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Diebstahl

Nur die Rasierklinge war Zeuge: Die üblen Geschäfte des E. Forbes Smiley III

Von Lisa Zeitz
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Auf einem Bild von Sempé würde die Welt der amerikanischen Gelehrten so aussehen: In einer hohen, altehrwürdigen Bibliothekshalle stehen Reihen von lederbespannten Tischen mit grünen Lampenschirmen über polierter Bronze und unendliche Regale mit Büchern und Folianten. In einer Ecke, ganz klein und froh, sitzt ein bebrillter Herr im Tweedjackett mit Fliege über einem aufgeschlagenen Buch. Mr. E. Forbes Smiley III, mit einem Namen so süß und vielversprechend wie Veilchenpastillen, hat der Idylle für immer einen schweren Knacks verpaßt. Neben ihm liegt eine Rasierklinge auf dem Teppich.

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Als der auf Landkarten und Atlanten spezialisierte Antiquitätenhändler im Juni die Beinecke Library der Yale University in Connecticut aufsuchte, wurde eine Bibliotheksangestellte wegen der Klinge am Boden auf ihn aufmerksam. Kurz darauf wurde er per Videoüberwachung dabei beobachtet, wie er vorsichtig eine auf 150 000 Dollar geschätzte Karte aus Gerard de Jodes Atlas „Speculum Orbis Terrarum“ heraustrennte, gedruckt in Antwerpen im Jahr 1578. Wie die „New York Times“ auf Seite eins berichtet, fand die Polizei eine fragile Landkarte des 17. Jahrhunderts in seiner Jacke und in seiner Aktentasche weiteres mutmaßliches Diebsgut im Wert von mehr als 700 000 Dollar.

Die Wurmlöcher überführten ihn

In dieser Woche beschäftigt sich eine zehnseitige Reportage im „New Yorker“ ganz genau mit der Geschichte: Von insgesamt acht Karten, die Smiley bei sich hatte, gehören neben der von Gerard de Jode noch drei weitere der Beinecke Library: Seltene Darstellungen aus den Büchern „North-West Fox“, publiziert in London 1635, und aus Captain John Smiths „Advertisements for the Unexperienced Farmers of New-England, or Anywhere“, London 1631, sind jeweils auf rund 50 000 Dollar geschätzt. Der Wert einer Weltkarte von Abraham Ortelius aus dem Jahr 1589 ist mit 78 000 Dollar beziffert. In einem Fall überführten Smiley die Wurmlöcher, die auf der Karte und dem Atlas übereinstimmten. Von den anderen vier Karten, die er bei sich hatte, wurden zwei als extrem überzeugende Faksimiles auf altem Papier identifiziert - eine Entdeckung, die bedeuten könnte, daß er vorhatte, nicht nur zu stehlen, sondern auch Originale durch Fälschungen auszutauschen. In solchen Fällen wäre das Fehlen der betreffenden originalen Karten angesichts der nur schwer überschaubaren Bestände wahrscheinlich nicht einmal bemerkt worden.

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Sechzig Jahre Haft

Angesichts der Vorstellung der möglichen Verluste breitet sich in den Bibliotheken weltweit Gänsehaut aus. Forbes Smiley III bestreitet jegliche Schuld und beteuert, er habe nur seine eigenen Landkarten mit denen der Bibliothek vergleichen wollen. Er befürchtet nun zu Recht, daß die Institutionen ihm die Schuld für jede ihrer fehlenden Landkarten in die Schuhe schieben werden. Wer ihn kennt, der hat diese Woche beim Gerichtstermin in New Haven bemerkt, daß er um zehn Jahre gealtert und um zwanzig Pfund abgemagert wirkte. Allein für die genannten Diebstähle drohen ihm sechzig Jahre Haft.

