Folkwang-Museum

Die Crux des Sammlermuseums

Von Rainer Stamm
 - 17:07

Private Museen sind hybride Erscheinungen. Sie vereinen in sich die Individualität und Flexibilität privater Sammlungen mit dem Anspruch auf Beständigkeit, wie sie das Museum als Institution - vor allem in seiner europäischen Form - verkörpert. Wenn Eigentümer privater Museen gezwungen sind, ihre Sammlungen umzuschichten oder zu verkleinern, so geschieht das daher zumeist diskret und mit weit weniger Publicity als die Eröffnung einer solchen Sammlung. Das ist nicht erst heute so - in Zeiten eines heißlaufenden Kunstmarkts, der stets auf der Suche nach Spitzenwerken ist -, sondern das galt schon vor hundert Jahren.

Karl Ernst Osthaus, Bankiers- und Industriellenspross aus dem westfälischen Hagen, der dort 1902 sein legendäres Museum Folkwang gegründet und stolz der Öffentlichkeit präsentiert hatte, war während des Ersten Weltkriegs in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Als Patriot hatte er Kriegsanleihen gezeichnet, und als Visionär einer von Künstlern, nach dem Vorbild der Darmstädter Mathildenhöhe, konzipierten Villenkolonie hatte er sich mit Grundstückskäufen übernommen. Er musste auf seine Sammlung zurückgreifen, um finanzielle Mittel für neue Projekte freizusetzen. Im Juli 1916 schrieb er daher an den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer, um ihm einige Stücke aus seinem Museum anzubieten - mit der Bitte um äußerste Diskretion: „Wir beabsichtigen, unsere im Laufe der Jahre sehr angewachsene Sammlung von modernen Gemälden zu verkleinern und möchten die zu diesem Zweck ausgesuchten Bilder versteigern lassen“, kündigt Osthaus Cassirer an: „Es sind Werke darunter, die wir längst aus unserer Sammlung zurückgestellt haben. Andererseits hegen wir die Absicht, auch einige wichtigere Stücke (van Gogh, Gauguin) beizufügen, um die Bedeutung der Auktion zu steigern. Die Auktion soll aber keinesfalls mit unserem Namen verquickt sein.“

Inkunabeln der Moderne

Eine solche Aufforderung gleicht damals wie heute einem Paradoxon: Einerseits sollte der Ruf des Folkwang-Museums als Weihestätte der Avantgarde und „Himmelszeichen im westlichen Deutschland“ (Emil Nolde) nicht beschädigt und der Aderlass aus der Sammlung nicht publik werden, andererseits versprach eine klangvolle Provenienz bestmögliche Erträge. Cassirer schlug daher, wie die aktuelle Dokumentation über den „Kunstsalon Cassirer“ belegt (F.A.Z. vom 20. Dezember 2016), vor, die Einlieferungen aus der Folkwang-Sammlung gemeinsam mit dem Nachlass des 1914 gestorbenen Sammlers und Schriftstellers Alfred Walter Heymel anzubieten, der ebenfalls für seine Sammlung moderner Kunst bekannt war. Der Titel der Auktion, die Cassirer für den 8. März 1917 ankündigte - „Moderne Gemälde aus dem Nachlass A. W. von Heymel, Sammlung M. Pickenpack u. a.“ -, war somit eine geschickte Camouflage: Durch die dezente Hinzufügung der Abkürzung „u. a.“ war der Titel sachlich korrekt, mit der Nennung Heymels trug die Versteigerung einen klangvollen Namen, und das Folkwang-Museum konnte, wie von dem Museumsgründer gewünscht, als Einlieferer ungenannt bleiben.

Unter den 122 angebotenen Werken befanden sich, mit zwei bedeutenden Gemälden von Hans von Marées und einer Tierstudie von Géricault, zwar auch wichtige Werke aus der Sammlung Heymel, und aus der Kollektion des Hamburger Senators Martin Pickenpack gelangten Werke von Thomas Herbst und Wilhelm Trübner zur Versteigerung. Die Inkunabeln der Avantgarde jedoch, Werke von Gauguin, Van Gogh, Hodler, Meunier, Minne, Nolde, Renoir oder Jan Toorop, kamen aus der Sammlung des Hagener Privatmuseums und waren schon 1912 als Teil des Bestandskatalogs „Moderne Kunst“ publiziert worden. Umso erstaunlicher ist es, dass die wahre Herkunft der Werke, auch in der zeitgenössischen Berichterstattung über die Auktion vor hundert Jahren, nicht genannt wurde. Lediglich Karl Schefflers Zeitschrift „Kunst und Künstler“ verriet nach der Versteigerung, dass die Gemälde Van Goghs und Gauguins „aus einem berühmten westfälischen Privatmuseum“ stammten.

