Sachbuch

Ein Pariser Couturier als Spiritus Rector

Von Peter Kropmanns/Paris
 - 09:51

Anfangs erwarb Jacques Doucet vorwiegend Kunst des 18. Jahrhunderts, die er inmitten exquisiter Möbel dieser Epoche präsentierte: Gemälde etwa von Chardin, Vigée-Lebrun oder Watteau, Büsten und Statuetten von Antoine Coysevox oder Houdon. Schon als junger Mann und mit noch bescheidenen Mitteln bestritt er den Ankauf einzelner Werke des Impressionismus. Später begeisterte er sich für außereuropäische Kunst und Bilder bedeutender Vertreter der Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Um dezidiert Zeitgenössisches zu erwerben, trennte er sich von seiner Kollektion Alter Meister und finanzierte mit dem Erlös Erwerbungen, die Werken von Künstlern wie Braque, Derain, Brancusi, de Chirico, Duchamp, Max Ernst oder Klee galten.

Ein Schlüsselbild des Kubismus, ja der Moderne schlechthin, „Les Demoiselles d’Avignon“ von Picasso (heute im New Yorker Museum of Modern Art), stellt das berühmteste Werk dar, das jemals in seine private Kunstsammlung einging. Jacques Doucet (1853 bis 1929) gehörte zu den bedeutendsten Pariser Modeschöpfern um 1900. Die von 1912 bis 1925 erschienene „Gazette du bon ton“, Vorbild und Vorläuferin der amerikanischen „Vogue“, machte regelmäßig auf seine Kreationen aufmerksam.

Zwei Bibliotheken, die er ins Leben gerufen hat

Nicht auf die Karriere des Couturiers, des Erben eines Damenkonfektionshauses an der Rue de la Paix, konzentriert sich ein jüngst erschienenes Buch, sondern auf seine Rolle als Sammler und Mäzen, der er auch – vielleicht sogar vor allem – war. Gut zwei Dutzend Autoren spüren dabei einzelnen Fragestellungen nach, dazu gehören auch die Aktivitäten Doucets zugunsten des Aufbaus zweier Bibliotheken. Und in der umfassenden Publikation werden sogar Überlegungen zur Geschichte des Kunstmarkts um 1900 angestellt: Einer der interessantesten Beiträge ist ein Aufsatz zu jener Auktion, die im Jahr 1912 eben Doucets Sammlung mit Kunst des 18. Jahrhunderts galt und die kunstpolitische Wellen schlug. Was man dabei vermisst, ist ein Katalog dieser Sammlung. Allerdings sind die Umstände der Erwerbung und die Daten des Ankaufs vieler Werke noch ungeklärt, selbst solche berühmter Künstler sind noch nicht identifiziert oder lokalisiert.

Etliche Kunstwerke aus der stets überschaubar gebliebenen Sammlung sind heute auf Museen Frankreichs und anderer Länder verstreut, ein Miró etwa gelangte in das Essener Folkwang Museum. Nur ein kleiner Teil bildet den Grundstock des „Musée Angladon – Collection Jacques Doucet“ in Avignon, das sich dem Andenken an den Kunstfreund verschrieben hat. Von den Möbeln konnte manches Stück für das Pariser Musée des Arts décoratifs erworben werden. Jacques Doucets Bücher freilich, für die er geradezu eine Sammelwut entwickelte, werden heute vor allem in zwei Pariser Bibliotheken aufbewahrt, die er ins Leben gerufen hat.

Diese Bibliotheken liefern auch das Material, das nun im vorliegenden Band verdichtet wird. Er widmet sich unter anderem seinen Domizilen, die wahre Schatzhäuser waren. Doucet ist recht oft umgezogen; von der gediegenen Innenstadtlage an der Madeleine-Kirche wechselte er ins vornehme 16. Arrondissement und in die Nähe des Bois de Boulogne, wo er zunächst in der Rue Spontini, dann in der heutigen Avenue Foch wohnte. Später zog er etwas weiter hinaus, an den Stadtrand nach Neuilly-sur-Seine. Kaum hatte er eine Wohnung oder ein Haus einrichten lassen und sich eingelebt, so scheint es, begann er schon, sich auf die Suche nach einem neuen Heim für sich und seine Sammlung zu machen.

Die herausragende Sammlung von Louis La Caze

Es dauerte naturgemäß eine Weile, das jeweils neue Lebensumfeld seinem sich wandelnden eigenen Geschmack und neuen Strömungen anzupassen. Dies begünstigte das Nachdenken darüber, was er behalten und was er abstoßen könnte: Lebte er bis 1911/12 in Räumen, die von Möbeln und Kunst des 18. Jahrhunderts geprägt waren, so wechselte er 1928, ein Jahr vor seinem Tod, das Ambiente letztmalig, indem er für sein Studio auf eine Mischung aus Kubismus und Art déco setzte und einer Designerin wie Eileen Gray freie Hand ließ.

