Kunstmarkt
Gemeinsame Galerieöffnungen

Wir sind alle Helden, ob in Köln oder in Düsseldorf

Von Magdalena Kröner

Bereits im Frühjahr kündigte eine Postkarte, die auf der Art Cologne auftauchte, die zweite Ausgabe der „Düsseldorf Cologne Open Galleries“ an. Darauf war unbescheiden von „Legendary Contemporary“, also vom Legendären und Zeitgenössischen die Rede. Dazu schillerte golden ein mächtiger Fluss, von dem man nicht wusste, ob es sich um den Rhein oder etwas viel Größeres, wie den Mississippi, handele. Natürlich ist es der Rhein. Und die zweite Ausgabe der gemeinsamen Galerieeröffnungen zeigt sich nun entsprechend selbstbewusst: Die Szene am Rhein ist kein langer ruhiger Fluss; hier bewegt sich was. In Köln zieht es die Galeristen in alle Richtungen: Christian Nagel zieht es nach Antwerpen, Linn Lühn demnächst nach Düsseldorf, bei Daniel Buchholz weiß man es noch nicht so genau. An ihre Stelle rücken junge Unternehmungen. Die Düsseldorfer hingegen zeigen sich gemütlich: Sie gehen nirgendwohin und widmen sich stattdessen im Umfeld der Akademie emsig der Eröffnung von Galerien und Projekträumen. Beste Bedingungen also auf jeden Fall dort für die zweite „DC Open“.

Ein kleines Heft gibt Orientierung im Dschungel der 69 Galerien in beiden Städten. Wie bereits im vergangenen Jahr gibt es wieder ein Shuttle zwischen den Standorten. Düsseldorf leistet sich kurz vor der Quadriennale außerdem die „Deutschlandpremieren“: Dreißig Galerien zeigen Künstler, die noch nie zuvor in Deutschland zu sehen waren. Leider könnte die Gleichzeitigkeit der Veranstaltungen einige Verwirrung stiften: Einige Galerien nehmen teil an den DC Open, nicht aber an den Deutschlandpremieren, einige halten es andersherum, manche machen beides. Auch die Deutschlandpremieren haben ein Heft herausgebracht: So lohnt es sich unbedingt, sich in Düsseldorf mit beiden Heftchen auszustatten.

Abstrakte, malerische Objekte

Petra Rinck hat in Düsseldorf - wie bereits Daniela Steinfeld - erfolgreich die Wandlung von der Künstlerin zur Galeristin vollzogen und betreibt eine eigene Galerie in Flingern. Sie zeigt die Gruppenausstellung „About the Details“. Das in Berlin lebende Duo Astali und Pierce arrangiert ihre zwischen Fotografie und Skulptur changierenden Objekte auf einem raumgreifenden Tisch, der ein wenig aussieht, als sei er nach einem Brand übrig geblieben. Als Kontrast dazu wirken die zarten Strukturen von Marsha Cottrell, die zunächst an die bewegten Kartographien von Julie Mehretu erinnern, aber völlig anderen Ursprungs sind: Sie beziehen sich auf computergenerierte Typographien, die gestisch verwischt werden. Die abstrakten, malerischen Objekte von Christine Moldrickx schließlich erheben die Leinwand vom Farbträger zum eigenständigen Körper. (Preise auf Anfrage. Bis 23. Oktober.)

Fischer zeigt neben neuen Arbeiten von Tony Cragg erstmals den Ruff-Meisterschüler Jürgen Staack mit einer minimalistischen Installation, in der Rohre sprechen, Menschen Bilder beschreiben und dann übermalen, und wieder andere in aussterbenden Dialekten von ihrer Welt erzählen, und der Besucher den fremden Klängen lauscht, ohne sie zu verstehen. (Preise von 2000 bis 9000 Euro. Bis 23. Oktober.)

