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Papier-Restauratorin

Der Pulsschlag des Künstlers

Von Bettina Wohlfarth
 - 10:08

Zum Wesen von Arbeiten auf Papier gehört eine besondere Empfindlichkeit, im doppelten Sinn des Wortes. Die Zeichnung ist eine der feinsinnigsten künstlerischen Ausdrucksformen. Und zugleich bannt sie ihre Spontaneität, ihren Zauber und direkten Gefühlsausdruck auf ein fragiles Material, das besonders anfällig ist für den Lauf der Zeit oder unkundige Behandlung. Kunst auf Papier ist leicht, diskret und im Vergleich zur Malerei meist recht kleinformatig. Umso mehr erstaunt es, dass für ihre Restaurierung tatsächlich viel Raum benötigt wird.

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Die Papierrestauratorin Corinna Oschmann muss sich für ihr bis ins kleinste Detail präzises Handwerk in der Horizontalen ausbreiten können. Ihr Atelier im Frankfurter Westend ist entsprechend geräumig. An allen Arbeitsstellen benötigt sie Ablageflächen, selbst wenn in vorsichtig erwogenen Etappen und mit einem ruhigen scharfen Blick für geringste Nuancen ganz nahe am Blatt eines Künstlers gearbeitet wird. Zur handwerklichen Grundausstattung gehören ein Mikroskop, eine Presse, ein riesiger Niederdrucktisch zum Glätten oder zum thermoplastischen Kleben, schließlich große Wasserbecken, in denen vergilbte Blätter gewässert werden können. An den Wänden reihen sich Regale und Graphikschränke mit großflächigen Schubladen. Corinna Oschmann bewahrt darin Filze, Fliese und Papierfasern auf, sie sammelt außerdem unterschiedlichste Papiersorten, um für jedes Werk, das ihr eines Tages unter die Hände geraten könnte, geeignetes Material zur Verfügung zu haben.

Eigenschaften von Papier ertasten

Auf einem der Arbeitstische liegt die feine Tuschfederzeichnung einer römischen Landschaft, die wahrscheinlich Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Ein privater Sammler hat sie Corinna Oschmann anvertraut; er möchte, dass die Vergilbung des Blatts gelöst wird und dadurch die Zeichnung wieder klarer zum Vorschein kommt. Das zarte qualitätsvolle Transparentpapier war irgendwann einmal in seinem zweihundertjährigen Leben auf einen minderwertigen, holzhaltigen Karton aufgezogen worden: einer der Gründe, warum es so stark vergilben konnte. Holzschliffhaltige Rahmenrücken oder Passepartouts sind besonders säurehaltig, sie bräunen allmählich durch Lichteinfall und übertragen ihre Verfärbung auf das Papier der Zeichnung. Heute werden bei der Rahmung nur noch Baumwollpappen verwendet. Zu den schlimmsten Feinden des Papiers gehören unkontrolliertes Licht und Feuchtigkeit. In einem erstaunlichen chemischen Umkehrschluss sind es aber gerade Licht und Wasser, mit denen Restauratoren am meisten arbeiten: Vergilbte oder von Stockflecken befallene Papiere werden unter Speziallampen gebleicht und Rückstände in Wasserbädern gelöst.

Corinna Oschmann berührt die bei ihr in Arbeit liegenden Werke auf Papier mit behutsamer Rücksicht und liebevoller Bewunderung. Die Eigenschaften von Papier muss man als Restaurator auch ertasten können, um abzuwägen, wie die entstandenen Schäden am schonendsten zu beheben sind. Im Gespräch fällt gleich zu Beginn das Wort „Haptik“: Ganz besonders ziehe sie die Haptik von Papier an, das Feine, seine jeweilige Textur und Oberflächenbeschaffenheit, sagt Corinna Oschmann. Schon in ihrer Jugend zeichnete sie viel, wollte zunächst Künstlerin werden und entschied sich dann für eine handwerkliche Laufbahn. Nach drei Jahren Praktikum in der Denkmalrestaurierung setzte sich die Neigung zum Papier endgültig durch. Sie lernte zunächst in einer Papiermacherschule und absolvierte dann eine Ausbildung zur Papierrestauratorin in den Werkstätten des Düsseldorfer Kunstmuseums und an der Wiener Akademie der Bildenden Künste. Nach einem Kunstgeschichtsstudium machte sich Oschmann selbständig und spezialisierte sich auf die Restaurierung klassischer, moderner und zeitgenössischer Kunst auf Papier.

