Kunstmarkt
In Salzburger Galerien

Der Tag für die Kunst, ehe am Abend die Spiele beginnen

Von Brita Sachs

Im Andräviertel ist Salzburg sogar im Sommer ganz bei sich selbst. Touristen verirren sich kaum in den Stadtteil rechts der Salzach, der auch „Neustadt“ genannt wird, seit er vor gut hundert Jahren mit schmuckvollen Gründerzeithäusern aus dem Boden gestampft wurde. Viele historistische Straßenfronten sind noch geschlossen erhalten, und kleine Geschäfte beleben die angenehme Atmosphäre. Mittendrin, in der Auerspergstraße, leuchtet das orangefarbene Schild der UBR Galerie von Ulrike Reinert, die sich hier für aktuelle junge Kunst engagiert. Die publikumsreichste Zeit des Jahres - das sind die Salzburger Festspielwochen zuverlässig für alle Galerien der Stadt - bestreitet Ulrike Reinert mit dem Österreichdebüt von Clare Goodwin.

Die britische Künstlerin lässt sich zu ihren „abstrakten Porträts“ von Tapeten, Stoffen und Illustrierten inspirieren, die sie an Menschen und Behausung der siebziger Jahre erinnern, in denen sie selbst aufwuchs. Orange, beige und andere Retrofarben vermalt Clare Goodwin zu Hard-edge-Kompositionen, die zum Beispiel „Grace and John“ heißen und, indem sie Einbauküchen und -schränke zitieren, auch die Erstarrung einer Aufbruchsära im Alltag annotieren. (Acrylgemälde von 1200 Euro, Aquarelle von 580 Euro an; bis 5. September.) Wer seinen Galerierundgang bei UBR startet, ist in wenigen Minuten am Mirabellplatz. Dort sitzt im Art-déco-Foyer eines ehemaligen Hotels die Leica Fotogalerie. Sie zeigt den einstigen Magnum-Fotografen Alberto Venzago, der Kriegs- und andere unerfreuliche Schauplätze mit mystischen Kraftorten in wilder Natur vertauschte, aus denen Langzeitbelichtungen Traumplätze machen. (Bis 11. August. Vom 14. August an Hubertus von Hohenlohe.)

Baselitz in gewohnter Souveränität

Direkt gegenüber lockt die Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburgs Nummer eins für zeitgenössische Kunst, vor neue Bilder von Georg Baselitz. „Verdunklung“ heißt der atelierfrische Werkblock, der beweist, wozu die Mal-Quickys der vorausgegangenen Remix-Serie gut waren: Geblieben ist das atemberaubende Tempo, jetzt aber im Einsatz für eine verfeinerte Vielschichtigkeit. Wieder kommen biographische Elemente ins Spiel: Des Künstlers schon in die „Russenbilder“ eingeflossene Schuljahre in der DDR leben diesmal an Isaak Brodskys sozialistisch-realistischem Gemälde „Lenin im Smolny“ auf.

Bei Brodsky sitzt Lenin auf einem Stuhl mit weißer Housse und schreibt auf seinem Schoß; bei Baselitz treibt er dort solo weit Intimeres und gibt weißem, à la Pollock quer durchs Bild schleuderndem Farbspritzen einen konkreten Anlass. Mit frechem Witz und gewohnter Souveränität agiert Baselitz auf diesen schwarz-weiß-grünlichgrauen Bildern zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion und serviert en passant Notizen zur Malereigeschichte - auch der eigenen; denn der Bogen zum unvergessenen Skandalbild der frühen Sechziger, „Die große Nacht im Eimer“, ist offensichtlich. Wer keinen Onanisten will - ohnehin sind fast alle Bilder der Serie bereits verkauft -, kann auch in neuen Adlerbildern schwelgen. (Die Gemälde kosten von 350.000 bis 450.000 Euro. Bis 19. September.)

Eine Symbolfigur aus Stahl

Ein Abstecher könnte jetzt zur „einzigen Bauhaus-Villa der Stadt“ am Ignaz- Rieder-Kai führen. Mario Mauroner präsentiert in seinem weißen Kubenbau ein breites Spektrum an Kunstwerken, das sich beispielsweise von einer roten Bronzeschlaufe Anthony Craggs bis zu Fetischplastiken der Madeleine Berkhemer spannt. Etwa dreißig Künstler zeigt diese Festspielausstellung, die sich in den Galerieräumen im Innenhof der Residenz fortsetzt. Dort setzt Mauroner die Plastik „We“ von Jaume Plensa wirkungsvoll in Szene. Die sitzende, aus Lettern internationaler Alphabete geschmiedete Figur mit angezogenen Knien begleitete die tschechische EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr auf dem Prager Jan-Palach-Platz als Symbol einer transparenten und verständnisvollen Kommunikation der Völker. Für ihren Erwerb ist mehr als eine Million Euro vonnöten.

