Kunstmarkt
Münchner Ergebnisse

Nadia mit der spitzen Nase

Von Brita Sachs

Die fränkische Privatsammlung, die Neumeisters Offerte mit Alter Kunst eine echte Sonderportion an Losen bescherte, ließ vor allem Liebhaber alter Waffen und süddeutscher Bildfindungen des 19. Jahrhunderts aufmerken. Letztere mussten nicht unbedingt auf Leinwand sein: Der erste fünfstellige Zuschlag galt einer wohl in Hanau hergestellten Tabatiere mit dem Emailbild einer alpenländischen Seelandschaft zwischen sechs Altschliffdiamanten; er belief sich auf 12  200 Euro (Taxe 3800) und wurde am Telefon aus Tschechien bewilligt. Bei den Waffen erzielte eine sächsische Radschlossbüchse aus der Zeit um 1600 mit eingelegten fischschwänzigen Fabelwesen 8300 Euro (um 2000). Die Chance, 37 Degen und 35 Hirschfänger zu ergattern, nahm ein süddeutscher Privatbieter wahr: Eine nach der anderen gingen sämtliche Hieb- und Stichwaffen an ihn, um schließlich eine Zuschlagssumme von 29 000 Euro (rund 12 000) zu bilden. Nachdem eine oberfränkische Barockkommode mit kunstfertiger Marketerie ihre Qualität im Preis von 16 000 Euro (6000/8000) spiegeln konnte, hatte Heinrich Bürkel seinen Auftritt. Zwar wurden nur vier von sieben seiner Gemälde vom bäuerlichen Bergleben veräußert, doch mit teils kräftigen Steigerungen: Das „Wirtshaus im Gebirge“ etwa schaffte mit 50 000 Euro die doppelte Taxe. Dort, wie auch bei den nächsten Losen, agierten süddeutsche Privatsammler mit Erfolg, so beim Kampf um Spitzwegs karikaturesken „Gutsherr mit Gemahlin“, der 48 000 Euro (25 000/30 000) einspielte, oder als Defreggers „Lesestunde“ in einer Bauernstube auf 36 000 Euro (20 000/30 000) kletterte. Seine Burschen und Dirndln beim „Kartenspiel“ gingen jedoch nach Österreich für 34 000 Euro (um 20 000).

Die Hauptauktion begann mit Spitzenpreisen für Keramik, als zwei Krüge und ein Humpen des 17. Jahrhunderts aus Creußen mit bis zum Zehnfachen der Bewertungen überraschten, ein Abundantia-Krug mit Relief- und Malereidekor brachte 27 000 Euro (3000/4000). Später setzte koreanischer Handel dem erfolgreichen Kunsthandwerk mit 20 000 Euro (15 000/ 20 000) für ein goldstaffiertes Meissener Hausmaler-Reiseservice ein weiteres Highlight auf. Bruno Pauls berühmter zwölfflammiger Messingleuchter „Modell 58“ schaffte 18 000 statt 10 000 bis 12 000 Euro, und ein Jugendstilschreibtisch nach dem Entwurf Hans Eduard von Berlepsch-Vallendas’ bekam für 11 000 Euro das Historische und Völkerkundemuseum in St. Gallen, seiner Geburtsstadt. Gaspard Gréselys hübsches Trompe-l’œil aus dem 18. Jahrhundert sauste auf 25 000 Euro (8000/10 000) und nach Holland. Etwas unter der Erwartung blieb dagegen Joseph Stielers Porträt der botanisch bekränzten Baronin Charlotte von Oven, mit privat bewilligten 60 000 Euro (65 000/70 000).

Unspektakulär ging die Auktion mit modernen bis zeitgenössischen Arbeiten vonstatten. Den Anführer unter 58 Prozent verkauften Losen gab Vasarelys kugeliger Op-Art-„Kurt“, als ein französischer Sammler das Ölbild von 1983 für 70 000 Euro (60 000/80 000) nahm. Sonst dominierten Druckgraphiken die obere Region: Die monumentale dramatische Kaltnadelradierung „Head (Green)“, die William Kentridge mit per Hand eingefärbten Schablonen überarbeitete und von der keine Auflage existiert, brachte mit 35 000 Euro die untere Schätzung, dank englischen Privatgebots. Auch dorthin, aber in den Handel wechselte Matisses Aquatintaradierung „Nadia au profil aigu“ – aigu wegen Nadias spitzer Nase – für 19 000 Euro, leicht über Taxe. Erfreut konstatierte das Haus, dass seine „Social-Media-Strategie“ zu fruchten beginnt, spürbar an neuen Bietern, die über Instagram und Facebook zu Neumeister finden.

Quelle: F.A.Z.
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