Kunstmarkt
European Fine Art Fair

Museum auf Zeit

Von Bettina Wohlfarth/Maastricht
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Die Standdekoration der Pariser Galerie Delalande erinnert an Verfilmungen von Jules Vernes Entdeckungsromanen. Allerhand Weltvermessungsinstrumente sind dort ausgestellt. Zwischen frühen Mikroskopen, Astrolabien oder etwa einer Armillarsphäre – ein astronomisches Gerät, das die Bewegung der Himmelskörper veranschaulicht – verwundert ein kleiner, fein bemalter Globus in einer ledernen Schutzschale. Nur gute sieben Zentimeter durchmisst der „Taschenglobus“, der von dem Nürnberger Kartographen Johann Baptist Homann angefertigt wurde. An der Äquatorlinie kann er aufgeklappt werden und zeigt dann eine Miniatur-Armillarsphäre. Für 130 000 bis 150 000 Euro lässt sich das rare Erdkügelchen mitsamt dem Himmelsvermesser in der Jackentasche forttragen.

Auch „The European Fine Art Fair“ (Tefaf) vermisst auf ihre Weise die Welt und zeigt zum dreißigsten Mal die Kunstgeschichte der Menschheit in einer einzigen Messehalle. Tefaf ist und bleibt die Königin der Kunstmessen: Sie setzt Standards, ist die prächtigste und umfangreichste. Für zehn Tage wird das niederländische Maastricht für Sammler und Museumsleute zum Mittelpunkt der Welt: 270 Händler der internationalen Spitzenklasse zeigen Kunst aller Kulturen vom Altertum bis in die Gegenwart. Die Stärke der Tefaf liegt traditionell im Bereich der alten Malerei und bei den Antiquitäten, hinzu kommen Sektoren für die Moderne (vorsichtig bis in die Gegenwart reichend), für Design, Arbeiten auf Papier oder die umwerfend schöne Haute Joaillerie.

Luftige Blumenmobilés als Blickfang

Weil erlesene Altmeistergemälde nur in begrenzter Zahl am Markt erscheinen und die besten die Museen bestücken, schiebt sich die Kompetenz mancher Händler längst in die klassische Moderne vor. Bei Jean-Luc Baroni aus London hängt eine außergewöhnliche Zeichnung eines „Bärtigen Mannes“ von Hans Baldung Grien (der Preis wird nicht genannt) gleich neben einer intimen Aquarellstudie von Pierre Bonnard. Sie zeigt seine Schwester mit ihrem Baby und ist ganz im Stil der Nabi-Bewegung gemalt, der Bonnard angehörte. Die Papierarbeit ist immer in der Familie verblieben und kostet 450 000 Euro. Bei Dickinson (London, New York) trifft ein bewundernswerter Cranach der Ältere – „Judith mit dem Haupt von Holofernes“ (5,5 Millionen Euro), ein im Wortsinn furchtbar erfolgreiches Sujet, das der deutsche Maler gleich mehrfach in Szene setzte – auf ein Aquarell von Paul Cézanne.

Die zartfarbene „Montagne Sainte-Victoire“, die mit 4,5 Millionen Euro beziffert wird, ging immerhin von Ambroise Vollard in die Sammlung von Gertrude Stein über, dann zu Paul Rosenberg und schließlich zum Münchner Kunsthändler Justin Thannhauser. Nach dieser illustren Provenienz gibt es Unklarheiten, die man gerne näher beleuchtet sähe: Hat der jüdische Antiquar Gustav Schweitzer, dem das Blatt dann in den dreißiger Jahren gehörte, es 1937 freiwillig in eine amerikanische Sammlung verkauft? Raubkunst wird noch lange Zeit ein heikles Thema bleiben. Bei Arnoldi-Livie aus München lässt sich ein umwerfend lebendig vibrierendes Porträt vom Vater ebenjenes Justin Thannhauser entdecken, der auch das Cézanne-Aquarell einmal besaß: Das „Porträt des Kunsthändlers Heinrich Thannhauser“, hinter dem eine faszinierende Geschichte steckt, wurde 1918 von Lovis Corinth gemalt und ist bis heute in der Familie verblieben (380 000 Euro).

Global gesehen, sind die Zeiten für den Kunsthandel keineswegs düster. Nach dem diesjährigen „Art Market Report Tefaf“ wurde 2016 ein Wachstum von 1,7 Prozent erzielt. Dabei ist es beachtenswert, dass der Auktionsmarkt mit minus 18,8 Prozent recht spektakuläre Einbußen erlitt. Durch eine Verlagerung hin zu Privatverkäufen stieg hingegen der Umsatz der Kunsthändler weltweit zwischen 20 und 25 Prozent. Tefaf kann von dieser Tendenz nur profitieren. Wie die Art Basel oder Frieze schon Jahre zuvor, expandiert nun auch die Maastrichter Messe und gründet zwei Ableger in New York. Aber zunächst einmal ist der Frühling in Maastricht angesagt, zumindest was die Blütenpracht angeht: 145 000 pastellfarbene Blumen schmücken die großzügigen Alleen. Im Raum schwebende, luftige Blumenmobilés sind das beliebteste Fotomotiv des Vernissagenpublikums, das wie üblich am Vortag der Eröffnung erwartungsvoll auf die Messe drängt.

