso inspiriertes Werk „Two Paintings with Dado“ (2,4/3 Millionen), das kürzlich in Paris in der Ausstellung „Picasso. Mania“ zu sehen war. Für den Abendtermin erhofft sich Sotheby’s insgesamt 44,8 bis 61,4 Millionen Pfund für 42 Lose. Zum Vergleich: Im Juni 2016 lag die Erwartung zwischen 44,17 und 62,65 Millionen; der Umsatz betrug dann 52,19 Millionen Pfund.

Zwar wird Christie’s einen solchen Umsatz in diesem Sommer vermissen, einen deutlichen Aufschwung bei Sotheby’s bedeutet das aber offenbar noch nicht. Im Sommer 2015 hatte Sotheby’s mit 130,37 Millionen Pfund sein bisher bestes Ergebnis bei einer Zeitgenossen-Abendauktion in Europa erzielt. Sowohl Phillips als auch Sotheby’s waren aktuell freigiebig mit Garantien, teilweise durch unwiderrufliche, von einer dritten Partei finanzierte Gebote.

Quelle: F.A.Z.
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