FIAC Paris

Das sehr gute 44. Jahr

Von Bettina Wohlfarth, Paris
 - 10:00

Ausnahmsweise hat sich von einem zum anderen Jahr fast nichts verändert. Tatsächlich hat die „Foire Internationale d’Art Contemporain“ (Fiac) im vorigen Jahr erfolgreich Ihr vorerst optimales Format erprobt, als die Avenue Winston Churchill und das dem Grand Palais gegenüberliegende Petit Palais mit einem neuen „On Site“-Sektor in die Messe einbezogen wurden.

Bei herrlichem Herbstwetter ist die Avenue auch diesmal zu einer verkehrsfreien Esplanade geworden. Die Besucher flanieren zwischen Skulpturen, sitzen in eigens aufgebauten Straßencafés – oder direkt auf den Kunstwerken, die dazu tatsächlich wie geschaffen sind. Waddington Custot aus London hat elegante weiße Bänke von Pablo Reinoso mit dem Titel „Double Talk“ aufgestellt, deren stählerne Latten sich zu Voluten auswachsen. Auch die bemalten Aluminiumbänke „5 Welten 12 Bänke“ Matt Mullicans von Capitain Petzel aus Berlin finden bei den Messebesuchern für ein Päuschen in der Sonne Anklang.

Hula-Hoop-Reifen bilden luftige Architekturen

Die Fiac gibt sich als demokratische Kunstveranstaltung. Zwischen Außenparcours „Hors les Murs“ von der Place Vendôme bis in die Tuilerien und dem „On-Site“-Sektor im Petit Palais sind um die siebzig Kunstwerke frei zugänglich. „So viele wie noch nie“, bestätigt Jennifer Flay, die seit vierzehn Jahren die Fiac leitet und die Messe nicht nur in den engen Kreis der weltbesten Schauen gehoben, sondern ihr auch einen anerkannten Platz im öffentlichen Raum gegeben hat. Schön symbolisiert das die monumentale Installation des französischen Architekten Yona Friedman von der Pariser Galerie Jérôme Poggi: Friedman, schon 94 Jahre alt, setzt bunte Hula-Hoop-Reifen zu luftigen mobilen Architekturgebilden zusammen, die fröhlich zwischen den beiden ehrwürdigen Palais aus dem 19. Jahrhundert aufragen. Gedacht sind sie als ephemeres Museum, das jeder Passant mit seinem Lieblingskunstwerk bestücken kann, indem er eine Kopie an der Ringstruktur befestigt (Preis nach Größe; die Strukturen vor dem Grand Palais um 200 000 Euro).

Durch die architektonische und museale Umgebung ergibt sich ein Dialog zwischen den Jahrhunderten und ihren Künstlern; gleich am Eingang des Petit Palais zeigt sich der Wandel der Zeiten als ironischer Kontrast: Hinter einem dramatischen bronzenen Siegesengel taucht eine Skulptur mit dem Titel „Mutprobe“ von Martin Honert auf; den Künstler vertritt die Berliner Galerie Esther Schipper. Sie zeigt einen Mann, der mit geschlossenen Augen und aufgespanntem Regenschirm von einer meterhohen Leiter in den Abgrund springt. Auch die Porträtfotos von Andres Serrano mit Gesichtern aus aller Welt bei der Galerie Nathalie Obadia, Paris und Brüssel, werfen zwischen Bildnissen aus dem 19. Jahrhundert neue Fragen auf (24 000 bis 100 000 Dollar).

Die amerikanische Textilkünstlerin Sheila Hicks schafft ihre Wollarbeiten oft als Resonanz auf ihre Umgebung. Ihre Installation aus exakt angeordneten Wollkissen und Stäben hat sie eigens für den Mosaikboden im Petit Palais konzipiert. Zu verkaufen ist das Werk erst einmal nicht, aber am Stand der Pariser Galerie Elbaz finden sich weitere Arbeiten von Sheila Hicks, darunter eine Gruppe von hängenden Wollstäben (24 000 Dollar) und eine ihrer Wandstrukturen aus gespannten Wollfäden (120 000 Dollar). Das Centre Pompidou widmet Sheila Hicks im kommenden Frühjahr eine Retrospektive.

Für die 44. Ausgabe der Fiac treten im Grand Palais 193 Galerien aus dreißig Ländern an, einige mehr als 2016. Manche haben auf Solo-Schauen gesetzt. Gió Marconi aus Mailand stellt Markus Schinwald aus, dessen Werk einen surrealistischen Einschlag hat: Der österreichische Künstler manipuliert vorgefundene Materialien, setzt etwa aus alten Tischbeinen seltsam verzerrte Körperskulpturen zusammen, die sich um Striptease-Stangen räkeln. Dann wieder bearbeitet Schinwald gefundene Gemälde, eignet sie sich durch Übermalung, Ausschneiden und Verfremdung an (von 25 000 bis 90 000 Euro). Eine eher minimalistische Solo-Schau zeigt dagegen die 303 Gallery aus New York: An der Decke hängen 21 bunte Luftballons, allerdings aus Edelstahl, dort festgeschraubt von Jeppe Hein. In den gelben, blauen, rosafarbenen oder grünen „Mirror Balloons“ spiegelt sich verzerrt die darunterliegende Welt; ein Ballon kostet 19 000 Euro.

