<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Ausstellung in München

Eine Bühne für den Blauen Reiter

Von Brita Sachs, München
 - 06:00

Die „Thannhauser Collection“ ist das Einzige, was das Guggenheim Museum in New York aus seinem großen Kunstbesitz ständig und in einem eigenen Flügel zeigt. Das ist mehr als eine Verneigung vor großzügigen Stiftern: Man weiß dort, dass die Geschichte der Moderne anders verlaufen wäre ohne diese Kunsthändlerfamilie, deren Name sich engstens mit dem „Blauen Reiter“ verbindet. Heinrich Thannhauser, dann auch sein Sohn Justin kämpften in München und von 1928 an auch von Berlin aus für die frühe Moderne, für das „neue Bild“. Es ist deshalb ein Rätsel, weshalb in Deutschland bisher keine Ausstellung diese Verdienste würdigte. Während andere Galeristen der Avantgarde wie Paul Cassirer oder Alfred Flechtheim längst gebührende Hommagen bekamen, musste im Falle Thannhausers erst das Jüdische Museum in München eröffnen, um jetzt das Versäumte nachzuholen.

Heinrich Thannhauser wurde als Sohn jüdischer Eltern 1859 in Hürben nahe Augsburg geboren und betrieb in München erst Geschäfte für Damenkonfektion, dann für Beleuchtung, bevor er aus nicht näher bekannten Erwägungen zusammen mit dem ehemaligen Opernsänger Franz Josef Brakl 1905 eine Kunsthandlung eröffnete. Man startete mit Münchner Sezession, Leo Putz und anderen Künstlern der Gruppe „Die Scholle“. Im Jahr 1908 ragt plötzlich ein Meilenstein aus dem Programm: die erste Einzelausstellung van Goghs in Deutschland. Von rund hundert Bildern werden gerade mal zwei verkauft - aber einer der Käufer heißt Alexej von Jawlensky. Er und seine Freunde, die noch unbekannten jungen Wilden um Kandinsky, sind von der Schau zutiefst ergriffen. Organisiert haben sie die Galerien Bernheim-Jeune, Paris, und Paul Cassirer, Berlin, aus dem Künstlernachlass: Beide zählen zum harten Kern der Avantgarde- Promotoren, mit denen Thannhauser regelmäßig kooperiert, nachdem er 1909 die eigene „Moderne Galerie“ im Arcopalais in bester Münchner Lage eröffnet hat.

Am Puls der Avantgarde

Neun Räume und dazu einen vielbewunderten Oberlichtsaal fülltbei der Einweihung eine imposante Impressionisten- und Postimpressionisten-Auswahl, darunter Werke von Monet, Renoir, Pissarro, Degas. Die Kritik jubelt; allerdings nur, bis Thannhauser Ernst macht mit seiner Ankündigung, junge Kunst zu zeigen, die „frisch, kraftvoll, eigen, modern im besten Sinne ist“: Er lässt Kandinsky in der Modernen Galerie die ersten Schauen der „Neuen Künstlervereinigung München“ organisieren. Sie machten Epoche, weil der kongeniale Franz Marc dadurch zur Gruppe stieß; weil Kandinsky internationale Impulsgeber aus Frankreich und Russland dazuholte - darunter Picasso, Braque, Derain, Delaunay, die Burljuk-Brüder. Und weil schließlich, Gabriele Münter hat es fotografiert, der abgespaltene „Blaue Reiter“ 1911 im Arcopalais die Weltbühne betrat.