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Bei Zeichnungen fühlt man den Pulsschlag des Künstlers“, resümiert die Restauratorin nach 35 Jahren Erfahrung mit der Subtilität von Papierarbeiten und der Komplexität des sensiblen Materials. Der Wert von Erfahrung ist in ihrem Beruf extrem hoch. Von hauchdünnen, fragil gewordenen oder beschädigten Papieren aus diversen Jahrhunderten müssen Stockflecken oder Feuchtigkeitsränder beseitigt, Risse konsolidiert, Brüche unterlegt und Knicke geglättet werden. Bei Altmeisterzeichnungen kann es Fraßschäden durch Holzkäfer geben. Klebefilmstreifen oder ungeeignete Klebstoffe können eine Zeichnung nahezu ruinieren.

Private Sammler und Museen als Kunden

Aber selbst wenn Corinna Oschmann mit den Jahren genau weiß, was zu tun ist und wie weit sie bei den verschiedenen Konsolidierungs- oder Restaurierungsmaßnahmen gehen darf, gibt es immer wieder neue Herausforderungen, die durchaus Herzklopfen bereiten können. Immerhin hat sie es mit ebenso wertvollen wie von ihren Besitzern geliebten Arbeiten zu tun. Bei der Papiercollage eines namhaften englischen Pop-Artisten etwa, von der Lichtränder entfernt werden sollten, war sie sich anfangs nicht ganz sicher, wie die verschiedenen Collage-Teile beim Bleichen und Wässern reagieren würden. Sie probierte das dann in einem allmählichen Herantasten aus.

Bei der Papierrestaurierung spielt die Dokumentation mittlerweile eine große Rolle. Für Versicherungen werden Schadens- und Maßnahmenprotokolle angefertigt. Museen, aber auch Künstler selbst ziehen Restauratoren als kenntnisreiche Berater hinzu. Neben Museen gehören vor allem private Sammler zu Oschmanns Kunden. Bei jedem Blatt stellt sich die Frage, die mit dem Auftraggeber besprochen wird: welches Restaurierungsergebnis angemessen ist. „Den Urzustand einer Zeichnung gibt es nicht mehr, es geht nicht darum, einen Originalzustand wiederherzustellen“, erklärt Corinna Oschmann. „Der Originalzustand ist der jetzige Zustand, mit allen Einflüssen durch die Zeit,durch den Umgang mit dem Kunstwerk oder durch seine Aufbewahrung. Das Werk lebt ja. Auch wenn ein Blatt Fingerabdrücke trägt, ob nun vom Künstler selbst oder vom vielen Betrachten eines Sammlers, dann sind das Spuren, die bewahrt werden müssen.“

Schäden bleiben sichtbar, werden aber gesichert

Die Aura eines Kunstwerks kann durch Schäden, nachlässige Behandlung oder Alterung gestört sein – und so an Ausdruckskraft einbüßen. Ihre Aufgabe sieht die Restauratorin darin, diese Schäden wenn schon nicht ganz zu entfernen, dann wenigstens zu sichern und zu mildern, um so die ursprüngliche Aussage der Arbeit wieder in den Vordergrund treten zu lassen.

Die Qualität von Papier hat sich im Lauf der Jahrhunderte stark geändert. Wurde es bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch aus Zellstofffasern oder Lumpen hergestellt, büßten spätere Papiere durch die Einführung des Holzschliffs an Qualität ein. Bei manchen Künstlern der Nachkriegszeit gehört es zum Konzept, minderwertige oder vorgefundene Papiere zu verwenden; der allmähliche Verfall ist dann Teil des Werks. In Corinna Oschmanns Atelier liegt auch die Arbeit eines hoch im Kurs stehenden deutschen Popkünstlers, sie wurde auf einfachem Skizzenpapier angefertigt. Es fehlt eine Ecke, die die Restauratorin mit einem gleichen Papier hinterlegen wird, ein Riss wird mit Japanpapier gestärkt und das Blatt insgesamt geglättet. In diesem Fall dürfen Schäden durchaus sichtbar bleiben, müssen aber gesichert werden. Auch den Fußabdruck des Künstlers, der am Rand des Blattes erkennbar ist, wird Oschmann belassen. Die Anmutung des Nicht-Perfekten gehört zum Blatt dazu.

Der ungewöhnlichste Restaurierungsfall ihrer Laufbahn wurde Corinna Oschmann vor einigen Jahren mit einem Werk von Dieter Roth ins Atelier gebracht: Der Schweizer Künstler hatte eine Wurstscheibe auf einen Karton gelegt und das Ganze hermetisch in eine Plastikhülle eingeschlossen. Mit der Zeit sich darin wie gewünscht ein strahlender Schimmelring gebildet – der Titel des Werks lautet „Sonnenaufgang“. Weil der Klebstoff der Plastikhülle sich jedoch mit der Zeit auflöste, fing das Werk nicht nur an zu stinken, sondern es geriet auch als Ganzes in Gefahr. Die Restaurierung konnte natürlich nicht darin bestehen, womöglich den Schimmel zu entfernen, sondern musste die Hülle mit einem restauratorisch adäquaten Kleber neu verschließen.

Quelle: F.A.Z.
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