Eindrucksvoll ist der Stand von Meessen De Clercq aus Brüssel. Die drei Wände werden von einer schemenhaften Bibliothek von Claudio Parmiggiani bedeckt; ein seltsamer Geruch nach Verbranntem liegt in der Luft. Der italienische Künstler arbeitet nicht etwa mit Farbe, sondern mit einer ganz eigenen Abdrucktechnik, die durch Rauchpartikel entsteht; jede Holztafel kostet 95 000 Euro. Eine Skulptur von der südkoreanischen Künstlerin Haegue Yang findet sich bei Kukje/TinaKimGallery aus New York und Seoul: „Windy Uninhabited Island“ scheint aus Stroh und Korbgeflecht zu bestehen, wurde aber aus Edelstahl gefertigt und ist damit auch eine sensuelle Auseinandersetzung mit dem Material (35 000 Euro); die talentierte Installationskünstlerin stellt derzeit auch in der Pariser Galerie Chantal Crousel aus.

Am Stand von Chantal Crousel auf der Fiac lässt sich Tischtennis spielen. Der thailändische Aktionskünstler Rirkrit Tiravanija hat in rosafarbenen Lettern auf die dunkelgrüne Platte die Feststellung geschrieben „Demain est la question“ (70 000 Euro). Bei der Pace Gallery aus New York steht man vor einem knotigen Bronzebaum von Raqib Shaw, in dem zwischen Tausenden Blütenblättchen sich wie bei Hieronymus Bosch ein paar sündige Menschenleiber winden. Der indische Künstler ist längst zum Star großer Sammler geworden; seine Skulptur kostet 1,5 Millionen Dollar.

Ab 2020 an einem neuen Ort

Auf der Fiac lassen sich hervorragende frühere Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern entdecken: Die Pariser Galerie Jocelyn Wolff hat eine Werkgruppe aus den frühen sechziger Jahren von Franz Erhard Walther mitgebracht, der auf der diesjährigen Biennale von Venedig mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurde; die Preise dafür liegen zwischen 99 000 und 145 000 Euro. Bei Lelong, Paris und New York, raubt einem ein überdimensionales Gemälde von Pierre Alechinsky den Atem: „Alvéoles“ von 1972, mit dem für den belgischen Maler, der vorgestern neunzig Jahre alt wurde, typischen gerasterten Bildaufbau, kostet 1,5 Millionen Euro. Georg Baselitz ist bei Thaddaeus Ropac mit jüngsten Arbeiten vertreten wie dem abstrakten Gemälde „Winfried“ (320 000 Euro); die kopfständige „Trauerseeschwalbe“ von 1972 wird auf 1,8 Millionen Euro veranschlagt. Unbedingt zu erwähnen ist die französische Künstlerin Pierrette Bloch und ihr wundervoll poetisches, minimalistisches Lebenswerk vornehmlich auf Papier. Pierrette Bloch starb im Juli und gehört zur Galerie Karsten Greve, die auf der Fiac drei ihrer sehr seltenen Werke auf Stoffstücken zeigt (von 18 500 bis 26 000 Euro).

Die Nachkriegsmoderne mit Warhol und Wesselmann oder den Minimalisten Sol LeWitt, Donald Judd und Carl Andre findet sich bei den großen amerikanischen Galerien wie Pace, Paula Cooper und Gagosian. Konrad Fischer, Düsseldorf und Berlin, hatte seine Galerie vor genau fünfzig Jahren mit dem damals völlig unbekannten Carl Andre eröffnet. Heute schafft der amerikanische Künstler nur noch ganz kleine Skulpturen; bei Fischer werden sie für 20 000 bis 25 000 Dollar angeboten. Ein wunderschönes Gemälde von Nicolas de Staël in kräftigen rot-orangen und grün-grauen Tönen besticht bei der Pariser Galerie Applicat-Prazan: „Arbres et Maison“ von 1953 befand sich einst in der exquisiten Sammlung von Paul Rosenberg und hat einen Preis von 4,2 Millionen Euro.

Aus Platzmangel im Grand Palais konnte es seit vielen Jahren keinen Design-Sektor mehr auf der Fiac geben. Die Erweiterung um einen Saal hat es nun ermöglicht, fünf Galerien einzuladen, die mit exquisitem Programm antreten. Das Grand Palais wird nach 2020 für Restaurierungsarbeiten geschlossen, auch um die Ausstellungsflächen zu vergrößern. Während der Renovierungszeit, so deutet es Jennifer Flay an, wird die Fiac an einen „genialen Ort“ im Herzen von Paris auswandern. Genaueres soll Ende des Jahres bekanntwerden.

Fiac. Im Grand Palais, Paris; noch bis Sonntag, den 22.Oktober. Täglich von 12 bis 19 Uhr. Eintritt 37 Euro, Katalog 35 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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