Alte Meister in London

Doktorhut zur Kutte

Von Gina Thomas/London
 - 10:00

Obwohl auf dem Altmeistermarkt die Klage über Materialknappheit beinahe refrainartig erklingt, zeigen die Auktionen wiederholt, dass der ewige Reigen von Tod, Scheidung, Steuerschuld und was das Leben sonst noch aufwirft, den Handel mit frischer Ware speist. Wenn sich die Einlieferungen, wie jetzt bei Sotheby’s, zu einem besonders satten Angebot summieren, suchen Beobachter oft nach Trends. Doch sind es bei den Alten Meistern, anders als auf dem von Marktentwicklungen abhängigeren Gebiet der zeitgenössischen und modernen Kunst, wohl eher die Launen des Zufalls, die den Vorrat bestimmen.

Ihnen verdankt Sotheby’s in London diesmal eine deutlich reichhaltigere Auswahl, als bei den letzten beiden Auktionen in diesem Sektor. Im Dezember und im Juli vergangenen Jahres brachte es die Firma bei der Abendversteigerung auf jeweils rund vierzig wenig spektakuläre Lose. Hingegen kommen am 5.Juli siebzig Nummern zum Aufruf, darunter einige exquisite Werke, wie der „Christus als Schmerzensmann“, auch „Ecco Homo“ genannt, von Bartolomé Estaban Murillo. Dieses von berührender Innerlichkeit geprägte Werk war heiß umkämpft, als es vor zwölf Jahren aus der berühmten Sammlung verkauft wurde, die der viktorianische Textilhändler Francis Cook zusammengetragen hatte (F.A.Z. vom 3. Dezember 2005). Damals erzielte es mit einem Zuschlag von 2,2 Millionen Pfund mehr als drei Mal so viel wie der obere Schätzwert. Jetzt ist das Gemälde vorsichtig veranschlagt mit zwei bis drei Millionen Pfund.

Hauptbuchführer der Fugger

Zum Reformationsjubiläum wartet Sotheby’s mit einem Porträt Martin Luthers aus der Hand von Lucas Cranach auf, das zu den frühesten überlieferten Darstellungen des Reformators zählt. Es ist im oberen linken Bildwinkel mit der Jahreszahl des Thesenanschlags versehen, die Forschung datiert das lebendige Konterfei des den Doktorhut zur Augustinerkutte tragenden Mönchs jedoch um 1520, vier Jahre bevor er in den weltlichen Stand wechselte. Luthers Gegenspieler Albrecht von Brandenburg ist mit einem 1509 datierten Bildnis von Jacopo de’ Barbari vertreten. Der aus Venedig in den Norden gekommene Künstler hat den ernst blickenden jungen Fürsten unmittelbar nach dessen Ernennung zum Mainzer Domherren in der Pracht seiner geistlichen Tracht erfasst. Die Zeit ist mit der signierten Tafel nicht so gnädig gewesen wie mit dem wunderbar erhaltenen Luther-Bildnis. Beide Werke sind mit 1,5 bis zwei Millionen Pfund bewertet.

Sie gehören zu einer größeren Anzahl bemerkenswerter Porträts in der Auktion. Darunter besticht jenes, das der unter dem Einfluss Tizians stehende Augsburger Künstler Christoph Amberger von Barbara Schwarz gemalt hat, der Frau von Matthäus Schwarz, des gebildeten Hauptbuchführers der Fugger. Das Halbfigurenporträt der wohlhabenden Bürgerin, dessen Pendant, die mit vielsagendem Detail ausgestattete Darstellung ihres kunstliebenden und kleidernärrischen Mannes sich im Museum Thyssen-Bornemisza befindet, ist, wie bei Amberger nur selten, signiert und datiert. Vor drei Jahren scheiterte dieses Los aus der Sammlung des 1977 verstorbenen Händlers Heinz Kister bei Christie’s in New York wohl an der hohen Schätzung von bis zu sechsMillionen Dollar. Diesmal sind die Erwartungen auf 1,2 Millionen heruntergeschaubt worden. Ungewöhnlich für eine Gemälde-Auktion bei Sotheby’s in London umfasst das Angebot auch eine meisterhafte Terrakotta-Büste des Giambologna-Schülers Pietro Tacca, die mit bis zu zwei Millionen Pfund ausgezeichnet ist. Das aus dem steif abstehenden Kragen ragende Gesicht des jungen Medici-Großherzogs Ferdinando II. verrät die Unsicherheit eines milden, zum Herrschen ungeeigneten Wesens.