Zu seinen Impulsen, Sammler zu werden, zur Herkunft seiner Vorlieben und Bildung seines Geschmacks ist trotz der Zeugnisse namhafter Beobachter wenig Konkretes überliefert. Die Kunst des 18. Jahrhunderts, die mit dem Untergang des Ancien Régime an Wertschätzung enorm verloren hatte, wurde weitgehend erst wieder zu Beginn der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts gehandelt, und Doucet nahm sich vielleicht ein Beispiel an der herausragenden Sammlung von Louis La Caze, die 1870 in den Louvre gelangte. Als wahrscheinlich gilt auch, dass er durch die Schriften der Brüder Goncourt, die sich der Kunst des 18. Jahrhunderts eingehend gewidmet hatten, an diese herangeführt wurde. Schon etwa gleichzeitig entdeckte er aber auch Raffaëlli, Manet und den Impressionismus; bereits um 1880 stand er in Kontakt mit Monet und Degas. Neben zwei herausragenden Gemälden von Manet, darunter „Sur la plage“, besaß Doucet Bilder von Degas, Sisley und Monet. Er begeisterte sich zudem für Cézanne und Van Gogh, von denen er jeweils mehrere Gemälde besaß, sowie für ein kapitales Bild, „La Charmeuse de serpents“, vom Douanier Rousseau und für Modiglianis Porträt einer Rotblonden, „La blouse rose“.

Tragende Pfeiler der großen Kunstbibliothek

Doucet stützte sich auf Informationen und Ratschläge zahlreicher Berater. So wurde er 1923 von André Breton zum Ankauf des Matisse-Gemäldes „Poissons rouges et palette“ angestachelt: Der Verzicht auf den Erwerb des 1913/14 entstandenen Bilds würde größtes Bedauern hervorrufen, so Breton. 1924 zeigte sich Doucet stolz und kämpferisch, als er die offenbar zahlreichen Angebote deutscher und amerikanischer Interessenten für „Poissons rouges et palette“ und andere herausragende Stücke seiner Kollektion ausschlug. Doch die Ambition, seine Werke der Moderne dauerhaft zusammenzuhalten und als Spiritus Rector einer geschlossenen Sammlung im kollektiven Gedächtnis zu bleiben, hegte er nicht. Nach seinem Tod wurde durch seine Witwe und andere Erben vieles veräußert, bis auf einige Stücke, die nach Avignon gelangten.

Dagegen sorgte der vom dokumentarischen Nutzen von Büchern für die Kunstgeschichtsschreibung überzeugte Doucet mit Nachdruck dafür, dass seine nachgerade gigantische Kollektion von Publikationen zur Kunst, darunter Autographen und Faltblätter, Ausstellungs- und Auktionskataloge, zusammenbleiben würde: Im Jahr 1918 schenkte er sie der Sorbonne. 1935 wurde sie in den Ziegelbau des Institut d’art et d’archéologie an der Rue Michelet gebracht, dann 1993 in den Altbau der Bibliothèque Nationale de France zwischen Rue de Richelieu und Rue Vivienne. Dort sind die Doucet-Bücher seither tragender Pfeiler der großen Kunstbibliothek des Institut National d’Histoire de l’Art (INHA), die Mitte Januar nach langjähriger Vorbereitung in der restaurierten „Salle Labrouste“ eingeweiht wurde. Mit allein 100 000 Bänden, 150 000 Fotografien, 10 000 Graphiken und tausend Zeichnungen, zu denen zahlreiche Handschriften und Mappen mit Unterlagen zum Kunstleben jeglicher Art hinzukommen, stellt die Sammlung Doucets den Grundstock einer der bedeutendsten Kunstbibliotheken der Welt dar.

Ähnlich legte er fest, dass auch seine Kollektion moderner Literatur, bei deren Aufbau ihm, neben anderen, ebenfalls Breton assistiert hatte, der Universität zur Verfügung stehen soll. In seinem Todesjahr 1929 wurde so die Grundlage für eine zweite öffentliche Fachbibliothek gelegt, die heute als Bibliothèque littéraire Jacques-Doucet an der Place du Panthéon ansässig ist. Eine Bibliothek zum Film und seiner Geschichte konnte er nicht mehr verwirklichen. Die Gründung der Cinémathèque française 1936 ist aber zweifellos auch ein fernes Echo auf Doucets Projekt.

„Jacques Doucet – collectionneur et mécène“. Hrsg. von Chantal Georgel. Les Arts Décoratifs/ Institut national d’histoire de l’art, Paris 2016. 253 S., zahlr. Abb., 49 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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