Galerieausstellungen

Land–Art unter Wasser

Von Georg Imdahl, Berlin
 - 10:00

Zarte Farben, weiche Stoffe, diskrete Eingriffe. Pastellene Bäuschchen von Toilettenpapier sind, schüchtern auf weiter Flur, auf dem Fußboden verteilt. Blütenweiße Handtücher, sanft mit dem Inhalt von Badekugeln getränkt, liegen auf der Heizung aus – zum Anschauen wohlgemerkt, nicht zum Trocknen. Die riesigen Fenster der Galerieräume von Capitain Petzel an der Berliner Karl-Marx-Allee wiederum, für sich allein schon großartige Bilder der Wirklichkeit, hat die Malerin Karla Black mit Lippenstift gleichsam geküsst und die Farbe sodann mit den Händen verschmiert, auf dass der Blick nach draußen mit einem Farbhauch beseelt wird. An silbernen und goldenen Ketten hängen Glasmalereien von der Decke herab, sie antworten auf die Fenster. Jeweils zwei Scheiben sind an den Rändern mit farbigem Ton verklebt. Farbige Vaseline in wässrigen Nuancen bildet größere und kleinere Blasen, diese lassen den Prozess erahnen, in dem die Salbe aufgetragen und verrieben wurde. Ein so unerhört sensibles Neo-Rokoko muss man sich erst mal trauen, denn alles, was hier an Farbe und Form gesetzt ist, könnte allzu leicht kokett, als Attitüde überkommen. Die in Glasgow lebende Malerin steht damit in der Tradition eines elegischen Kollegen wie Cy Twombly, was sich dem Augenschein als ganz und gar autonom darbietet, hat durch die Kosmetika, die Karla Black als Farben dienen, immer auch einen feministischen Anklang (Preise ca. 5600 bis 28 000 Euro; bis zum 14. April).

Einfühlung und Liebe – als Spurenelemente bei Karla Black spürbar – steigern sich ungleich heftiger zu einer inbrünstigen Erotik im Werk von Ellen Cantor (1961 bis 2013), einer amerikanischen Künstlerin, die zuletzt durch eine Ausstellung im Künstlerhaus Stuttgart auch hierzulande wiederentdeckt worden ist. „My Perversion is the Belief in True Love“ lautete einmal ein Resümee der Künstlerin in eigener Sache, das über einer Ausstellung von ihr in der Wiener Kunsthalle stand und so wenig ironisch gemeint war wie all die wollüstigen Arbeiten aus ihrem Nachlass – die jetzt in der Galerie Isabella Bortolozzi angeboten werden. Cantor glaubte an die wahre Liebe und wahrlich nicht nur an die platonische. Hingabe ohne Hemmung zeigt die Frau in Zeichnungen von Schwarz und in Rosa, mit der die Künstlerin sich offenbar auch selbst zu erkennen gibt. Es sind große symbolistische Blätter, die einen wahren Kosmos der Liebe eröffnen. Als Besonderheit darf wohl gelten, in welch spielerischer Weise Cantor Foto-Fundstücke aus Liebesfilmen und solchen, die für Erwachsene gedreht wurden, kombiniert, denn die Leidenschaften, die darin explizit zum Ausdruck kommen, muten als tief empfunden an. In der Ausstellung sind zudem Bildassemblagen und kleine weibliche Figuren aus Holz enthalten, die ebenfalls auf Objets trouvés zurückgehen. In sämtlichen Werken bleibt ersichtlich, dass die Phantasien einer erfüllten Liebe utopischer Natur sind – auch wenn sich die Passionen in der Kunst realisieren (Preise 6000 bis 50 000 Euro; bis zum 24. März).

Performance und Aktion verbinden sich im bisherigen Œuvre von Klara Hobza wie namentlich in einem ungewöhnlichen, auf die Jahre 2010 bis etwa 2035 anberaumten Langzeitprojekt. In diesem Zeitraum will die 1975 in Pilsen geborene, in Berlin lebende Künstlerin den europäischen Kontinent als Taucherin durchqueren. Davon kündet eine Zeichnung von stattlicher Größe in der Galerie Soy Capitán, womit die Land–Art eine Fortsetzung in die Gegenwart findet. Einen Teil der Strecke auf Rhein und Donau hat die Künstlerin bereits zurückgelegt und in Fotografie und Video dokumentiert – insgesamt eine eigentümliche Möglichkeit, der schwächelnden, aber nach wie vor lohnenswerten politischen Idee Europa tatkräftig Beistand zu leisten. Nachdem die Künstlerin in früheren Arbeiten wiederholt erfinderischen Geist an den Tag gelegt hat, steht im Vordergrund ihrer aktuellen Ausstellung der „Animaloculomat“. Das Objekt sieht aus wie ein guter, alter Passbildautomat – und ist auch einer. Nur sind die Fotos, die er von uns ausspuckt, der mutmaßlichen Wahrnehmung von Tieren nachempfunden, von Fledermaus, Tintenfisch und Schlange, von Springspinne, Pferd und Drachenfisch. Im Dinosauriersaal des Berliner Naturkundemuseums war der „Animaloculomat“ als von der Kulturstiftung des Bundes geförderte künstlerische Intervention 2017 eine Attraktion, jetzt sucht das Objekt als spielerische Form von Partizipation einen Kunstsammler. Tatsächlich geht der trickreiche Automat auch als Skulptur durch. Dank geschickter Beleuchtung scheint er über dem Boden zu schweben. (Preis 65 000 Euro; bis zum 7. April.)

Quelle: F.A.Z.
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