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Pariser Galerie-Ausstellung

Die Weberin

Von Bettina Wohlfarth/Paris
 - 09:56

Die Galerie Mercier liegt im 20. Arrondissement, weit abseits der üblichen Pfade eines Pariser Galerierundgangs. Zufällig kommt man dort nicht vorbei. In neun Jahren überzeugender Ausstellungsarbeit hat sich die auf Architektur spezialisierte Galerie jedoch allmählich einen Namen gemacht. Dass er nur Architekten ausstellt, die auch Künstler sind, betont Jean-Philippe Mercier, der selbst Architekt ist, oder aber Künstler, die mit der Architektur in enger Verbindung stehen. In bester Erinnerung ist da eine Ausstellung vor zwei Jahren geblieben, mit Keramiken französischer Steingutkünstler wie Gustave Tiffoche, Nicole Giroud oder Jean und Jacqueline Lerat. Die vordergründig grobmaterialigen, aber unglaublich eleganten Vasen, Skulpturen und Kunstwerke aus Steingut integrierten sich perfekt in die kaum restaurierte Ausstellungshalle einer ehemaligen Handschuhfabrik mit pastellfarben abblätterndem Wandverputz, verwittertem Betonboden, Metallverstrebungen und Atelierverglasung.

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Derzeit ist es Simone Prouvé, die mit ihren Tapisserien und transparenten Vorhängen aus erstaunlichen Materialien wie Edelstahlgarn, Kupfer- oder Glasfaser mit den Räumen der Galerie Mercier einen inspirierten Dialog aufnimmt. Die ausgestellten Webarbeiten sind durchwegs abstrakt. Allenfalls lässt sich in den zartgrünen, orangeroten, bläulichen und grauen Farbvolumina eines großformatigen Wandbehangs aus Wollgarnen eine Landschaft imaginieren. Die Motive der metallenen Vorhänge in naturnahen Farben erinnern an sanft im Wind schwingende Gewächse oder im Wasser taumelnde Algen. Der Weberin geht es in erster Linie um die Textur ihrer Materialien, um Harmonien aus Farbe und Formen, um das Spiel mit der Struktur und Transparenz ihres Webrasters. Die leichtgewichtig anmutenden Stores sind mit derart feinen metallischen Fäden gewebt, dass der Raum oder die Landschaft dahinter erkennbar bleiben und sich geradezu gegenseitig zu ergänzen scheinen.

Knötchen, Kunsthaar und technische Fasern

Simone Prouvé, die Tochter des Architekten und Designers Jean Prouvé, arbeitet mit Materialien, die dem Auge wohltun – die Assoziation an einen Zen-Garten kommt auf – und die an den Tastsinn appellieren. Man möchte sie anfassen und darüberstreichen oder sie vorsichtig im Raum bewegen. „Was mich interessiert, ist das Material, alles, was mir unter die Hände kommt“, erzählt Simone Prouvé, und es besteht kein Zweifel, dass ihr Bezug zu den Händen ein ganz besonderer ist. Die unregelmäßigen Woll- und Baumwollgarne mit ihren leichten Knötchen für Wandbehänge spinnt die Künstlerin meist selbst, verwebt sie mit Polyethylen-Fasern, Kunsthaar oder Rosshaar. Vor allem aber entwickelt sie neue Kompositionen aus technischen Fasern, kombiniert für ihre licht- und sichtdurchlässigen Vorhänge oder Trennwände feine silbergraue Fäden aus rostfreiem Edelstahl mit Glas- und Carbonfasern. In ihrer Vorliebe für metallische Materialien ist sie ganz die Tochter ihres Vaters, der von den dreißiger bis in die siebziger Jahre im Möbeldesign und für seine Architekturprojekte industrielle avantgardistische Materialkombinationen verwandte und viel mit Stahlblech, Aluminium und anderen Metallen arbeitete.

Simone Prouvé wurde 1931 in Nancy geboren und ist in ihrem Elternhaus mit der Architektur aufgewachsen. Ihre Vorliebe für Garne und Textilien entdeckt sie schon früh, näht zum Spaß skurrile Figuren oder die Miniaturausstattung eines Wanderers; auch diese ist bei Mercier zu sehen. Im Alter von achtzehn Jahren macht sie ein Praktikum in Paris, geht dann nach Skandinavien, um bei der finnischen Textilkünstlerin Dora Jung und der Schwedin Alice Lund in die Lehre zu gehen. „Schon seit meiner Kindheit wollte ich Weberin werden“, erinnert sich die Sechsundachtzigjährige heute: „Andere bauen mit Backsteinen, für mich ist es genauso, auch ich konstruiere, aber mit Garnen.“ Und ihren ersten Webstuhl hat ihr Vater in Auftrag gegeben.

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Für Le Corbusier webt sie, gerade zwanzig Jahre alt und mit sanfter Ironie, einen blauroten Schal nach dessen Proportionssystem „Modulor“, das zeitweilig als die neue ideale Maßlehre in der Architektur galt. Le Corbusier bedankt sich in einem Brief und beteuert, den genau 140 Zentimeter langen Wollschal beim Auskurieren seiner nächsten Angina zu tragen. In den fünfziger Jahren beginnt Simone Prouvé eine langjährige Zusammenarbeit mit Charlotte Perriand, für die sie unter anderem Stoffe für die Kissenbezüge von Perriands berühmten „Banquettes“ webt. Eine dieser Sitzbänke steht in der Galerie Mercier zum Verkauf, ebenso zwei Sessel von Jean Prouvé, für die Simone den Bezugsstoff gewebt hat.

Stoffbahnen aus feuerfesten Materialien

Von den sechziger Jahren an arbeitet sie mit ihrem Lebensgefährten André Schlosser zusammen, der Entwürfe für Architekten und öffentliche Bauträger anfertigt, die dann von Simone Prouvé umgesetzt werden, darunter eine riesige Tapisserie für den Versammlungssaal der UNO in Genf. Seit den neunziger Jahren experimentiert die Künstlerin mit neuen technischen Fasern, die noch nie zuvor zum Weben verwendet worden waren: Die Sicherheitsauflagen der Architekturprojekte verlangen feuerfeste Materialien, und diese Einschränkung wird für Simone Prouvé zur künstlerischen Herausforderung. Sie webt, teils sehr große, Stores aus metallischen und synthetischen Fasern für die Architekten Reiko Hayama, Claude Parent oder Christian de Portzamparc. Für das von Odile Decq entworfene Museo d’Arte Contemporanea in Rom (Macro) entwickelt sie 2007 Textilbahnen in unterschiedlicher Webdichte, die zwischen zwei Glasscheiben eingespannt werden und den Lichteinfall dämpfen.

Meistens webt Simone Prouvé ihre Textilien, Tapisserien und Vorhänge für Architekturprojekte und deren Lokalitäten. Sie stand eher im Schatten der namhaften französischen Architekten und hat ihre Werke bislang nur selten in Gruppenausstellungen gezeigt. Zum ersten Mal richtet die Galerie Mercier ihr eine Solo-Schau aus, die ihr sensibles feines Werk entsprechend zur Geltung bringt und endlich einem breiteren Publikum zugänglich macht. (Preise von 2000 bis 12000 Euro.)

Galerie Mercier: Simone Prouvé. Tissages. Noch bis zum 9. September, donnerstags bis samstags von 14 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung.

Quelle: F.A.Z.
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