Galerieausstellung

Gemalte Poesie in Paris

Von Bettina Wohlfarth, Paris
 - 10:00

Der eindringliche, fast hypnotische Blick, mit dem sich Árpád Szenes in seinem „Autoportrait bleu“ von 1930 in Szene setzt, erfasst den Betrachter gleich beim Betreten der Galerie. Der Maler scheint mit diesem Blick die Welt durchdringen zu wollen, um in jedem Gemälde von Neuem etwas von ihrer Essenz festzuhalten. In Stil, Aufbau und Farbgebung verarbeitet Szenes mit seinem großformatigen Selbstporträt virtuos die Einflüsse der klassischen Moderne, vom Vorreiter Cézanne bis hin zu Modigliani. Zugleich ist das Gemälde als geniales Frühwerk auch schon ein Abschied. Danach wird Szenes mit seiner Zeit weitergehen. In den dreißiger Jahren öffnet er sich für surrealistische Einflüsse und findet dann seinen Weg in einer geometrischen, schließlich lyrischen Abstraktion. Immer spielt er dabei mit den Grenzen zur Figuration, löst eine erkennbare Szenerie in der Abstraktion auf, verdichtet und reduziert seine Bildelemente, um einen differenzierten Gefühlseindruck entstehen zu lassen. Gerade sein spätes Werk lässt an japanische Haikus denken. Das „Blaue Selbstporträt“ kündigt allerdings schon die Sensibilität an, mit der er, bis hin zu den späten abstrakten „Landschaften“ der siebziger und achtziger Jahre, eine tief gefühlte Atmosphäre und poetische Wahrnehmung der Welt in seine Malerei zaubert.

Die Ausstellung zeigt die gesamte künstlerische Entwicklung des ungarisch-jüdischen Malers, der – 1897 in Budapest geboren – sich 1925 in Paris niederließ und 1985 dort starb. Seine Lebensgeschichte ist untrennbar mit der portugiesischen Malerin Maria Helena Vieira da Silva verbunden. Beide lernten sich Ende der zwanziger Jahre in Paris kennen und heirateten kurz darauf. Es gibt wohl nur wenige Künstlerpaare, die sich ein Leben lang so innig geliebt, gegenseitig bewundert und künstlerisch fruchtbar ausgetauscht haben. In der damaligen Zeit noch viel ungewöhnlicher ist die Tatsache, dass der elf Jahre ältere Árpád der Karriere seiner Frau von Anfang an den Vortritt ließ. Seine Gemälde kreisen immer wieder um sie. In „Le Couple“ von 1933 verschmilzt das Paar zu einer surreal mythologischen Vogeltier-Einheit, im ebenfalls surrealistischen „Caparica“ (1936) lässt sich Maria Helenas Silhouette im abstrakten Geflecht eines portugiesischen Korbstuhles erahnen.

Mit dieser retrospektivischen Ausstellung erzählt die Galerie Jeanne Bucher Jaeger aber auch ein Kapitel ihrer eigenen Geschichte. Das Künstlerpaar lernte Jeanne Bucher, die legendäre Gründerin, 1932 kennen und stellte in den darauffolgenden Jahren mehrmals bei ihr aus. 1940 flohen Szenes und Vieira da Silva vor der deutschen Besatzung zunächst nach Lissabon, dann nach Brasilien. Während der Kriegszeit schützte Jeanne Bucher das Atelier und zurückgebliebene Werke vor der Beschlagnahmung. Nach ihrem Tod übernahm der Enkelsohn Jean-François Jaeger 1947 die Galerie und richtete zahlreiche Ausstellungen für die beiden Künstler aus. Dessen Tochter Véronique Jaeger leitet heute die Galerie mit zwei Ausstellungsräumen (Marais und Saint-Germain) und eröffnet am 19. Januar einen weiteren Standort in Lissabon, nicht weit entfernt von der Stiftung Árpád Szenes-Vieira da Silva.

Die derzeitige Ausstellung zeigt neben einigen emblematischen Leihgaben der Stiftung vornehmlich Werke aus dem Bestand der Galerie. Die Preise liegen zwischen 25 000 und 80 000 Euro. Bestimmte Themen haben Szenes oft über Jahre hinweg nicht losgelassen und zu Serien inspiriert. „Conversation hongroise“ (1948–50) spielt mit den Mustern ungarischer Teppiche, dem Motiv des Korbstuhls und Maria Helenas eindringlicher Präsenz. Die Serien „Banquet“ und „Atelier“ aus den fünfziger Jahren loten in geometrischer Abstraktion Spannungsfelder im Raum aus. Szenes verwendet ruhige, gedeckte Farben: Beige-, Grau- und Brauntöne, zartes Gelb, erdiges Rot und sanftes Graublau. Er ist ein Maler jenseits aller Moden. „Image dans l’eau“, „Passage du vent“ oder „Près de la mer“ lauten Titel seiner abstrakten Landschaften der siebziger und achtziger Jahre. Aus ihnen wurde jede menschliche Präsenz verbannt, aber Licht, Wind, Luft und Wasser werden auf der Leinwand spürbar wie in einem gemalten Gedicht.

Árpád Szenes – Plénitude aux confins de l’existant. Galerie Jeanne Bucher Jaeger, Ausstellungsraum Saint-Germain, Paris; bis zum 20. Januar.

Quelle: F.A.Z.
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