Londoner Ergebnisse

Ein silberner Hirsch als Pokal kann durchaus Furore machen

Von Gina Thomas/London
 - 16:42

Am 18. September 1696 erlegte der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. bei Briesen in den märkischen Wäldern einen Rothirsch, dessen Ruhm aufgrund des sonderbaren Geweihs bis nach Berlin gelangt war. Der kurfürstliche Jagderfolg fand sogleich Eingang in die Chroniken. Ein kurze Zeit später errichtetes Denkmal mit einem steinernen Geweih über einer Tafel, die verkündet, dass „der Durchlauchtigste Groß-Mächtigste Fürst und Herr, Herr Friedrich der Dritte“ den mehr als fünf Zentner schweren Hirsch „in der Brunfft-Zeit, mit Eigener Hand geschoßen“ hat, markiert die Stelle.

Die große Zahl von künstlerischen Darstellungen belegt die Bedeutung, die der Jagdbeute beigemessen wurde. Am prachtvollsten ist ein silbervergoldeter Trinkpokal des Berliner Hofgoldschmieds Daniel Männlich in der Form eines ruhenden Hirschs mit abnehmbarem Kopf und diamantbesetztem Halsband. Die Edelsteine buchstabieren den Namen des Kurfürsten. In den Bodensatz ist über den Silbermarken dieselbe Inschrift eingraviert wie auf der Gedenktafel an der Erlegungsstelle. Die Qualität der Darstellung hat darauf schließen lassen, dass der Bildhauer Andreas Schlüter, der auch mit dem steinernen Denkmal in der Jakobsdorfer Heide in Verbindung gebracht worden ist, den Entwurf für den silbernen Hirsch lieferte. Als August der Starke 1728 bei Friedrich Wilhelm I., dem Sohn des Kurfürsten, zur Jagd eingeladen war, wurde der Willkommenstrunk aus dem Hirschpokal genommen. Bei diesem Anlass erhielt der Gast im Austausch für eine Kompanie Langer Kerls das legendäre Geweih des Sechsundsechzigenders. Bis heute hängt die Trophäe im Monströsensaal des Jagdschlosses Moritzburg, mit den anderen Rothirschgeweihen aus der Sammlung des sächsischen Königs.

Nebulöse Verhältnisse der Hohenzollern-Bestände

Die Geschichte des 29 Zentimeter hohen Silbergefäßes hat größere Lücken: Fast 180 Jahre lang war es in der Versenkung verschwunden, bis es zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kunsthandel auftauchte – und von Kaiser Wilhelm II. erworben wurde. Der Kunsthistoriker Paul Seidel, damals Direktor des Hohenzollernmuseums, urteilte, dass die hervorragende künstlerische Behandlung „dieses Stück an die erste Stelle der uns erhaltenen Beweise der Berliner Goldschmiedekunst des 17. und 18. Jahrhunderts“ setze. Es fand einen Platz in einer Vitrine des ehemaligen Audienzzimmers Friedrichs des Großen im Berliner Stadtschloss. Um 1926 ließ sich der abgedankte Kaiser den Pokal in sein niederländisches Exil schicken. In Doorn stand er in einem „Vitrinenschrank im Rauchzimmer am gelben Salon“: 1964 kam er auf die Hohenzollernburg in Hechingen. Wer heute die Internetseite des Stammsitzes des einstigen preußischen Königshauses aufruft, begegnet dem silbernen Hirschen bereits auf den ersten Klick. Doch inzwischen ist er im Pariser Handel gelandet. Er gehört zu den Objekten, die das Haus Hohenzollern im Dezember 2015 – rechtzeitig vor der Novellierung des Kulturschutzgesetzes – nach London brachte und Anfang Juli dort versteigern ließ.

Der mit bis zu 350 000 Pfund veranschlagte Prachthirsch wurde am Telefon der Pariser Mitarbeiterin von Sotheby’s für 1,9 Millionen Pfund zugeschlagen. Für ein Leuchterpaar des Augsburger Silberschmieds Johann Engelbrecht, das einst zum Silberbuffet im Rittersaal des Stadtschlosses gehörte, gab die Bremer Galerie Neuse beim unteren Schätzwert von 800 000 Pfund (Taxe bis 1,2 Millionen) das erfolgreiche Gebot ab. Die Kandelaber wurden den Hohenzollern bei der zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg erfolgten Aufteilung der Kunstschätze zwischen Staat und Familie, überlassen; anders als jene Teile des Silberbuffets, die sich heute in Schloss Köpenick befinden, sind sie nicht vergoldet. Auch sie waren auf der Burg in Hechingen ausgestellt. Ein um 1600 datierter, norditalienischer Prunkharnisch mit Ätzmalerei, der traditionell als Feldkürass des Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg bezeichnet wird und mit dieser Beschreibung in der großen Preußenausstellung von 1981 zu sehen war, erreichte in der Auktion mit 880 000 Pfund fast die doppelte Obertaxe. Die Rüstung gehört zu den Objekten, die das Deutsche Historische Museum in Berlin gern ersteigert hätte. Es hat allerdings nicht mitgeboten. Obwohl die Gründe dafür auf Anfrage nicht präzisiert werden, ist evident, dass für diese Zurückhaltung andere Faktoren im Spiel sind als das Fehlen der für einen Kauf nötigen Mittel.

