Kunstmarkt
München III

Frankenthalers Farbraum

Von Brita Sachs
©

Ketterers materialreichen Versteigerungen moderner bis zeitgenössischer Kunst in München dauern vom 8. bis zum 10. Dezember. Dann bereichert Kandinsky die Klassische Moderne mit einer 1905 entstandenen Strandlandschaft bei Tunis, deren Spachteltechnik helles Lichtspiel in die impressionistische Szenerie bringt (Taxe 150 000/200 000 Euro). Längst über alle Berge und etliche Stilstufen entfernt war der Meister, als seine in Murnau zurückgebliebene Exgefährtin Gabriele Münter im Mai 1924 die beflaggte Hauptstraße am Sonntag schildert (140 000/180 000). Auch Macke zog es nach Bayern. Während seines Jahrs am Tegernsee malt er 1910 Sohn und Tochter seines Nachbarn Meier aus der herzoglichen Brauerei: „Kinder am Brunnen II“ erinnert mit seiner klaren Einfachheit ein wenig an Kinderbuchbilder (300 000/400 000). Noch höher hinaus will mit 500 000 bis 700 000 Euro Noldes Ölbild einer blau blühende Clematisranke neben ägyptischer Statuette von 1935. Sechs Aquarelle Noldes gipfeln im Preis von 100 000 bis 150 000 Euro für eine Marschlandschaft in blauer Dämmerung.

In Pommern, wo er viele Sommer verbringt, haben es Pechstein 1922 eine Gruppe „Roter Häuser“ angetan und an einem „Sommerabend“ fünf Jahre später sattgelb leuchtende Felder (je 200000/300000 Euro). Als Künstler in Deutschland im neusachlichen Stil malten – und Georg Schrimpf unter dem Titel „Im Hof/Geschwister“ ein junges Mädchen mit einem kleinen Nacktfrosch auf dem Arm darstellte (80000/100000) –, schuf in Paris der Pole Eugeniusz Zak in verwandter, aber romantischerer Art einen zarten „Jungen Mann mit blauer Kappe“ (60000/80000). In ähnlich filigraner Körperlichkeit schwebt Giacomo Manzús bronzene „Pattinatrice“ (180000/240000) auf ihrem Sockel im Angebot plastischer Werke neben Barlach, Kolbe und Klimsch.

Ein knallfarbiger Erdbeer- und Blütenmix

Die abstrakte deutsche Nachkriegsgarde pointieren neben Baumeisters „Phantom mit Rot“ (250 000/350 000) auch „Drei gelbe Scheiben“ von Nay (180 000/240 000), bevor erneut Zero-Meister das Feld dominieren. Allem voran, mit 400 000 bis 600 000 Euro höchsttaxiertes Los der gesamten Auktionsstrecke, Günther Ueckers 2002 helltonig auf Holz gemalte, dann genagelte „Spirale III“. Aus Heinz Macks Werkgruppe der dynamischen Strukturen stammt ein ausnahmsweise Schwarz auf warmem Orange gerakeltes Bild von 1962 (200 000/ 300 000), und Otto Piene setzt 1983 für „Tandem“ den Flammenwerfer zweimal auf brandroten Grund an (150 000/ 200 000). Internationales Flair bringen nicht zuletzt Enrico Castellanis Nagel-Leinwand-Relief „Superficie bianca“ (300 000/400 000) und Carla Accardis geheimnisvolle Zeichenmalerei „Argento turchese“ (60 000/80 000) in die Offerte. Ein besonderes Highlight ist Helen Frankenthalers „Marchioness“ von 1978: Mehr als dreißig Jahre verweilte das mehr als drei Meter breite Werk der großen Vertreterin des Abstrakten Expressionismus in einer süddeutschen Sammlung. Der um ein gelbes Zentrum in hellbraunen Tönen angelegte Farbraum tritt bei 250 000 bis 350 000 Euro an. Verstärkung erhält die amerikanische Seite mit einer Alabasterskulptur von Louise Bourgeois (20 000/30 000), auch Lichtensteins Wohnzimmer-Bild „Yellow Vase“ (Auflage 60; 60 000/80 000) oder fünf Arbeiten von Sam Francis, dabei eine von bunten Farbflecken und -spritzern gesäumte „White Line (SF59-283)“ von 1959 in Gouache und Aquarell (150 000/200 000).

Bei rund siebzig Losnummern zur zeitgenössischen Kunst überwiegt Malerei. Ein monumentaler knallfarbiger Erdbeer- und Blütenmix von Marc Quinn erfordert 90 000 bis 120 000 Euro; unter einigen von Cornelius Völkers Nahsichten auf Alltägliches glänzt rot ein geöffneter „Mund V“ (25 000/35 000). Eine kleine Gruppe Fotografien wird optisch von David LaChapelles großer zuckriger „Intervention (aus der Serie Jesus is My Homeboy)“ dominiert, die den Gottessohn mit einem Straßenkonflikt aus dem Jetzt konfrontiert (Auflage 5; 30 000/40 000). Travor Paglen dagegen, der Aufspürer geheimdienstlicher Aktivitäten, blickt in den schönen Nachthimmel und findet einen „inoffiziellen“ Satelliten: „PAN (Unknown; USA-207)“, den die CIA vermutlich für Drohneneinsätze in Pakistan und Afghanistan nutzt (Auflage 5; 6000/8000).

Ein laut Ketterer „international bekannter Architekt“, der gleichwohl beim Verkauf seiner Kunstsammlung Anonymität vorzieht, trennt sich von knapp fünfzig Werken mit eigenem Katalog, dessen Titel „Good Taste“ man gerne zustimmt. Des Sammlers persönliches Künstleralphabet startet mit Skulpturen von Arp und Andre, dessen hölzernes „Post, Lintel & Threshold Exercise“ von 1963 bei 80 000 bis 120 000 Euro an den Start geht, und einer gelb-silbernen „Study for Hommage to the Square“ von Josef Albers (180 000/ 240 000). Es endet mit Ben Vautiers Schrift-Statement „Art is a False Message“ (9000/12 000) und einem Epoxidharz-Bild aus dem Jahr 2002 von Peter Zimmermann (8000/12 000). Mit Offenheit für Zeros Strenge und Eugène Leroys Farbschlachten, mit Aufträgen an Stephan Huber, Lichtkunst von Maurizio Nanucci und François Morellet, mit Arbeiten auf Papier von Henri Michaux oder mit von Gerhard Richter übermalten Fotografien beweist dieser Architekt seine Offenheit für die Kunst der vergangenen sechzig Jahre.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Gabriele Münter | München | Versteigerung