Während das wütende Publikum die Bilder bespuckte, die es nicht verstand - die muntere „Gelbe Kuh“ von Marc dürfte ein ähnlicher Schocker gewesen sein wie in unserer Zeit eine halbierte Echtkuh in Formaldehyd -, keifte die Kritik von „wilder Parodie“ und „schamlosen Bluffern“. Thannhauser scheute die Skandale nicht, im Gegenteil. Als geborenes Marketingtalent wusste er, dass öffentliches Aufsehen Publikum mobilisiert, das er mit provokanten Plakaten anlockte, um es mit Vorträgen und Veröffentlichungen namhafter Autoren zu „erziehen“. Bald war die „Moderne Galerie“ eine Art privater Kunsthalle, die alle wichtigen Facetten der förmlich explodierenden Kunstentwicklung zur Diskussion stellte, aber auch deren Wegbereiter.

Gebündelt in einem Saal

Das Jüdische Museum versucht in der jüngsten Folge seiner von Emily D. Bilsky kuratierten Reihe „Sammelbilder“, diese atemberaubende Bandbreite in nur einem Saal exemplarisch zu erfassen. Aus aller Welt holte man Werke nach München zurück, die durch Thannhausers Hände gingen. Zwar hätten Kaliber wie Edouard Manets große „Bar in den Folies Bergères“, heute Stolz des Londoner Courtauld Institute, die räumlichen Kapazitäten gesprengt; dafür kam sein bezauberndes, die Alten Meister neu interpretierendes Kinderbildnis „Le petit Lange“, das die Galerie seinerzeit in derselben kapitalen Manet-Schau anbot. „Haere Mai“, eine farbschillernde, Südseeklima abstrahlende Palmenlandschaft von Gauguin, zitiert Thannhausers tatkräftigen Einsatz für das lang verkannte Genie.

Wie dieses Gemälde kamen auch Delaunays pixelig flirrende „Stadt“ aus New York und Marcs „Gelbe Kuh“, die einst beide in der ersten Blaue-Reiter-Schau hingen. Als die Futuristen mit ihrer politisch provokanten Dynamokunst durch Europa tourten, machten sie in der Modernen Galerie Station. Wir sehen den „Mailänder Bahnhof“ von Carrà, der Paul Klees höchste Bewunderung weckte; der wiederum hatte seine erste Einzelausstellung bei Thannhauser. Und noch eine Ausstellung machte Geschichte: Die weltweit erste Picasso-Retrospektive nämlich fand 1913 gleichfalls in München statt. Als der Erste Weltkrieg den Kontakt nach Frankreich unterbindet, rückt deutsche Kunst stärker ins Blickfeld. Sogar Spitzweg kommt zu Ehren, aber auch Marées, Corinth mit seiner Prinzregenten-Serie und Liebermann.Letzterer porträtiert einen bürgerlich gesetzten Heinrich Thannhauser, nur wenige Jahre nachdem Max Oppenheimer dem Streiter für die Kunst einen kubistisch inspirierten Nimbus blitzender Strahlkraft um den Kopf gelegt hat.

Durch schwierige Nachkriegsjahre hilft der Modernen Galerie eine Filiale in Luzern, die von 1928 an Thannhausers Neffe Siegfried Rosengart allein führt, während Sohn Justin den Hauptsitz nach Berlin verlegt. Dabei soll wachsender Antisemitismus in München eine Rolle gespielt haben, außerdem dürfte die Akzeptanz für das Galerieprogramm in der Hauptstadt größer gewesen sein. Heinrich Thannhauser starb 1935 auf einer Besuchsreise in Luzern. Justin übersiedelte 1937 nach Paris, wo deutsche Truppen später zurückgelassene Galeriebestände plünderten. Sich selbst und seine Familie konnte Justin 1939 in New York in Sicherheit bringen, wo er von seiner Wohnung aus den Kunsthandel fortsetzte. Als Dank an die neue Heimat bekam das Guggenheim Museum seine wertvolle, kunstgeschichtsträchtige Privatsammlung.

Die „Moderne Galerie“ von Heinrich Thannhauser. Bis 25. Mai im Jüdischen Museum München. Der Katalog (Edition Minerva) kostet 12,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.03.2008, Nr. 9 / Seite 65
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMünchenFranz MarcNew YorkBerlinDeutschlandParisAugsburgFrankreich