New Yorker Ergebnisse

Umflort bis erleichtert

Von Rose-Maria Gropp
 - 10:00

Hat es Überraschungen gegeben? Nicht wirklich, was wiederum keine Überraschung ist; denn keines der Lose war für eine Sensation gut. Auch nicht Amedeo Modiglianis „Nu couché (sur le côté gauche)“, dem die, bisher nicht dagewesene, Schätzung von 150 Millionen Dollar vorausgeschickt wurde. Wobei man dem vielfach ausgestellten Gemälde vielleicht eine Handvoll Dollarmillionen mehr zugetraut hätte – schon allein, weil es Modiglianis größter Akt ist. Doch in der Abendauktion mit Impressionismus und Moderne bei Sotheby’s reichte ein Gebot von 139 Millionen Dollar für das etwas spitznasige, eher provokante denn erotische Nacktmodell aus: inklusive Aufgeld sind das 157,2 Millionen Dollar, die wohl der oder die Garantiegeber zu bezahlen haben.

Den Modigliani-Maßstab hatte im November 2015 der chinesische Milliardär Liu Yiquian gesetzt, als er bei Christie’s 152 Millionen Dollar bot – also mit Aufgeld 170,4 Millionen Dollar bezahlte – für einen allerdings wesentlich sinnlicheren Akt. Es ist eben nicht so einfach mit der superreichen Klientel, zumal nicht mit der aus Asien. Genau für solche riskanten Fälle sind eine Garantie und ein unwiderrufliches Gebot gut – das, so lässt sich vermuten, irgendwo bei den mutig taxierten 150 Millionen Dollar lag. Ganz die Erwartungen erfüllte dagegen eine kleine Version von „Le Repos“ aus dem Jahr 1932, Picassos Bildnis der schlafenden Marie-Thérèse Walter. Es ging für 32,5 Millionen Dollar (Taxe 25/35 Millionen) an einen asiatischen Privatsammler; den Einlieferer kostete es im Jahr 2000 bei Sotheby’s 7,9 Millionen Dollar.

Vor der Auktion zurückgezogen wurde ein Guss von Alberto Giacomettis „Le Chat“ (Taxe 20/30Millionen Dollar) – und zurückgehen mussten diverse Picassos, darunter eine „Femme au chien“ von 1953 (12/18Millionen). Monets „Matinée sur la Seine“ von 1896 erreichte ihre Untertaxe von achtzehn Millionen (bis 25 Millionen). Insgesamt verbuchte Sotheby’s aber für 32 verkaufte Lose (von 45) einen Umsatz von immerhin 318,3 Millionen Dollar, angesichts anvisierter 307,4 bis 378,1 Millionen.

Auch für Christie’s lief nicht alles so glatt: Bei der Vorbesichtigung wurde Picassos „Le Marin“, wie es heißt, versehentlich beschädigt und deshalb aus der Auktion genommen. Das auf etwa siebzig Millionen Dollar geschätzte Bild von 1943 war eines der wenigen herausragenden Werke der ganzen New Yorker Woche. Der Einlieferer war überdies der Casino-Eigner Steve Wynn, der daraufhin auch einen zweiten Picasso, „Femme au chat assise dans un fauteuil“ von 1964 (22/28 Millionen) zurückzog.

Dafür gab es zwei eindrucksvolle Künstlerrekorde: Für Malewitschs „Suprematist Composition“ von 1916 wurden 76 Millionen Dollar geboten – der Spitzenpreis des Abends; inklusive Aufgeld sind das 85,81 Millionen. Brancusis bezaubernde hochglanzpolierte, unikate Bronze „La jeune fille sophistiquée (Portrait de Nancy Cunard)“ wurde mit 63 Millionen Dollar belohnt. Beide Lose waren auf je rund siebzig Millionen Dollar geschätzt. Damit stehen bei Christie’s am Moderne-Abend der Gesamttaxe von 437,6 Millionen für 38 vermittelte Lose 415,85 Millionen Dollar gegenüber.