Das FBI ermittelt noch

Währenddessen überprüfen Bibliothekare und Kuratoren, die Smiley als charmanten und beredten Besucher kennen, ob ihnen in Boston, Chicago und London ebenfalls Landkarten entwendet wurden. So kontrolliert auch die New York Public Library, die seit 1898 eine separate Präsenzbibliothek mit einer Sammlung von rund 400 000 Landkarten und 20 000 Atlanten aufgebaut hat, ob in den Bänden, die Forbes Smiley in den letzten Jahren zur Ansicht angefordert hat, Seiten herausgetrennt wurden. Da die Ermittlungen des FBI noch laufen, konnten sich die Zuständigen noch nicht zu möglichen Verlusten äußern, aber man ist erschüttert angesichts des Vertrauensbruchs.

Nur die Spitze des Eisbergs

Zur „New York Times“ sagte der Präsident der Newberry Library in Chicago, deren Bestand rund 300 000 Landkarten umfaßt, daß zwei Landkarten aus Büchern fehlen, die Smiley im März zur Ansicht in den Lesesaal bestellt hatte, eine Landkarte von Virginia aus dem 17. Jahrhundert und eine von der Küste South Carolinas aus dem 18. Jahrhundert - Material mit einem sehr begrenzten Kreis von Interessenten. Aber nicht jeder Sammler ist hilfsbereit beim Identifizieren möglichen Diebesguts: Sollten gestohlene Karten mittlerweile als Schenkungen an öffentliche Sammlungen gekommen sein, dann droht den Stiftern unter Umständen sogar, daß sie Steuerersparnisse zurückzahlen müssen. W. Graham Arader III, einer der prominentesten Händler auf dem Gebiet und schon lange voller Mißtrauen gegen Smiley Forbes, formuliert, was viele denken: Die bisher bekannten Verluste sind nur die Spitze des Eisbergs.

Die besten Exemplare zu den niedrigsten Preisen

Nach fünfundzwanzig Jahren als Händler in New York und Martha's Vineyard ist Forbes Smiley in Fachkreisen bekannt als hochgebildet in seinem Fach. Auf seiner Website rühmt er sich, die bedeutende Norman Leventhal Collection mit Karten von Neu England ebenso betreut zu haben wie die reichhaltige Lawrence H. Slaughter Collection mit englischen Karten und Atlanten. Sein Ziel sei es, schreibt er dort, „die Interessen der Sammler zu schützen und dafür zu sorgen, daß ihnen die besten Exemplare der Karten zu den niedrigsten Preisen angeboten werden, sobald sie auf den Markt kommen“. Auch auf seine dann folgenden Worte fällt jetzt ein anderes Licht: Er agiere „weltweit“, „sehr aggressiv“ und „sehr aktiv“.

Vermeintlich wohlmeinend

Es kursieren Gerüchte, daß Smiley unbemerkt Karten aus Bibliotheken gestohlen hat, diese diskret an Sammler verkaufte und als wohlmeinender Gelehrter und Mittelsmann bewirkte, daß deren Sammlungen als Schenkungen wieder an ebenjene Bibliotheken kamen. Die von ihm aufgebaute Lawrence H. Slaughter Collection befindet sich jetzt in der New York Public Library, die Norman Leventhal Collection in der Boston Public Library - einer Institution, der zehn Karten aus Atlanten fehlen, die Smiley in den Händen hatte.

Der Schlagfuß soll ihn treffen

Ein sehr lebhaftes Echo finden die Vorkommnisse im Internet auf verschiedenen Websites und Blogs, wo entrüstete Bibliothekare und Sammler praktische Ratschläge zur Verhinderung weiterer Diebstähle veröffentlichen, Berichte von anderen Verlusten sammeln oder einfach ihrem Ärger Luft machen. Auf einer Seite wird eine Inschrift in der Bibliothek des Klosters San Pedro in Barcelona zitiert: „Wer Bücher stiehlt oder ausgeliehene Bücher zurückbehält, in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln. Der Schlagfluß soll ihn treffen und all seine Glieder lähmen. Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden, bis er in Verwesung übergeht. Bücherwürmer sollen in seinen Eingeweiden nagen wie der Totenwurm, der niemals stirbt. Und wenn er die letzte Strafe antritt, soll ihn das Höllenfeuer verzehren auf immer.“ Da kann Forbes Smiley III nur hoffen, daß die amerikanischen Behörden gnädiger mit ihm umgehen werden.

Quelle: F.A.Z., 15. Oktober 2005
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