Anzeige

Galerieausstellung

Der Raum, das Licht, die Farbe, die Formen

Von Bettina Wohlfarth/Paris
 - 10:00
Giorgio Morandi, „Natura morta“, 1955, Öl auf Leinwand, 27,5 mal 40,8 Zentimeter Bild: ADAGP 2017/VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Courtesy: Morat-Institut, Freiburg, F.A.Z.

Auf einem kleinen Stillleben von 1963 steht eine weiße Teekanne mit schwarzem Motiv wie eine strenge Wächterfigur hinter einem blaugrauen Väschen. Der Hintergrund für die exakt zentrierten Gegenstände ist in zwei Farbflächen geteilt, in abgestuften Beigetönen. Auf einem querformatigen Stillleben, das 22 Jahre früher entstand, begegnen sich fünf Kannen, Vasen und Behältnisse von etwa gleicher Höhe, aber unterschiedlicher Form, deren Volumina und Lichtreflexe allein durch Brauntöne von Dunkelbeige bis Schwarzbraun hervorgehoben werden. Der Hintergrund verschmilzt zum Teil mit den Gefäßen, am rechten Bildrand schärft sich der Schatten bis hin zur Andeutung einer Tischfläche.

Anzeige

Bei kaum einem Künstler ist das Atelier so emblematisch für Leben und Werk zugleich wie bei dem 1890 geborenen Italiener Giorgio Morandi. Seine Heimatstadt Bologna hat er nur selten verlassen, allenfalls für die Sommerfrische im nahen Bergdorf Grizzana. Bis zu seinem Tod im Jahr 1964 lebte er in der Via Fondazza und teilte das Elternhaus mit seinen drei Schwestern. Zwei Exkursionen führten ihn in die Schweiz, darunter zu einer Cézanne-Ausstellung, und ein paar Ausflüge in italienische Städte, um die Maler der Frührenaissance zu studieren. Den Barock hatte Morandi in Bologna direkt vor Augen; ansonsten blieb das Atelier der Mittelpunkt seines Lebens.

Ein Leben im Atelier

Dort standen sein Bett und die Staffelei, vor allem aber reihten sich auf dem Boden und auf zurechtgezimmerten Regalen und Tischen unzählige Vasen, Töpfchen, Kannen, Tassen, Holzklötzchen, Muscheln und Dosen. Sie alle finden sich in den Stillleben wieder, stehen Modell für Morandis Formenrepertoire, aus dem er in immer neuen Variationen seine Sicht auf das Malen konstruiert. Es geht ihm nicht um eine, wie auch immer subjektive, Abbildung von Wirklichkeit, sondern um die Essenz der Malerei: „Das einzige Interesse, das die sichtbare Welt in mir erregt“, schreibt er, „betrifft den Raum, das Licht, die Farbe und die Formen.“ Auch für seine Landschaften musste er deshalb das Atelier nicht verlassen – Raum, Licht, Farbe und Formen lagen vor dem Fenster, wo sich Hausfassaden mit Büschen und Baumwipfeln verschachtelten und ihm immer neu Gelegenheit gaben, ihre Konturen, ihre Licht- und Schattenwürfe in Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen auszuloten.

Sein Hauptthema blieben jedoch die, in ihrer Reduzierung faszinierenden Stillleben. Eine strenge Würde strahlt aus ihnen. Die sorgfältig gruppierten Dinge stehen zueinander in Bezug; sie haben eine geradezu spirituelle Dimension. Zu Morandis Vorbildern gehören, neben Cézanne, Künstler wie Giotto oder Piero della Francesca: Betrachtet man deren Gestaltung des Bildraums und die hieratische Strenge in den Porträts und Figurengruppen, fällt die Nähe von Morandis Stillleben mit Kännchen und Vasen zu den Meistern der Frührenaissance auf. Die farbige Fläche als Hintergrund ohne Perspektive zeigt zugleich die Zeitgenossenschaft mit den modernen Farbfeldmalern. In Morandis Malerei sind die Jahrhunderte kondensiert, und es ist das, was ihre unglaubliche Dichte trotz der schlichten Sujets ausmacht, ihre Modernität trotz der klassischen Genres. In den Zeichnungen führt er die Suche nach den Volumina im Bildraum und nach der absoluten Linie, die das Licht begrenzt, bis zur Abstraktion.

Giorgio Morandi schuf nicht mehr als zweitausend Werke. Nach langjähriger Vorarbeit zeigt die Galerie Karsten Greve in Paris jetzt eine museale Ausstellung mit mehr als fünfzig Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Radierungen, die als Leihgaben aus privaten Sammlungen kommen; im November geht die Ausstellung dann in die Kölner Räume der Galerie. Wie stark das Interesse ist, originale Arbeiten von Morandi zu betrachten, zeigt der Publikumsandrang, an manchen Tagen zählt die Galerie mehr als tausend Besucher. Karsten Greve will erst am Ende der Schau darüber nachdenken, in welche Sammlung ein Werk wechseln könnte: Am ehesten werde es dann aus seiner eigenen Kollektion stammen.

Giorgio Morandi in der Galerie Karsten Greve: In Paris bis zum 7. Oktober, danach in Köln vom 4. November bis zum 9. Dezember. Der Katalog kostet 60 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Anzeige