Die Londoner Verkäufe werfen ein Licht auf die nebulösen Verhältnisse im Zusammenhang mit den Hohenzollern-Beständen. Darauf machte bereits vor fünf Jahren eine rechtliche Auseinandersetzung aufmerksam, bei der es um Antoine Watteaus Gemälde „Einschiffung nach Kythera“ ging, die das Haus Hohenzollern 1983 für fünfzehn Millionen Mark an die öffentliche Hand veräußert hat. Die sich auf einen Aktenfund des Kunsthistorikers Guido Hinterkeuser stützende Frage, ob das Bild in den zwanziger Jahren schon einmal vom Staat bezahlt worden sei, so dass es sich 1983 womöglich um einen unbeabsichtigten Doppelverkauf gehandelt habe, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Trotz historischer Bedeutung ins Ausland gebracht

Es ist auch kaum begreiflich, dass der deutsche Staat, der Preußische Kulturbesitz und die Stiftung Schlösser und Gärten hundert Jahre nach der Abschaffung der Monarchie immer noch mit den Hohenzollern um den rechtlichen Status der Objekte aus dem ehemaligen Hohenzollernmuseum im nicht mehr vorhandenen Schloss Monbijou verhandeln, die nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Ost und West zerstreut wurden. Die Stücke waren in der Weimarer Republik bei der Aufteilung des Hohenzollern-Besitzes in Krongut und privatfürstliches Vermögen zwar Eigentum der Familie geblieben, die Verantwortung für ihren Unterhalt im Museum wurde jedoch dem Staat übertragen. Bei den bis heute unabgeschlossenen Verhandlungen drängt sich freilich die Frage auf, ob die Besitzverhältnisse womöglich bewusst im Unklaren gelassen werden: aus Sorge, dass die Leihgaben der Familie diversen Museen entzogen werden könnten, wie dies jetzt in London mit einigen bislang in der Burg Hohenzollern zugänglichen Gegenständen, die wohl definitiv Privateigentum sind, geschehen ist.

Trotz ihrer historischen Bedeutung durften diese Objekte ungehindert ins Ausland gebracht werden. Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium teilte auf Anfrage mit, nur Stücke von herausragender Bedeutung würden in die Liste national wertvollen Kulturguts eingetragen: „Im konkreten Fall“ sei es nicht möglich gewesen, eine Eintragung zu prüfen, „weil wir erst nachträglich von der Ausfuhr erfahren haben“.

Verdruss über mangelnde Bereitschaft zum Vorverkauf

Prinz Georg Friedrich von Preußen, seit 1994 Oberhaupt des Hauses Hohenzollern, hatte vor der Londoner Auktion bekundet, sich bewusst für einen öffentlichen Verkauf entschieden zu haben, „der allen Interessierten die Gelegenheit zur Teilnahme gibt“. Die Beweggründe dafür seien im Vorfeld auf persönlicher Ebene zwischen ihm und den Verantwortlichen einzelner Museen direkt erörtert worden. Dem Vernehmen nach herrscht in den Berliner Museen jedoch Unmut über den – als Vertrauensbruch empfundenen – Verkauf bedeutender Stücke, während die Verhandlungen über die anderen Objekte noch laufen.

Die Bestände aus der Hohenzollernburg sind jetzt in den internationalen Handel gegangen oder – wie im Fall eines Gemäldes von Wilhelm Brücke mit dem Zeughaus unter den Linden, das angeblich das Deutsche Historische Museum gern gehabt hätte – für 310 000 Pfund (Taxe 150 000/180 000) in private Hand gelangt. Dass die Preise eben überhaupt nicht eskalierten, macht den Verdruss über die mangelnde Bereitschaft zum Vorverkauf seitens der Hohenzollern an öffentliche Einrichtungen eher größer. Die deutschen Museen beteiligten sich nicht an der Versteigerung bei Sotheby’s. Aber es ist nicht auszuschließen, dass das ein oder andere Stück über den Kunsthandel ins Museum geraten könnte. Die Münchner Galerie Arnoldi-Livie konnte sich für 65 000 Pfund, deutlich unter Taxe, ein Paar Berliner Veduten Jakob Philipp Hackerts sichern, und der Londoner Händler Edmondo di Robilant erwarb für 140 000 Pfund (100 000/150 000) Wilhelm Brückes Ansicht des Berliner Stadtschlosses.