Udo Bugdahn präsentiert Fotos von Jeff Bridges. Der amerikanische Schauspieler, den man aus Filmen der Coen-Brüder wie „The Big Lebowski“ kennt, gibt sich als Fotograf distinguiert. Seine klassischen Schwarzweißfotos suggerieren Cinemascope-Format und zeigen Szenen wie aus dem alten Hollywood. (Preise von 1900 bis 4500 Euro. Bis zum 29. Oktober.)

Zurück ins Stadtzentrum hat Ursula Walbröl gefunden, die nun in unmittelbarer Nähe zum Schmela-Haus an der Mutter-Ey-Straße 5 eröffnet. Walbröl zeigt Luis Camnitzers „Last Words“ (65.000 Euro); einen minimalistischen Reigen berührender Abschiedsworte von zum Tode verurteilten Gefängnisinsassen, die der Künstler auf der Homepage des Texas Department of Criminal Justice gefunden hat. Ein ebenso stilles wie eindringliches Mahnen gegen die Todesstrafe. (Bis 23. Oktober.)

Fragile Papierporträts

Auch der Weg auf die andere Rheinseite Düsseldorfs, nach Oberkassel, lohnt. Hier haben Hans Strelow und Kiki Maier-Hahn frische Ware im Rahmen der Deutschlandpremieren aufgestöbert. Hans Strelow zeigt den in London lebenden Portugiesen Rui Inácio. Seine vielschichtigen Papierarbeiten mit Strukturen erinnern an Florales und gleichzeitig an Muskelstränge. Bei näherem Hinsehen offenbart sich eine organische, taktile Qualität. (Preise 1200 bis 7500 Euro. Bis 23. Oktober.) Kiki Maier-Hahn hat nach der Absage der betagten griechischen Bildhauerin Natalie Mela den Tschechen Daniel Peta entdeckt, dessen Skulpturen und Reliefs vor allem durch ihre eigenwillige Materialität bestechen - in Kunstharz gegossene Fotos oder fragile Papierporträts, die mit Fäden und Perlen bestickt wurden (Preise 800 bis 20.000 Euro). (Bis 19. November.)

Jene Entdeckernaturen, die den Weg über die Oberkasseler Brücke geschafft haben, können den Spuren der Kunst bis an die Stadtgrenze folgen, in den Stadtteil Heerdt, wo Hans Mayer in seinem Übergangsdomizil an der Clarissenstraße neben neuen Arbeiten von Bill Beckley und Jürgen Klauke erstmals Werke des Portugiesen Nouno Sousa Viera zeigt. Die Arbeiten haben einen persönlichen Hintergrund - alle verwendeten Materialien wie Türblätter, Handläufe und Gitter, die der in Lissabon lebende Künstler effektvoll zwischen alt und neu, zwischen Architektur und Fiktion arrangiert, stammen aus einer stillgelegten Kunststofffabrik, in der sein Vater gearbeitet hat (Preise von 2000 bis 25.000 Euro.) (Bis 15. Oktober.)

Kunstvoll taumelnden Skulpturen

In Köln gibt es Museales zu Entdecken: Christian Boltanski zeigt in seiner mittlerweile neunten Ausstellung bei Kewenig eine neue Variante seiner berühmten Skulptur „The Work People of Halifax 1977 bis 1982“, für die rostige Dosen, die meist zu einem hermetischen Wall geschichtet zu sehen waren, nun zu einem klaustrophobisch engen Gang verdichtet wurden. Dazu ein mit Neon beleuchtetes Kinderbett und drei massive Rollwagen voller Kleidung. Boltanski schafft einen eindringlichen Erinnerungsraum, der auch im kleinen Maßstab funktioniert. (Preise auf Anfrage.) (Bis 30. Oktober.)

Bei Greve hat der amerikanische Bildhauer Joel Shapiro Skulpturen, Modelle und Zeichnungen zu einer gelungenen Schau arrangiert, die vor allem die Lust an Spiel und Experiment nachvollziehbar macht, aus denen seine kunstvoll taumelnden Skulpturen entstehen (32.000 bis 50.000 Euro). Farbe ist das Thema den jüngsten, waghalsig von der Wand abstehenden Arbeiten: etwa eine mit transparentem Türkis überzogene Skulptur, die die Maserung von Pinienholz durchschimmern lässt (59.000 bis 480.000 Euro.) (Bis 6. November.)