Der Contemporary Sale war auch für Phillips ein Erfolg

Die Serie der Nachkriegskunst und Zeitgenossen eröffnete Sotheby’s mit Jackson Pollocks „Number32, 1949“ an der Spitze: Für ihn war ein Gebot von dreißig Millionen Dollar (28/35 Millionen) nötig. Jean Michel Basquiats „Flesh and Spirit“ von 1982 kam auf 27 Millionen Dollar (20/30 Millionen), gefolgt von David Hockney mit seinem gut drei Meter breiten „Pacific Coast Highway and Santa Monica“, das 25 Millionen Dollar (20/30 Millionen) erforderte. Gerhard Richters zwei mal zwei Meter messendes, rotes „Abstraktes Bild (747-2)“ von 1991 ging für fünfzehn Millionen (15/20 Millionen) weg, wie anzunehmen ist, an seinen Garantiegeber.

Zum viertteuersten Los des Abends avancierte Kerry James Marshalls Picknick-Bild mit dem ironischen Titel „Past Times“: Der Zuschlag bei 18,5 Millionen Dollar ließ die Schätzung von acht bis zwölf Millionen weit hinter sich – ein Rekord für den amerikanischen Künstler. Der beachtliche Umsatz lautete bei Sotheby’s für 47 verkaufte Lose auf 284,54 Millionen Dollar; gerechnet hatte das Haus mit 210,7 bis 289,6 Millionen.

Der Contemporary Sale von Phillips gestaltete sich erfolgreich für die kleinste der drei Firmen. Auch dort reüssierte der zurzeit unhintergehbare Basquiat; sein „Flexible“ von 1984 schaffte vierzig Millionen, kostet also brutto 45,31 Millionen Dollar. Drei Lose waren auf je zwölf bis achtzehn Millionen geschätzt, mit unterschiedlicher Fortune: Sigmar Polkes „StadtbildII“ von 1968, das aus der Dürckheim-Auktion im Juni 2011 bei Sotheby’s in London über David Zwirner an den Einlieferer gekommen war, wie auch Richters „Abstraktes Bild (811-2)“ von 1994 erlitten Rückgänge.

Dagegen realisierte Robert Motherwells „At Five in the Afternoon“ von 1971, aus der „Elegy“-Serie zum Spanischen Bürgerkrieg, einen Auktionsrekord für den Künstler, mit dem Hammerpreis von elf Millionen Dollar. Warhols Variante aus der späten „Last Supper“-Reihe hielt sich gut mit 7,5 Millionen (8/12 Millionen). Und auch bei Phillips besteht Kerry James Marshall seine aktuelle Favoritenrolle: Sein „Untitled (Blanket Couple)“ von 2014 kam auf 3,6 Millionen Dollar (3,5/5,5 Millionen). 33 verkaufte Lose (von 38) sorgten für einen Bruttoumsatz von 131,56 Millionen, deutlich oberhalb der erhofften rund 117 Millionen Dollar.

Mehr Geld als Kunst auf dem Markt

Christie’s vermittelte an seinem Zeitgenossen-Abend 58 von 64 Losen. An die Spitze setzte sich Francis Bacons „Study for Portrait“ seines Gefährten George Dyer von 1977, mit 44 Millionen Dollar (30 Millionen); der Käufer bezahlt mit Aufgeld 49,8Millionen Dollar für das große Format. Warhols „Double Elvis (Ferus Type)“, eingeliefert von Steve Wynn, kam mit einigem Abstand auf 33,5 Millionen und sein „Most Wanted Men No.11, John Joseph H., Jr.“, dessen einzige weitere Version sich im Frankfurter Museum für Moderne Kunst befindet, noch auf 25 Millionen Dollar.

Jeff Koons’ Klumpen „Play-Doh“ schaffte die ihm zugetrauten zwanzig Millionen Dollar. Dreizehn Werke des wunderbaren Richard Diebenkorn kamen aus der Sammlung von Donald und Barbara Zucker. Sein 2,4 mal zwei Meter großes „Ocean Park No. 126“ setzte einen Auktionsrekord, mit 21 Millionen Dollar (16/20 Millionen). Ebenfalls einen starken Rekord markierte Joan Mitchells leuchtende Abstraktion „Blueberry“ von 1969, bei 14,5 Millionen (5/7 Millionen). 397,15 Millionen Dollar Umsatz verzeichnet Christie’s, gut oberhalb der Erwartung von etwa 320 Millionen.

Soviel lässt sich sagen: Es gibt in Amerika und Asien, sogar in Europa mehr Geld als Kunst auf dem Markt, die es aufnehmen könnte. In New York ist es jetzt noch einmal gutgegangen. Entscheidend wird für diesen Höchstpreismarkt sein, ob es gelingt, den entsprechenden Auktionen wieder wirklich kapitale Werke zuzuführen.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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