Anzeige

Sammlungsgeschichte

Die Wurzeln des Kulturgutschutzes

Von Rainer Stamm
 - 10:12

Auch Sammlungen haben ihre Schicksale: Über Jahrzehnte, gar Jahrhunderte aufgebaut, gibt es manchmal ein einzelnes Datum, das über ihre Zukunft – über Erhalt oder Zerschlagung – entscheidet. Im Privaten ist es häufig eines der drei tragischen „D“, das eine vermeintlich auf Ewigkeit konzipierte Sammlung zu zersprengen vermag: death, debt, divorce, Tod, Schulden, Scheidung. Der Kunstmarkt kann ein Lied davon singen. In historischer Dimension sind es zumeist Krieg, Vertreibung und Revolutionen, die eine Sammlung zum Spielball des Zeitgeschehens werden lassen. Vor knapp hundert Jahren, nach der Absetzung der deutschen Monarchen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918, galt es, das Schicksal der deutschen Fürstensammlungen zu verhandeln: ein weit zurückliegendes historisches Datum, das indes bis in die Gegenwart Auswirkungen hat, die deutsche Museumslandschaft bis heute prägt – und nicht zuletzt den Auslöser für den Erlass des Kulturgutschutzgesetzes bildete.

Anzeige

In einem zweijährigen, durch das Land Niedersachsen geförderten Forschungsprojekt ist das Schicksal einer solchen Sammlung, von ihrem Aufbau über die teilweise Zerschlagung bis in die Verästelungen des heutigen Kunstmarkts, am Beispiel der ehemals Großherzoglichen Gemäldegalerie Oldenburg untersucht worden. Die Ergebnisse liegen nun in einem voluminösen Band vor, der den Idealkatalog einer Sammlung bildet, wie sie bis 1918 existiert hat und die heute in alle Welt versprengt ist.

Erfolgreich auf dem europäischen Kunstmarkt

Um das Jahr 1800 hatte Herzog Peter Friedrich Ludwig (1755 bis 1829) begonnen, für die nordwestdeutsche Residenzstadt, die er klassizistisch ausbauen ließ, eine Gemäldegalerie aufzubauen. Nach einzelnen Erwerbungen bedeutender Altmeistergemälde war es vor allem der Ankauf der Sammlung des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Jahr 1804, der die Oldenburger Gemäldegalerie im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Sammlung von europäischem Format werden ließ.

Der Goethe-Freund Tischbein hatte seine Sammlung zwischen Neapel und Eutin kenntnisreich zusammengestellt. Und auch wenn einige seiner hoffnungsfrohen Zuschreibungen, etwa an Raffael oder Holbein, aus heutiger Sicht belächelt werden, bildeten die Werke von Guido Reni, Mattia Preti, Lucas Cranach, Rubens, Rembrandt und van Dyck eine Sammlung, die alsbald große Anerkennung fand. Unter Peter Friedrich Ludwigs Nachfolgern wurde die Kollektion um bedeutende Gemälde von Ruisdael, Rubens, Rembrandt und zahlreichen Rembrandtschülern erweitert. Vor allem Großherzog Nikolaus Friedrich Peter (1827 bis 1900) agierte erfolgreich auf dem europäischen Kunstmarkt und erwarb zentrale Werke aus den Sammlungen Bartels, Castelbarco, Daigremont, Löhr und Quandt. Als Oldenburg auf der Auktion der Sammlung Schönborn 1867 in Paris als Käufer in großem Stil auftrat, konkurrierte man mit den Unterhändlern des Frankfurter Städels und der Berliner Gemäldegalerie. Im selben Jahr erhielt die Großherzogliche Gemäldegalerie mit dem Bau des Augusteums ein eigenes Museumsgebäude im Stil eines Florentiner Stadtpalasts; es war der erste Galeriebau in Nordwestdeutschland. Mit dem neuen Standort stieg die Prominenz der Sammlung; sie wurde in „Baedeker’s Handbuch für Reisende“ beschrieben, von Kunstfreunden bewundert und von führenden Kunsthistorikern wie Wilhelm Bode, Abraham Bredius und Gustav Friedrich Hartlaub wissenschaftlich bearbeitet und publiziert. Nach dem Ersten Weltkrieg wendete sich das Schicksal: Der letzte Großherzog Friedrich August (1852 bis 1931) wurde im November 1918 zur Abdankung gezwungen. Mit der Gründung des Freistaats Oldenburg wurden die Mobilien des ehemaligen Großherzogtums und somit auch die Gemäldegalerie dem Privatbesitz der herzoglichen Familie zugesprochen.

