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Open Art München

Ein leises Knirschen im Gebälk

Von Brita Sachs
 - 10:00

Mitten im Wochenende von Open Art, das die Saison der Münchner Galerien nach der Sommerpause eröffnet, fand eine Veranstaltung statt, die Aussicht auf frischen Wind in der Szene bietet. Dort stellte Nina Neuper von der Galerie Klüser in einem Pop-up-Space die neue Plattform „S.M.S. – Shit Must Stop – Munich“ vor.

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Den kiebigen Titel hat man sich von einer Portfolio-Reihe mit Künstler-Kollaborationen geholt, die 1968 der Künstler und Galerist William Copley ins Leben rief. Um das Zusammenwirken geht es auch bei „S.M.S.“: Angeregt von „Condo“ in London und New York, wo Galeristen internationale Kollegen einladen, in ihren Räumen auszustellen, oder auch von „Okey Dokey“, einer ähnlichen Aktivität junger Kölner und Düsseldorfer Galeristen, planen die Münchner weit über die Stadtgrenzen hinaus. Allerdings strecken sie ihre Fühler nicht nur nach internationalen Galerien aus, sondern haben damit begonnen, auch Institutionen und weitere kuratorische Formate für Rahmenprogramme ins Boot zu holen. „S.M.S. – Shit Must Stop“ soll das „Kunstwochenende“ ersetzen, mit dem sich ein paar Jahre lang eine Gruppe von Münchner Galerien einen Extra-Auftritt genehmigte. Noch gibt es keine feste Teilnehmerliste, sagen die jungen Initiatoren von S.M.S., aber noch bleibt ja auch Zeit bis zum geplanten Start im Herbst 2018.

Mehrzahl der Galerien beteiligt sich

Einen Vorgeschmack gab dann später am Abend der in Berlin lebende und in München lehrende Künstler Gregor Hildebrandt mit einer Performance, die zeitweise unzählige Papiertaschentücher geradezu romantisch unter Jacques-Brel-Klängen im Sturm von Ventilatoren wehen ließ. „Ça va (brel)“ betitelt Hildebrandt ein Wandobjekt in seiner aktuellen Ausstellung bei Klüser, das aus schwarzen Tapes von Tonbandkassetten auf Leinwand besteht (4000 Euro). Sämtliche Werke des Künstlers nehmen als Ausgangsmaterial analoge Ton- und Bildträger, so auch eine monumentale, aus gleichmäßig verformten Schallplatten installierte Säulenwand (Preis auf Anfrage). (Bis zum 28.Oktober.)

Die Mehrzahl der Galerien beteiligt sich nach wie vor am Open-Art-Wochenende, doch mehren sich jene, die das bewährte, aber nach 29 Jahren leicht erlahmte Modell nur noch halbherzig mitspielen: Will heißen, man profitiert zwar gerne vom Publikumsstrom der Veranstaltung, tritt aber nicht der Dachorganisation bei, der „Initiative Münchner Galerien für zeitgenössische Kunst“ oder verlässt diese gar. Auch sind Christine Mayer, Andreas Binder oder Jo van de Loo nicht die Einzigen, die ihre eigentliche Herbsteröffnung auf ein anderes Datum legen. Ebenso hält es nach Fred Jahns Umzug von der Maximilianstraße ins Gärtnerplatzviertel das Vater-Sohn-Tandem, das kürzlich als Jahn&Jahn in getrennten, aber benachbarten großzügigen Räumlichkeiten an den Start ging.

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Es sind vor allem die Jungen, die neue Wege suchen – eben wie S.M.S. – und die nicht zwanghaft an den etablierten Clustern kleben, etwa dem Kunstareal um die Pinakotheken. Da ist zum Beispiel Deborah Schamoni, sie arbeitet erfolgreich in Oberföhring, also in gehöriger örtlicher Distanz zu den Kollegen. Oder der Neuzugang Nir Altman, er ließ sich nahe dem Goetheplatz nieder; während Johannes Sperling, vor drei Jahren aus Berlin gekommen, einen ehemaligen Laden am Regerplatz in der Au bezog. Sperling stellt derzeit die hybriden Werke von Anna Vogel aus. Wie ihre Lehrer Thomas Ruff und Andreas Gursky arbeitet die Künstlerin mit Fotografie, nutzt sie allerdings nur als Ausgangsmaterial, das sie sowohl digital verändert wie auch überzeichnet, besprüht und bekratzt, um unwirkliche Landschaften, einsame Meere und „New Cities“ zu erschaffen (Preise 1700 bis 12 000 Euro). (Bis 21.Oktober.)