Zeit für den Uferwechsel: Links der Salzach kuschelt am Mönchsberg die Altstadt, und dort ballen sich die Galerien. Vor einem Gang durch die Gassen könnte der Ausflug zur Galerie Ruzicska stattfinden, die etwas weiter südlich Parkplätze vor der Tür bereithält. François Morellet füllt die gesamte Ausstellungshalle mit Neon-Arbeiten seit 1990. Der 1926 geborene Franzose nimmt Kreis und Quadrat als Basis für Lichtröhren, die munter mit der minimalistischen Form spielen. Farbige und weiße Leuchtstreifen paraphrasieren, betonen und wahren den strengen Grund genauso gut wie, sie ihn konterkarieren, sprengen, durchkurven und fliehen. (Von 56.000 Euro an; bis 30. August.) Auf dem Rückweg lohnt ein Stopp in der Galerie Fotohof. Sie liegt im Nonntal, einem pittoresken Dorf in der Stadt, das an sich schon einen Besuch wert ist. Die renommierte Fotogalerie eröffnete gestern Abend eine Ausstellung von Tamara Grcic, in der die Teilnehmerin der diesjährigen Biennale in Venedig neue Arbeiten vorstellt. (Bis 26. September.)

Zoran Music zum Hundertsten

Die Klassische Moderne hat ihre Adresse am Mozartplatz bei Salis & Vertes im Palais Rehlingen. Edouard Vuillards wunderbares Breitformat „Crépuscule au Pouliguen“ von 1908 stiftet der „Modern Masters“-Schau ein Glanzstück. Vier Damen, die, wohl auf einer Quaimauer plaudernd, den Abend einläuten, bettet der Nabis-Künstler in eine flächige Umgebung aus lichten Stein-, Sand- und Wasserstrukturen, die ihn weit vorn in den Abstraktionstendenzen der Zeit zeigen (585.000 Euro). Erneut kommt neben dem französischen Schwerpunkt, wo Bonnard, Braque oder Dubuffet glänzen, auch der deutsche Expressionismus nicht zu kurz: Als Preisstar des Ganzen erfordert Noldes blaue und weinrote „Clematis“ 1,8 Millionen Euro. (Bis 31. August.) Einem Klassiker huldigt die Galerie Welz: Zum hundertsten Geburtstag von Zoran Music hängte sie einen repräsentativen Querschnitt von fast neunzig Arbeiten des vielseitigen Malers und Zeichners. Music, der sich noch in den siebziger Jahren an den Grauen seiner KZ-Erlebnisse abarbeitete und zugleich seine dalmatinische Heimat in leuchtenden Farben schildern konnte, erstaunt einmal mehr als Wanderer zwischen naturnaher Schilderung und tachistisch-informeller Bravour. (Die Preise beginnen bei 4000 Euro für kleine Zeichnungen und gehen für Ölgemälde über 130.000 Euro hinaus. Bis 30. August.)

Jubiläum feiert die Galerie Altnöder, die seit 25 Jahren mit Nachdruck österreichische, vorrangig zeitgenössische Kunst vertritt. 25 Positionen aus dem Programm illustrieren Ferdinand Altnöders Sinn für ironische, skurrile und widerspenstige Artefakte. Zur Truppe zählt Alois Mosbacher, der staunende Schafe mit Turnschuhgeweihen und Staubsaugern krönt (7700 Euro), ebenso wie Johann Pollhammer, der im alten Koffer die „Titanic“ schwappen lässt (6000 Euro), oder auch Lois & Franziska Weinberger, die ihre Einlassungen zu Kunst und Natur soeben dem österreichischen Pavillon in Venedig mit gärendem Heu im Stadel angedeihen lassen. Und gegenüber vom Großen Festspielhaus hat erneut die Wiener Galeristin Heike Curtze ihr Sommerlager aufgeschlagen: Brus, Rainer, Nitsch und Attersee führen die Stamm-Mannschaft an. Sehenswert sind dort aber auch Guillaume Bruères Phantasmen und seine Porträtieraktionen - life. (Bis 31. August.)

Quelle: F.A.Z.
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