Anzeige

Gemäldeexport mit Fleischtransportwagen

Der „Rat der geistigen Arbeiter“ warnte zwar vor der Gefahr, dass mit dem „Verlust der Großherzoglichen Kunstsammlungen Oldenburg in kurzer Zeit zu einem kulturell und wirtschaftlich bedeutungslosen Landstädtchen herabsinken könne“, doch die Zerschlagung der Gemäldegalerie nahm ihren Lauf. Bereits im Februar 1919 beauftragte der ehemalige Großherzog den Direktor der Hamburger Kunsthalle Gustav Pauli mit einer Schätzung des Gesamtwerts der Sammlung, den Pauli auf 6,2 Millionen Mark bezifferte. Daraufhin häuften sich „die Besuche von Berliner Händlern in der Nordwestecke Deutschlands in etwas auffallender Weise“, wie Emil Waldmann, der Direktor der Kunsthalle Bremen, im Juni 1919 berichtet. Im Verlauf des Jahres ließ Friedrich August die 115 wertvollsten Gemälde der Sammlung – mit Transportwagen des Fleischfabrikanten Georg Bölts, dessen Firma im Ammerland über einen eigenen Gleisanschluss verfügte – über die Grenze nach Holland transportieren. Als bekannt wurde, dass mit den Hauptwerken der Großherzoglichen Gemäldegalerie Oldenburg eine der ersten deutschen Fürstensammlungen außer Landes geschafft worden war, wurde die Forderung nach einer schützenden Gesetzgebung laut: „Es ist Sache des Reiches, die Abwanderung des Kunstbesitzes in das Ausland zu verhindern“, hieß es in einem Bericht der „Münchner Neuesten Nachrichten“: „Wir haben das Verbot noch nicht. Unter dem Schutz dieser Paragraphenlosigkeit fuhr eines Abends ein großer Möbelwagen vor die Galerie. Man barg darin Rubens, Rembrandt, van Dyck, Bruegel, Dou und die Italiener. Man fuhr die illustre Gesellschaft zu einer kleinen Bahnstation, und als ‚Möbel‘ deklariert wanderten sie nach Holland.“

In den Niederlanden kümmerte sich der Kunsthändler Anton W. M. Mensing, seit 1899 Leiter des Amsterdamer Auktionshauses Frederik Muller & Cie., um den Verkauf der Gemälde: Wilhelm von Bode bat er, für die Hauptwerke der Sammlung Gutachten anzufertigen. Als Dank dafür erhielt Bode für die Berliner Museen die Darstellung einer Heiligen Familie mit Johannesknaben, die er für ein „Jugendwerk von Caravaggio“ hielt.

Einzelne Gemälde wurden an Kunsthändler wie Julius Böhler in München und Luzern oder Paul Cassirer in Berlin vermittelt. Gegen amerikanische Gebote, unter anderen des St.Louis Art Museum und der britisch-amerikanischen Brüder Duveen, wurden vierzig Gemälde 1922/23 von dem niederländischen Rembrandt-Syndicaat erworben, einem Zusammenschluss vermögender niederländischer Kunstfreunde, die neunzehn der einst Oldenburger Werke für die Sammlung des Rijksmuseum Amsterdam sicherten. Dazu gehörte, neben Gemälden italienischer Meister und Rembrandts „Prophetin Hanna“, auch das „Mädchen in Blau“ von Johannes Cornelisz Verspronck, das heute zu den Publikumslieblingen des Rijksmuseum gehört. Der Großteil der verbleibenden Werke wurde zwischen 1923 und 1927 als „Tableaux anciens“ aus der „Collection d’Oldenbourg“ oder diskret als anonymer Kunstbesitz durch das Auktionshaus Frederik Muller versteigert.

Verstreut über die ganze Welt

Die Ende 1919 erlassene „Verordnung über die Ausfuhr von Kunstwerken“, das erste Kulturgutschutzgesetz, hatte nur noch die Abwanderung der Werke verhindern können, die in Oldenburg verblieben waren: das „Porträt des Grafen EdzardI. von Ostfriesland“ (um 1517), die „Heilige Anna selbdritt“ des Hausbuchmeisters (um 1490/1500) oder auch das stolze „Porträt eines venezianischen Edelmanns“ von Jan van Scorel (um 1520/21). Diese Werke gehören heute – mit mehr als zweihundert weiteren Altmeistergemälden – zur Sammlung des Landesmuseums Oldenburg.

Andere Gemälde aus der ehemaligen Großherzoglichen Gemäldegalerie befinden sich heute im Metropolitan Museum in New York, in den Museen von Boston, Cambridge, Detroit und Kansas City, in der Gemäldegalerie Berlin, in Enschede, Den Haag oder in der Fondazione Cini in Venedig. Manche sind noch oder wieder auf dem Kunstmarkt verfügbar, wie zuletzt Govaert Flincks „Tronie eines alten Mannes“, die am 8.Juni aus New Yorker Privatbesitz in der „Master Paintings“-Auktion bei Sotheby’s in New York angeboten wurde. Geschätzt auf 250 000 bis 350 000 Dollar, blieb das Bild allerdings unverkauft.

Der einstige Zusammenhang der fürstlichen Gemäldesammlung ist nur noch in Buchform zu rekonstruieren. In zweijähriger detektivischer Detailarbeit haben die Kunsthistoriker Malve Anna Falk und Sebastian Dohe den Geschichten jedes einzelnen der mehr als dreihundert Bilder nachgespürt und die Großherzogliche Gemäldegalerie wiedererstehen lassen. Das Schicksal dieser Sammlung führt vor Augen, was die einzigartige Vielfalt der deutschen Fürstensammlungen ausmachte – und führt zurück zu den Ursprüngen des zugleich so umstrittenen wie notwendigen Kulturgutschutzgesetzes.

Der Verfasser ist Direktor des Niedersächsischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

„Die Gemäldegalerie Oldenburg“. Eine europäische Altmeistersammlung. Hrsg. von Sebastian Dohe, Malve Anna Falk u. Rainer Stamm. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 528 S., zahlr. Abb., Subskriptionspreis bis zum 31. Oktober 49,– €, danach 69,– €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlinOldenburg

Anzeige