2000 Franc beim Pariser Kunsthändler Vollard

Zu den bedeutendsten Stücken unter den 21 Einlieferungen aus dem Bestand des Museums Folkwang gehörten die Gemälde von Van Gogh, Gauguin, Hodler und Nolde: Van Goghs „Der erste Schritt (nach Millet)“, das Osthaus, zusammen mit drei weiteren Gemälden und drei Zeichnungen, 1906 bei Johanna van Gogh-Bonger, der Schwägerin des Malers, für 8000 Mark erworben hatte, bildete das Spitzenlos der Auktion - „so wundervoll in der Durchführung wie sympathisch im Motiv“, wie der Kunstkritiker der „Vossischen Zeitung“ befand. Für 30 000 Mark wurde es dem Münchner Kunsthändler Heinrich Thannhauser zugeschlagen. 1926 wurde es dann von Julius Oppenheimer erworben und gelangte mit dessen Sammlung in die Vereinigten Staaten, wo es heute zu den schönsten Werken Vincent van Goghs im Metropolitan Museum in New York gehört.

Von Paul Gauguin wurde auf der Auktion bei Cassirer mit dem Gemälde „Ta matete (Der Markt)“ eines der Hauptwerke des Künstlers aus seiner Zeit auf Tahiti angeboten. Osthaus hatte es 1903, noch im Todesjahr Gauguins, für 2000 Franc bei dem Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard gekauft. 1917 wurde es, wie es das Protokollbuch der Auktion im Cassirer-Archiv in Zürich belegt, für 20 100 Mark an den Mannheimer Baumwollfabrikanten Sally Falk verkauft, der in wenigen Jahren eine atemberaubende Kunstsammlung zusammentrug. Heute zählt das Gemälde zu den Spitzenwerken des Kunstmuseums Basel.

„Herr und Dame zu Pferd“

Während die Werke Van Goghs und Gauguins heute in öffentlichen Museen dem Publikum zugänglich sind, befindet sich Ferdinand Hodlers „Genfersee“, ein Bild von „lautloser Klarheit“, wie der Schriftsteller und Kunstkritiker Theodor Däubler anlässlich der Vorbesichtigung zur Auktion 1917 für den „Berliner Börsen-Courier“ notierte, heute ebenso wieder in Privatbesitz wie Emil Noldes „Exotische Figuren“. Noldes Stillleben nach zwei Kachina-Figuren im Berliner Völkerkundemuseum aus dem Jahr 1911 hatte Osthaus anlässlich der Einzelausstellung Noldes im Folkwang-Museum im März des darauffolgenden Jahres direkt beim Künstler erworben. Es war nicht nur das jüngste, sondern vor allem das „modernste, das expressionistischste Bild“, das aus der Hagener Sammlung in Berlin versteigert wurde. Für 500 Mark wurde es von dem Pianofabrikanten Rudolf Ibach erworben.

Die ebenso diskrete wie erfolgreiche Auktion bei Paul Cassirer riss schmerzliche Lücken in die Sammlung des Folkwang-Museums, auch wenn von den meisten der genannten Künstler jeweils andere bedeutende Werke in der Sammlung verblieben sind. Über die Verluste kann auch nicht August Deussers Gemälde „Herr und Dame zu Pferd“ hinwegtrösten, für das sich 1917 kein Käufer fand und das sich daher als einziges Werk aus der Auktion heute noch in der 1921 nach Essen verkauften Folkwang-Sammlung befindet.

Das Umschichten, Erweitern, Reduzieren und Austauschen von Werken aus dem Bestand gehört zu den Charakteristika privater Sammlungen, auch wenn diese bereits als Museen deklariert sind. Die Verkäufe aus den legendären Pionier-Sammlungen der Moderne haben inzwischen selbst Kunsthandels- und Sammlungsgeschichte geschrieben. Die verschlungenen und bisweilen nur mit detektivischem Spürsinn zu rekonstruierenden Wege durch den historischen Kunstmarkt schreiben sich, auch jenseits der zeitgeschichtlich bedingten Provenienzforschung, in die Kunstgeschichte ein.

Quelle: F.A.Z.
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