Im größeren Zusammenhang der Auktion nimmt sich das kleine Konvolut Berliner Ansichten von Jakob Philipp Hackert, Wilhelm Brücke und Maximilian Roch aus dem Hause Hohenzollern eher bescheiden aus. Es ist jedoch erwähnenswert, weil es ahnen lässt, wie viel im Vorfeld der Verabschiedung des Kulturschutzgesetzes außer Landes geschafft worden sein mag. Nach Auskunft von Sotheby’s seien diese Werke bereits im Dezember 2015 nach London gekommen, um ausreichend Zeit für die Erforschung und Katalogisierung zu lassen.

Mutter und Sohn als Liebespaar

Das Spitzenlos der Versteigerung ist Turners in milchigem Abendlicht eingefangene Festungsruine von Ehrenbreitstein am Zusammenfluss von Rhein und Mosel, eines von nur sechs in Privathand gebliebenen Hauptwerken des Künstlers. Das bereits zu Lebzeiten des Künstlers hoch gepriesene Gemälde bezieht sich auf eine Passage aus Lord Byrons Versepos „Childe Harold’s Pilgrimage“, die der Desillusionierung des Dichters über die Französische Revolution Ausdruck verleiht. Im Dezember 2014 erreichte eine Rom-Ansicht mit 27Millionen Pfund den bisherigen Höchstpreis für ein Turner-Gemälde. Sotheby’s hat sich mit einer Schätzung von fünfzehn bis 25 Millionen Pfund eine breite Marge gegeben.

Dagegen tritt Christie’s am 6. Juli an mit einer ähnlich hoch bewerteten Vedute der Rialto-Brücke von Francesco Guardi aus dem Nachlass von Paul Channon, des ehemaligen konservativen Ministers, der ein Erbe der Bank- und Brauereidynastie Guinness war. Das Gegenstück zu diesem prachtvollen Gemälde aus gleichem Besitz wechselte 2011 bei Sotheby’s für einen Hammerpreis von 23,8 Millionen den Besitzer. Mit 48 Losen ist das Angebot bei Christie’s schmaler, als das der Konkurrenz, weist aber dennoch einige hochkarätige Werke auf. Dazu zählt El Grecos überaus sinnlicher Abschied Christi von Maria, in der Mutter und Sohn eher einem Liebespaar gleichen. Das bis dahin in einer Kirche in Toledo hängende Bild galt nach dem Verkauf im Jahr 1961 als mindere Fassung dieses mehrfach vorhandenen Motivs aus der Werkstatt des Künstlers, wurde aber nun, da es im restauriertem Zustand der Forschung wieder zugänglich ist, aufgewertet und mit vier bis sechs Millionen Pfund ausgezeichnet.

Von einer mit Rokoko-Charme erfüllten Szene tanzender Karnevalsfiguren von Giandomenico Tiepolo, die vor zehn Jahren 1,3 Millionen Pfund einbrachte, erhofft sich Christie’s jetzt bis zu 2,5 Millionen. Die marktfrische, auf bis zu 1,8 Millionen Pfund geschätzte Leinwand Anthonis van Dycks mit dem Heiligen Sebastian nach seinem Märtyrium, dürfte aufgrund des Sujets nicht jedermann ansprechen. Es ist bezeichnend, dass Christie’s neue Käufer zu animieren versucht, indem im Katalog immer wieder Bespiele modernerer Künstler angeführt werden, die sich an den Alten Meistern inspiriert haben, wie das bei Van Gogh im Falle der süßlichen Fischerknaben von Frans Hals geschah, die bis zu 1,8 Millionen Pfund einbringen sollen.

Quelle: F.A.Z.
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