***

Was die Auktionen im Ganzen betrifft, schöpfte die durch einige schwächere Ergebnisse der vorigen Saisons verunsicherte Branche diesmal Mut aus der gesünderen Mischung von Angebot und Nachfrage auf dem Gebiet der Alten Meister und des gehobenen Kunsthandwerks. Christie’s erzielte mit 23,25 Millionen Pfund den höchsten Altmeister-Preis dieses Jahres für Guardis imposante Vedute der Rialto-Brücke aus dem Besitz der Guinness-Bank-und-Brauerei-Familie. Das Ergebnis blieb allerdings etwas unter dem Hammerpreis, den Sotheby’s 2011 für das Pendant derselben Provenienz einspielte. Für ein spektakuläres Paar marmorner, Rücken an Rücken sitzender Löwen, das André Beauneveu im 14. Jahrhundert für das Grab Karls V. schuf, brachte Christie’s mit 8,2 Millionen Pfund einen weiteren Auktionsrekord ein, diesmal für das teuerste mittelalterliche Kunstwerk.

Sotheby’s dürfte sich etwas mehr erhofft haben für William Turners mit bis zu 25 Millionen Pfund veranschlagte Darstellung der „Burg Ehrenbreitstein“. Die Untertaxe war in letzter Minute von fünfzehn Millionen auf siebzehn Millionen Pfund angehoben worden, durch ein garantiertes Gebot. Mangels eines anderen Bieters fand das Bild denn auch bei dieser Summe den Zuschlag. Dennoch kann sich Sotheby’s mit insgesamt 52,5 Millionen Pfund – gegenüber 16,4 Millionen Pfund im Vorjahr – bei einem Absatz von 85 Prozent der knapp siebzig Lose über die stärkste Bilanz einer Altmeisterauktion seit sechzehn Jahren freuen.

Fischmarkt trifft auf Hofnärrin

Christie’s schnitt mit einem geringeren Angebot schwächer ab. Mit 75 Prozent verkaufter Lose kam das Haus dank des Guardis auf 43,8 Millionen Pfund. Dazu trugen die beachtlichen 2,8 Millionen Pfund für einen charmanten Karnevalstanz Giandomenico Tiepolos bei. Sowohl bei den Zeichnungen als auch bei den Gemälden zeigte sich ein ums andere Mal, wie sehr sich Marktfrische und Qualität bei einem durchaus wählerischen Publikum auszahlen.

Das galt für die bislang unbekannte Federzeichnung eines Fischmarkts von Joachim Anthonisz. Wtewael, die bei Sotheby’s mit 720 000 ihren Schätzwert von 40 000 Pfund weit übertraf, ebenso wie für ein lebendiges Grisaille-Bildnis Antonis van Dycks, das mit bis zu 300 000 Pfund bewertet war, jedoch, heiß umkämpft, auf 1,35 Millionen Pfund kletterte. Auffallend war auch das Interesse an ungewöhnlichen Darstellungen, wie im Fall von Jan Sanders van Hemessens mit bis zu 600 000 Pfund bewertetem Bildnis der Hofnärrin der Anna von Böhmen und Ungarn, das auf 1,8 Millionen Pfund stieg.

Dahingegen musste der italienische Kunde des Händlers Luca Baroni, der sich jetzt bei Sotheby’s und Christie’s von zahlreichen Zeichnungen und Gemälden trennte, bei einigen Werken, die erst vor nicht allzu langer Zeit durch die Auktionssäle gegangen sind, Verluste hinnehmen: Darunter ist Murillos exquisiter „Christus als Schmerzensmann“, der 2005 Sensation machte, als er, dem Markt unbekannt, 2,2 Millionen Pfund einbrachte, jetzt mit 2,3 Millionen Pfund jedoch in der unteren Schätzmarge blieb. Canalettos große, detailverliebte Federzeichnung einer Dogenkrönung übertraf zwar mit 2,2 Millionen Pfund den bisherigen Rekord für ein Werk des Künstlers auf Papier, erreichte aber nicht die untere Schätzung – womöglich weil bekannt war, dass das Blatt zuvor erfolglos privat angeboten worden war.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlinLondonDHMSotheby's HoldingsPfund