Am Computer montierte Landschaftsszenen

Einen Einblick in zwei unterschiedliche, persönliche Ordnungssysteme kann erleben, wer sich auf der Antwerpener Straße umschaut. Jorinde Voigt hat für ihre dritte Einzelschau bei Christian Lethert den Botanischen Garten der Universität Bonn besucht und Dichte, Struktur und Farbbild der Pflanzen, in farbig bemalte Stabskulpturen übersetzt. Dazu gibt es neue Melodiebögen, die der Wahrnehmung von Klängen im Raum folgen, und überraschend freie Tuschzeichnungen, deren Spontaneität die leicht manische Qualität ihrer Notate konterkariert (Preise von 1000 bis 65.000 Euro.) (Bis 23. Oktober.)

Ein ganz anderer Privatkosmos entfaltet sich gegenüber bei Susanne Zander: Horst Ademeit war überzeugt, Kältestrahlung messen zu können. So hat er über Jahre jeden Tag ein Polaroid-Foto gemacht, um seine Messungen zu dokumentieren, sowie fotografisch markante Beobachtungen seiner nächsten Umgebung, an denen er die Auswirkungen der kalten Strahlen nachweisen wollte. Der inhärenten Logik des Lebenswerks dieses 2009 verstorbenen Außenseiters kann sich man nicht entziehen (Jedes Polaroid 490 Euro.) (Bis 21. Oktober.) Priska Pasquer schließlich zeigt zum zehnjährigen Jubiläum die überstrahlten Alltagsszenen der japanischen Fotografin Rinko Kawauchi (Auflage 6, zwei Größen, Preise 2400 und 6800 Euro), während bei Boisserée zum ersten Mal in der langen Galeriegeschichte mit Blick auf die ja auch noch gleichzeitig stattfindende „20. Fotoszene Köln“ ein zeitgenössischer Fotograf präsentiert wird. Der Spanier José María Mellado zeigt dramatische, am Computer montierte Landschaftsszenen (Preise von 4800 bis 8400 Euro.) (Bis 2. November.)

Ein Signal an die Kölner Kulturpolitik

Die junge Galerie der ehemaligen Klauke-Schülerin Charlotte Desaga zeigt Arbeiten der in Köln in einem Bauwagen lebenden Künstlerin Nie Pastille, deren textile Wandobjekte zunächst abstrakt wirken, dann aber mit figurativen, collagierten Details überraschen (Preise 300 bis 3000 Euro). Erstmals wird auch der temporäre Raum am Sudermannplatz unweit der Galerie bespielt, der unbedingt einen Abstecher lohnt: In der effektvoll verwitterten Altbauwohnung, die zuvor von Filmproduktionen genutzt wurde, zeigt Desaga neue Arbeiten der sechs Künstler, die sie in ihrer Galerie vertritt, darunter Gouachen von Bernadette Mittrup und ein Foto aus der zweihundertteiligen Fotoserie „Projekt“ von Thorsten Schneider, der zum Thema Landschaftsfotografie eine sehr eigenwillige, amüsante Deutung offeriert. (Bis 30. Oktober.)

Bis die DC Open Legendenstatus erreichen, wird noch einiges geschehen müssen. Auf jeden Fall aber hat sich ein fester Termin im Herbstkalender etabliert, der vor allem den Zusammenhalt der Galeristen auch über die Stadtgrenzen hinweg stärkt. Ein kraftvoller Auftritt ist auch ein Signal an die Kölner Kulturpolitik, endlich ein besseres Umfeld für die Kunst in der Stadt zu schaffen, die sich trotz Abwanderungstendenzen überaus vital präsentiert.

DC Open in ausgewählten Galerien in Düsseldorf und Köln. Bis zum 5. September. Geöffnet Samstag von 12 bis 20 Uhr, Sonntag von 12 bis 18 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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