Digitale Möglichkeiten nutzt auch Regina Schmeken für ihre 2016 während der Olympischen Spiele in Brasilien entstandenen Aufnahmen eines Fechtkampfs, in großen Formaten zu sehen in der Galerie Jordanow. Die Fotografin entzog den Bildern alle Farben und verlieh den hellen Fechtern, ihren eleganten Volten, vor tiefschwarzem Grund ein Höchstmaß an Spannung und Wirkung (Auflage7+2 AP; 8500 Euro). (Bis 28.Oktober.) Auf klassische Malerei setzen Sabine Knust und Matthias Kunz; der einstige Mitorganisator des Kunstwochenendes sorgt bei S.M.S. für den Mehrgenerationen-Aspekt. Knust und Kunz zeigen Bilder von Ika Huber aus den vergangenen drei Jahrzehnten. Das zwei Meter hohe Diptychon von 1992 kann der Ausstellungstitel „Caractère gris“ nicht meinen: Auf quittengelbem Grund finden da blockartige und sanft schwingende Formen in Rot und dunkleren Tönen zum harmonischen Duett zusammen (90 000 Euro). Eher schon die Serie „Signs“, auf der schwarze, manchmal an fernöstliche Kalligraphie erinnernde Zeichen wie nervöse, vorsichtige Setzungen den grauen Grund berühren (je 22 000 Euro, Arbeiten auf Papier 2000 Euro). (Bis 14.Oktober.)

Malerische Vielfalt und inhaltliche Tiefe

Malerisch umwirbt auch Martin Assig bei der Galerie Tanit das Auge. Es sind neue Beispiele seiner 2009 begonnenen, mittlerweile auf 800 Blatt angewachsenen Serie „St.Paul“. Sie gilt in ihrer Vielfalt von Motiven und Techniken, die Ornament und Figürliches verschränken, Texte und kleine Hommagen an den deutschen Expressionismus einbauen, als Assigs „Versuch, die Vielfältigkeit der Welt und seiner Vorstellung davon“ zu bebildern (Preise 3200 bis 22 500 Euro). (Bis 28.Oktober.)

Ganz anders sieht die Welt von Alan Charlton aus: Wie neue, in zwei, drei oder vier Teile geschnittene Dreiecke, wie ihrer Ecken entledigte Quadrate oder geteilte Rechtecke belegen, bleibt der britische Minimalist sich absolut treu. Seit den siebziger Jahren variiert er seine grundsätzlich grautonigen Formen, die auf den riesigen Wänden der Galerie Walter Storms hohe Wirkung entfalten (Preise 19 000 bis 84 000 Euro). (Bis 28. Oktober.) Parallel zu einer großen David-Lynch-Retrospektive im Münchner Filmmuseum zeigt die Galerie Karl Pfefferle – neben einigen Gemälden und Fotografien – vor allem Aquarelle des amerikanischen Filmemachers, der, was wenige wissen, als Kunststudent begann und nie vom Malen ließ. Das 2012 zu Papier gebrachte fröhliche Comic-Kerlchen „Mighty Mouse“ mit seinem Raumschiff ist eine absolute Ausnahme. In der Regel herrscht auf Lynchs Bildern nicht gerade Freud und Sonnenschein, wenig verwunderlich bei dem Autor von Filmen wie „Blue Velvet“ oder „Mulholland Drive“, der eben dem Unheimlichen und Abgründen mehr abgewinnt als dem Vordergründigen. Häuser stehen in Flammen, Schmerz bricht sich Bahn, ein „Smiling Jack“ grinst funkelnden Auges aus der Finsternis, und schwarze Wolken ziehen übers Land, wo Lynch mit sehr eigener Handschrift die flüssige Farbe einsetzt (Preise von 7200 Euro an). (Bis 4.November.)

Quelle: F.A.Z.
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