Kunstmarkt
Frankfurter Galerien

Darf Kunst unterhalten?

Von Konstanze Crüwell
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Sonia Delaunays bezaubernde kleine Gouache „Just présente La Rose de Vent“ von 1961 ist, samt den ersten acht Exemplaren ihrer farbigen Radierungen und acht „Poèmes“ von Tristan Tzara, in einer schönen Mappe versammelt (28.000 Euro): eine wahre Trouvaille bei Jörg Schuhmacher, der zum Saisonstart der Frankfurter Galerien Beachtliches zum Thema „Rot in der Kunst“ anbietet. So zeigt sich auch auf einem noch untypischen Frühwerk von Heinz Mack ziemlich viel Rot (62.000 Euro). Extrem hoch und schmal wirkt Richard Paul Lohses Gemälde „Komplementäre Gruppen“ (38.000 Euro). Und Louis Valtats kleines Blumenstillleben, ein Tondo mit 10,5 Zentimeter Durchmesser – ehemals eine Camembert-Schachtel –, besticht durch heitere Rottöne und den prachtvollen schwarzen Rahmen (12.800 Euro). (Bis 8. Oktober.)

Ein Geheimtipp sind die Fotografien von Gerald Domenig schon lange, der im vergangenen Jahr im Frankfurter Museum für Moderne Kunst und in der Wiener Secession mit Einzelausstellungen gewürdigt wurde. Der jedem Ego-Marketing abholde Künstler zeigt in der Goldstein Galerie unter dem Titel „jawolebenwirdenn“ jetzt seine schwarzweißen Fotografien aus dem Frankfurter Stadtviertel Sachsenhausen. Dort lebt und arbeitet er, dort hat er an der Städelschule studiert und später als Gastprofessor gelehrt. Das Interesse des aus Kärnten stammenden Künstlers gilt seit jeher den unbeachteten Dingen und den Zufallsornamenten alltäglicher Orte. Das können die Risse an einer weißgetünchten Hausfassade sein oder die Stangen einer an eine Mauer gelehnten Schubkarre, die sich auf seiner Fotografie in den kahlen Ästen eines Baumes hinter der Mauer fortsetzen. So öffnet Domenig unsere Augen und lehrt uns, genauer hinzuschauen. (Fotos je 3000 Euro, Auflage 3. Bis 9. Oktober.)

Parisa Kind und Galerie Jacky Strenz

Parisa Kind hat mit ihrer Galerie in der Frankfurter Innenstadt ein ideales neues Quartier mit großen klaren Räumen und viel Licht bezogen.Mit ihrer Entdeckerfreude stellt sie oft junge Absolventen der Städelschule aus, manche wurden zu Shootingstars. Sie zählt mit Bärbel Grässlin, Jacky Strenz oder Philipp Pflug, der jetzt neue Werke von Jagoda Bednarsky zeigt, zu den wenigen Frankfurter Galerien, die den Spürsinn für Qualität auch noch unbekannter Künstler haben.

Aber jetzt zeigt sie eine Ausstellung des amerikanischen Künstlers Mike Bouchet, die mit seinem Beitrag zur elften Manifesta in Zürich (noch bis 18. September) zusammenhängt. Deren Generalthema „What People Do For Money“ hat Bouchet ernst genommen. Er sah sich im Zürcher Klärwerk um, redete dort mit den Arbeitern und zeigte dann im Löwenbräu-Komplex die Arbeit „Zurich Load“: eine Innenskulptur, die er aus achtzig Tonnen Klärschlamm, einer Zürcher Tagesmenge, in 252 Kuben presste und mit einer Gitterstruktur versah. Seine dreißig Meter lange und acht Meter breite Skulptur desodorierte er gründlich. Jetzt zeigt Parisa Kind eine Fotoserie mit Ausschnitten der damals fast fertigen Skulptur und eine zweite Serie mit farbigen Aufnahmen einer Wärmebildkamera, die zeigen sollten, dass die Skulptur nicht plötzlich von selbst in Flammen aufgehen kann. (Beide Serien je 6.500 Euro, Auflage 3. Bis 8. Oktober.)

In der Galerie Pariser Kind steht Mike Bouchets Serie mit den farbigen Aufnahmen einer Wärmebildkamera, zu seiner Großskulptur „Zurich Load“ zum Verkauf. Die Serie kostet 6.500 Euro.
© Galerie Pariser Kind, F.A.Z.

Darf Kunst auch Unterhaltungswert haben? Die Frage kann vor den vielschichtigen Bildern von Max Brandt in der Galerie von Jacky Strenz nur bejaht werden. Denn der junge Maler geht mit Phantasie und Farbenfreude lustvoll ans Werk und bringt alle möglichen Figuren und seltsamen Formen auf Leinwand oder Papier. Jacky Strenz sah seine Werke 2009 erstmals beim Rundgang in der Städelschule, stellt ihn seither aus, auch auf Messen, und 2012 hatte er eine Einzelausstellung im MoMa PS1, die Roberta Smith in der „New York Times“ positiv beschrieb. Und wer gerade eine fünf mal acht Meter große Bodenarbeit in munteren Farben und Formen braucht, kann sie für 25.000 Euro erwerben und daheim auslegen. (Große Gemälde je 15.000 Euro, kleine Formate mit Rahmen je 1.450 Euro. Bis 30. Oktober.)

„Schweifende Empfindungen“ ist der treffende Titel einer Ausstellung in der Galerie Hanna Bekker vom Rath mit Werken von Johann Georg Geyger (1921 bis 2004), dem Frankfurter Maler, Städelschulprofessor und Sammler japanischer Kunst. Sein Interesse daran hat gewiss auch Spuren in Geygers Malerei hinterlassen: die rhythmisch gegliederten Flächen, angeschnittenen Motive und die verhaltene Farbigkeit etwa, die in „Schütze im Boot“ von 1999, seinem letzten Gemälde, sichtbar sind (15.000 Euro). In dagegen leuchtend roten und und gelben Tönen malte er 1985 das Großformat „Mit Pauken . . .“ (14.000 Euro). (Andere Gemälde je 9.500 Euro. Bis 12. November.)

Bei Martina Detterer zeigt Peter Sauerer eine große Anzahl kleiner Kästen mit kunstvoll geschnitzten, knapp einen Zentimeter hohen Figuren, die nochmals auf einer Abbildung daneben erscheinen. Er fügt aber auch Figuren einfach hinzu, wie eine propere Magd, die ihm auf Vilhelm Hammershøis Bild eines leeren Zimmers fehlt. Und Leda mit dem Schwan auf Veroneses traumhaftem Gemälde wirkt sogar komisch, wenn der eher kleine Schwan alias Zeus und die nackte Leda als Schnitzfiguren auf den Sockeln stehen. Schockierend kann es jedoch sein, wenn Opfer sinnloser Gewalt im Vietnam-Krieg wie auf dem weltweit verbreiteten Foto „Napalm Girl“ von 1972 erscheinen und daneben auch noch als Figürchen. Doch dazu äußert Peter Sauerer, miniaturisierte Figuren und Szenen müssten keine Verniedlichung sein, sondern sollten als Provokationen dienen, um sich abermals auch mit solchen Themen zu befassen. (Preise je nach Anzahl der Figuren von 680 bis 4.600 Euro. Bis 22. Oktober.)

Quelle: F.A.Z.
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