Galerierundgang New York

Tief im Großstadtdschungel

Von Lisa Zeitz
 - 05:05

Zu den besonders sehenswerten Ausstellungen derzeit in New York zählt die Schau „Unpainted Paintings“ bei Luxembourg & Dayan in der 77th Street. Die Kunsthändlerin Daniella Luxembourg und Amalia Dayan, die Enkelin des früheren israelischen Außenministers Moshe Dayan, haben dort in einem Townhouse einen Raum über mehrere Stockwerke. Alison Gingeras, die Chefkuratorin des Palazzo Grassi in Venedig, hat für sie Werke von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart versammelt: Gemalt ist keines der Bilder - aber gegossen, genäht, gestrickt, aufgeschlitzt oder aufgefädelt, gefaltet, gesprüht, geschnitten, gebrannt oder geklebt.

Trotzdem will keines von ihnen eine Skulptur sein, sondern jedes ein Bild. Da gibt es zum Beispiel malerisch zerfetzten roten Stoff auf Otto Muehls Werk ohne Titel von 1961, eine schon gewalttätige Auseinandersetzung mit der Leinwand. Zu sehen sind ein „ Oxidation Painting“ Warhols von 1978 oder Alberto Burris „Sacco“ von 1954 - außerdem Lynda Benglis, Jean Dubuffet, Günther Uecker, Piero Manzoni, Lucio Fontana, Blinky Palermo, Robert Rauschenberg, Martin Kippenberger, Steven Parrino, Paola Pivi, Mike Kelley und Rosemarie Trockel.

In Chelsea empfiehlt sich ein Besuch bei Zach Feuer, dessen Galerie vom texanischen Künstler Mark Flood, Jahrgang 1957, in eine chaotische Wunderkammer voller Anspielungen an Starkult, Drogenexzesse und Entgleisungen verwandelt wurde. Ein Raum ist mit Hunderten von Zeitschriftenseiten gepflastert, auf denen das Hollywood-Starlet Lindsay Lohan prangt. Die überwältigende Fülle dieser Sammlung gibt Einblick in die Struktur eines obsessiven Charakters, den Flood mit Hinweisen auf Stalker, Organ-Raub und Nekrophilie ins Absurde steigert.

Weniger verworren, aber nicht weniger schrecklich sind die Themen, auf die Juan Manuel Echavarría in der Galerie Josée Bienvenu abzielt. Der 1947 in Medellín geborene Künstler, der 2005 Kolumbien auf der Biennale von Venedig vertrat, zeigt auf seinen Fotografien eine ganze Reihe von Schultafeln, die sich in verschiedenen Stadien der Verwitterung befinden. Sie gehörten einst zu Dorfschulen, die vor Jahren zurückgelassen wurden, als im Drogenkrieg entweder die Guerrilla oder paramilitärische Einheiten die Bewohner vertrieben oder massakrierten. Längst nimmt der Dschungel die Gebäude wieder in Besitz. Echavarrías Bilder sind Symbole der Entwurzelung und der Hoffnungslosigkeit, und doch findet er auch eine traurige Schönheit im Ende der Zivilisation (je 15.000 Dollar).

Verzerrung ist sein Markenzeichen

Die Galerieszene der Lower East Side blüht auf, seit vor rund drei Jahren das New Museum of Contemporary Art seinen silbrig glänzenden Neubau auf der Bowery bezog. In ehemaligen Bäckereien und Garagen machen seitdem immer mehr Galerien auf. Sperone Westwater ist in ein schickes Gebäude von Norman Foster gezogen und stellt dort neue Skulpturen des Südafrikaners Evan Penny, Jahrgang 1953, aus.

Seine größte Arbeit, „Jim Revisited“, ist mehr als drei Meter hoch und stellt einen männlichen Akt in hyperrealistischer Genauigkeit mit jeder Pore und jedem Härchen dar. Der sportliche Zeitgenosse ist durch seine schräge Verzerrung eindeutig als Kind des Computerzeitalters identifizierbar (800.000 Dollar). Auch andere Anamorphosen hat Penny geschaffen, etwa die drei Meter hohe Büste „Female Stretch“. In der extremen Länge orientiert sich das Wesen an Giacometti, aber in den Details, dem echten Haar, der Silikonhaut und dem Stoff der Jacke erfährt es keinerlei Abstraktion, und so will man es zwangsläufig für eine optische Illusion halten.

Franz Mon trifft auf Waldemar Cordeiro

Ein paar Ecken weiter ist bei Thierry Goldberg Malerei der israelischen Künstlerin Maya Bloch, Jahrgang 1978, ausgestellt. Mit sehr liquidem Pinselstrich und großer Freiheit im Umgang mit Pigmenten und Verdünnern zaubert sie Gruppenbilder, hauptsächlich in Schwarzweiß, aber mit sparsam eingesetzten Farben belebt. Manche der mysteriös verlaufenen Figuren posieren und schauen bedeutsam aus dem Bild heraus, als wollten sie an Zusammenkünfte erinnern, die längst in Vergessenheit geraten sind (7000 bis 10.000 Dollar).

Ganz in der Nähe, tief in Chinatown, hat das Goethe-Institut ein schlauchartiges Erdgeschoss, das früher dem chinesisch-kanadischen Künstler Terence Koh als Atelier diente, in den Ausstellungsraum Ludlow 38 umgewandelt. Dass das deutsche Kulturinstitut nach Chinatown ausufert, spricht einerseits für seine Unternehmungslust, andererseits für die Gentrifizierung des Viertels. Jetzt wurde dort die erste Ausstellung im Rahmen eines neuen Kuratoren-Stipendiums eingeweiht.

Tobi Maier, früher am Frankfurter Kunstverein, hat zwei Avantgardisten der Sechziger und Siebziger zusammengebracht, den in Rom geborenen Brasilianer Waldemar Cordeiro (1925 bis 1973), einen Pionier der Computerkunst, und den deutschen Konkreten Poeten Franz Mon, Jahrgang 1926. Ihre auf Text und Zeichen basierenden Collagen und Graphiken zeigen erstaunliche Verwandtschaft, obwohl sie sich nie begegnet sind. Bei Ludlow 38 ist nichts verkäuflich. Signierte Graphiken von Cordeiro präsentierte jüngst bei der Armory Show die Galeria Luciana Brito aus São Paulo (je 60.000 Dollar).

Quelle: F.A.Z.
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