Ein wiederentdecktes Gemälde von Hans von Aachen?

Im prächtigen Bereich der Altmeister, bei Tomasso Brothers (Leeds), gehört eine Julius-Cäsar-Skulptur ganz ohne Tunikahüllen des flämischen Spätrenaissance-Künstlers Giambologna zu den Entdeckungen, die man erst auf den zweiten Blick macht. Die ungewöhnliche, weil in Holz skulptierte Figur ist die früheste, die von diesem Künstler bekannt ist, und zeigt seinen Wunsch, sich in Italien bei den Medicis einen Namen zu verschaffen – was ihm gelang. Sie wird für 1,4 Millionen Euro angeboten.

Die jüngsten Enthüllungen um gefälschte Antiquitäten aus dem achtzehnten Jahrhundert in Frankreich und kurz darauf um eine Reihe gefälschter Altmeistergemälde, darunter ein angeblicher Cranach, Frans Hals und Orazio Gentileschi, haben den Kunstmarkt erschüttert. Mehr denn je werden sichere Provenienzen erwartet. Natürlich spitzt man nach all den Affären die Ohren, wenn die Bremer Galerie Neuse mit einer spektakulären Wiederentdeckung eines Renaissance-Gemäldes aufwartet. Kann es sich bei dieser dramatischen „Dornenkrönung“ um das jahrhundertelang verschollen geglaubte Gemälde von Hans von Aachen handeln? Das Bild hatte sich lange in einer Privatsammlung befunden und war dort bis zu seiner Neuzuweisung fälschlich als „italienische Schule“ geführt worden. Nun wurde es von Experten identifiziert und konnte chemischen Analysen standhalten. Neuse beziffert die Entdeckung mit 1,75 Millionen Euro. Eine unbestreitbare Provenienz haben auch zwei museale Gemälde von Frans Hals bei Johnny van Haeften aus London, die mit 14 Millionen Euro an der oberen Preisgrenze der diesjährigen Tefaf liegen. Das schwarz gekleidete Bürgerpaar von „Porträt eines Mannes mit Handschuh“ und „Porträt einer Frau mit Handschuh“ soll weiterhin unzertrennlich zusammenbleiben.

Ein wild steigendes Paar Terrakotta-Pferdchen

Tefaf umspannt 7000 Jahre Kunstgeschichte. Eine zierliche weibliche Holzfigur aus dem alten Ägypten scheint den gestressten Betrachter von heute durch ihre vollkommene Ausgeglichenheit, ihre sichere Ruhe herauszufordern. Trotz des vergänglichen Materials ist die Figur, die für 450 000 Euro bei Kunsthandel Mieke Zilverberg aus Amsterdam angeboten wird, auch nach 3700 Jahren noch auf bewundernswerte Weise erhalten. Ein wild steigendes Paar Terrakotta-Pferdchen aus dem dritten Jahrhundert vor Christus bietet Cahn aus Basel für 54 000 Euro an. Bei Vanderven Oriental Art, seit dreißig Jahren auf Tefaf, haben chinesische Künstler der Tang-Dynastie – 618 bis 907 – ihrer Vorstellung vom Pferd einen eleganten, leidenschaftlichen Ausdruck gegeben (aus Terrakotta, zwischen 75 000 und 175 000 Euro).

Im Moderne-Sektor gehört auch die Galerie Salis aus Salzburg zu den Händlern, die von Anfang an bei Tefaf dabei waren. Zum runden Geburtstag hängt am Standeingang einer der schönsten Emil Nolde überhaupt (keine Preisangabe): „Meer und Abendwolken“ in wunderbaren Grünblau- und Rotorange-Tönen. Wie bei den Altmeistern die klassische Moderne längst Einzug hält, so auch die Gegenwart bei der Moderne. Kleine, bronzene Aktskulpturen von schroffer, ausdrucksstarker Schönheit von Thomas Schütte werden im „Tefaf Curated“-Sektor für je 67 000 Euro von Konrad Fischer, Düsseldorf, ausgestellt. Und ein Spitzenpreis von 15 Millionen Dollar geht an Gerhard Richter, mit einem virtuosen, lichtvollen Gemälde „Abstraktes Bild 610-1“ von 1986 bei der New Yorker Tina Kim Gallery.

The European Fine Art Fair (Tefaf), im MECC in Maastricht, noch bis zum 19. März.

Täglich von 11 bis 19 Uhr, am Sonntag, dem 19. März, von 11 bis 18 Uhr.

Eintritt 40 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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