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Galerieausstellung

California Dreaming im coolen Plastik der Sechziger

Von Anne Reimers, London
 - 10:00

In der Londoner Galerie Sprüth Magers hängt buntes Plexiglas, wie zum Trocknen über der Leine. Es sind Arbeiten des kalifornischen Künstlers Craig Kauffman (1932 bis 2010) aus den sechziger Jahren. Sie stellen einen wichtigen Anteil des Aufstiegs von Los Angeles zur Kunststadt dar.

„Transparency, Reflection, Light, Space“: Der Titel einer Gruppenausstellung in der University of California im Jahr 1971 fasst zusammen, worum es Kauffman mit seinen Wandskulpturen ging. Er war Teil einer Bewegung von Künstlern, die alle in Los Angeles auf die eine oder andere Weise mit Licht und Raum arbeiteten, Objekte herstellten anstatt auf Leinwand zu malen. Es ging ihnen sowohl um das Verhalten von Licht wie auch um die Frage, wie menschliche Wahrnehmung funktioniert. Viele von ihnen arbeiteten mit den Materialien der industriellen Konsumgesellschaft und in den Farben des sonnigen Kaliforniens. In Europa war Kauffmans Werk bisher selten zu sehen, in Deutschland erstmals 1997 in der Wanderausstellung „Sunshine and Noir: Art in L.A. 1960–1997“ im Kunstmuseum Wolfsburg, danach erst wieder vor sechs Jahren in der Schau „Pacific Standard Time. Kunst in Los Angeles 1950–1980“ im Martin Gropius Bau in Berlin.

In Europa bisher selten zu sehen

Bei Sprüth Magers in London sind nun wichtige Arbeiten von Kauffman zu sehen, die in den Sechzigern seinen Stil begründeten. Darunter sind die durchsichtigen Plastikscheiben, die er zweifarbig mit Acrylfarbe ansprühte – mal in knalligem Pink, mal Grün mit Gelb kombiniert (1,2 Millionen Dollar). Durch Erhitzen biegsam gemacht, wurden sie an einer Seite umgebogen und mit einigem Abstand von der Wand über ein Drahtseil gehängt: „Er hat sich selbst als Maler gesehen, in der Tradition der europäischen Moderne“, sagt der Galeriedirektor Andreas Gegner. Und aus der Nähe betrachtet sieht man die handwerklichen Spuren: Die Farbe ist unregelmäßig aufgetragen, die Arbeiten hängen nicht ganz gerade, und dort, wo zwei Zangen das warme Plexiglas manipuliert haben, sind leichte Abdrücke entstanden. Genau diese Unebenheiten machen den Charme der Werke aus. Bei anderen, etwas kleineren Wandreliefplastiken verwendete Kauffman industriell eingefärbtes Plastik und presste es in Formen, die intuitiv an knallbunte Süßigkeiten oder Autoteile denken lassen (850 000 Dollar): Wie sie da herausfordernd an der Wand kleben, verbinden sie formale Strenge mit Sinnlichkeit und Humor.

Craig Kauffmans Name ist zwar eng mit Kalifornien verbunden, doch er lässt sich nicht als regionaler Künstler kategorisieren. Er unterhielt enge Verbindungen zur New Yorker Kunstszene, darunter zu Donald Judd, mit dem er auch Arbeiten tauschte. Um solche Verbindungen zu zeigen, stellt die Schau unter dem Motto „Crossroads“ Kauffman Werke der wichtigen Theoretiker des Minimalismus, Judd und Robert Morris, gegenüber. Im durch ein großes historisches Schaufenster einsehbaren Galerieraum im Erdgeschoss hängt zum Beispiel einer von Judds bekannten „Stacks“, in diesem Fall eine Wandskulptur mit zehn übereinandergestapelten Kästen aus verzinktem Eisen und blauem Plexiglas. Am Boden steht ein Kubus aus orangefarbenem Plexiglas.

Parallelen zu Kauffmans Schaffen sind da offensichtlich. Komplizierter wird es im ersten Stock, wo seine knalligen Arbeiten auf kriechende und quellende graue Filzskulpturen von Robert Morris treffen. Morris’ Arbeiten wirken schwer, absorbieren das Licht, negieren Farbe, wollen sich über den alten Holzboden legen oder bäumen sich störrisch auf. Die von Kauffman schmiegen sich an die Wand, saugen sich an ihr fest oder schweben mit Leichtigkeit vor ihr. Mit ihren glatten Oberflächen sind sie die perfekten Repräsentanten eines Stils, der auch als „Finish/Fetish“ bezeichnet wird. Kauffman, Morris, Judd wurden in den sechziger und siebziger Jahren mehrmals in Gruppenausstellungen miteinander konfrontiert: An dieses historische Spannungsverhältnis knüpft man bei Sprüth Magers an.

Die Galerie liegt in Londons noblem Viertel Mayfair, unweit der Bond Street. Seit 2007 hat sie ihren Sitz in dem Stadthaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach Generalsanierung und Umbau erstrahlt es in neuem Glanz: Fünf Etagen stehen nun als Ausstellungsflächen und für Büros zur Verfügung; durch die vielen Fenster blickt man zur Dover Street hinunter. Seit 2012 ist die Galerie von David Zwirner ein Nachbar, im vergangenen Jahr zog Thaddaeus Ropac in das herrschaftliche Ely House fast nebenan ein. Das Triumvirat von drei der einflussreichsten Galerien der globalen Kunstszene hat sich hier zusammengefunden.

In guter Nachbarschaft

Sprüth Magers, gegründet 1998 in Köln, ist schon seit 2003 in London, anfangs noch gemeinsam mit Simon Lee, seit 2007 dann solo. In Berlin, wo Monika Sprüth und Philomene Magers seit 2008 eine Galerie haben, wurden Arbeiten von Kauffman schon im vorigen Jahr gezeigt; denn 2016 war nicht nur die Dependance in Los Angeles, sondern auch die Vertretung des Nachlasses von Craig Kauffman hinzugekommen. In London stehen jetzt nicht alle Werke zum Verkauf, eine Leihgabe zum Beispiel befand sich ehemals im Besitz von Donald Judd.

Den Galeristinnen ist der Diskurs über die von ihnen gezeigten Werke wichtig – ein Anspruch, den sie von Beginn an stellten und dem sie treu geblieben sind. Es sei ihnen auch immer wichtig gewesen, einen Bezug zu der Stadt und zur lokalen Künstlerszene herzustellen, sagt Monika Sprüth. Durch das historische Gebäude, mit seiner Offenheit zur Straße hin in einem Viertel mit großer Kunsthandelstradition, ist London gewissermaßen in jede Ausstellung miteingebunden. Dass übrigens die Wiedereröffnung im Oktober 2017 mit einer Soloschau von Gary Hume, einem weiland „Young British Artist“ gefeiert wurde, war ebenfalls ein klares Statement. (Bis zum 31. März.)

Quelle: F.A.Z.
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