Kunstmarkt
Galerierundgang Salzburg

Die Splitter einer Stadt

Von Brita Sachs, Salzburg

Es ist Festspielzeit in Salzburg, und die Stadt gibt ihr Äußerstes, um ihre Gäste zwischen Mozarts „Zauberflöte“ und sämtlichen weiteren Bühnengenüssen auf hohem Niveau zu unterhalten. Salzburg im Sommer will zum Hören und Sehen verführen und nicht zuletzt zum Kaufen: Auch die Galerien geben jetzt ihr Bestes, und das mit Erfolg: Galerist Thaddaeus Ropac jedenfalls hatte aus Georg Baselitz’ brandneuer Serie bereits nach zwei Tagen zwanzig Gemälde vermittelt, mindestens drei wandern in Museen. Der Künstler, der sich immer wieder neu erfindet, lässt seiner 1969 vorgenommenen Drehung des Motivs auf den Kopf und dem „Remix“, dem Revival eigener Bilder, jetzt die Umkehrung der Farbverhältnisse ins Negativ nach fotografischem Vorbild folgen.

Auf schwarzem Grund schuf der bekennende Anhänger von Pollock und de Kooning malerisch hochdifferenzierte Darstellungen zu drei Themengruppen: Erneut hat er sich seinen Zyklus der „Russenbilder“ vorgenommen, die karikaturhafte Adaption von schwülstigen Gemälden des sozialistischen Realismus. Dann Otto Dix’ berühmtes Werk „Bildnis der Eltern II“, dem Baselitz die Züge seiner eigenen Eltern verleiht, und schließlich Porträts seiner expressiven künstlerischen Ahnen Schmidt-Rottluff, Kirchner, Heckel und Munch (je 450.000 Euro, Aquarelle von 35.000 Euro an).

Die Dependance der Galerie, die Halle in der Vilniusstraße, birgt die atemberaubende neue Plastik „Sing Sang Zero“ von Baselitz. Aus Holz gesägt, dann in schwarze Bronze gegossen, stehen der Künstler und seine Frau Elke doppelt lebensgroß im Raum, er kantig, sie weich, ihn einhakend, ein kolossales Monument des Zusammenhalts (Auflage 6; 1,8 Millionen Euro).

Gewisse Ermüdungserscheinungen beim Neuerfinden lässt Jan Fabre spüren. Die Galerie Mario Mauroner schuf ihm ein großzügiges Interimsquartier am Waagplatz. Aber gewaltige Formate und Tausende grünschillernder Käfer - das eingeschläferte Arbeitsmaterial, das Fabre berühmt machte, sorgen noch nicht für überzeugende Kunst, vielmehr belegen sie glatte Routine (245.000 Euro kosten die Käferbilder, 99.000 Euro „gekreuzigte“ Eichhörnchen und andere Nager). Ist die Schlaflosigkeit schuld, die der Belgier in seiner Großinstallation „Offering to the God of Insomnia“ thematisiert, wo er pfundweise mundgeblasene Glasaugen über wächserne Votivgaben in Gestalt menschlicher Körperteile verteilt? (Für jede Vitrine 220.000 Euro).

Der Künstler Gerold Miller liebt es, gelegentlich für seine Galeristen zu kuratieren. In Berlin hatten Giti Nourbakhsch und Mehdi Chouakri das Vergnügen, in Wien Krobath Wimmer, und jetzt klopfte er bei Nikolaus Ruzicska an, der ihm entzückt Carte blanche gab. Millers postminimalistische Kunst, seine reduzierten Wand-Bild-Objekte aus Metall, denen Speziallacke in zahllosen Schichten makellose Oberflächen geben (von 48.000 Euro an), gehört zu den Säulen in Ruzicskas Galerieprogramm, das neben konkreter Kunst Schwerpunkte bei Fotografie und Lichtkunst setzt.

Unter diesen Eckdaten und dem Titel „Take off your silver spurs and help me pass the time“ - die Zeile stammt aus dem Song „Summer wine“ von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood - holte Miller fünfzehn Künstler zusammen, darunter wahre Stars des rechten Winkels und exakter Streifen wie Imi Knoebel, Gerwald Rockenschaub oder Liam Gillick. Mehrere Künstler sind erstmals in Österreich zu sehen; Katja Strunz etwa, deren Origami ähnelnde, tatsächlich aber aus Stahl gefalteten Plastiken dynamisch spitzwinklig auf der Wand sitzen (von 25.000 Euro an).

Oder Anselm Reyle, dessen Hundeporträt „Little Cody“, ein halbfertiges Malen-nach-Zahlen-Bild zitierend, in seiner Gegenständlichkeit zur experimentellen Fotografie vermittelt. Selbige repräsentiert Gregor Hildebrandts verschwommener Blick durchs Schlüsselloch auf nackte Frauen mit Zylinder, der wie ein Vexierbild auch als Totenkopf gesehen werden kann (15.000 Euro). Mit Leigh Ledares Pornofotos der eigenen Mutter wollte Kurator Miller wohl ein bisschen Zunder ans brave Salzburg legen, aber der Galerist entzog sie vorsichtshalber den Blicken (von 2000 Euro an).

Farbintensive Temperamentsbeweise erwarten den Besucher bei Welz, älteste Galerie der Stadt und eine Bastion österreichischer Klassiker der Moderne. Sie widmet ihre Festspielschau vier Vätern der Wiener Abstraktion um Monsignore Otto Maurer, den berühmten Kunstpfarrer und dessen Wiener Galerie nächst St. Stephan. Welz hängt schwebende regenbogenbunte Pinselspuren von Wolfgang Hollegha (Gemälde von 42.000 Euro an) neben sprühend tanzende Farbbalken seines Künstlerfreundes Markus Prachensky (Acryl auf Leinwand von 32.000 Euro an) und sattgelb strahlende Kompositionen von Josef Mikl (Gemälde von 24.000 Euro an).

Als Einziger zog Arnulf Rainer den koloristischen Räuschen dunkle Tusche oder schwarzes Öl für seine Übermalungen vor, sei dies ein „verlöschter Großvater“ oder ein „Waldmensch“ (von 14.000 bis 148.000 Euro).

Gegenüber dem Großen Festspielhaus hat wieder Heike Curtze aus Wien ihre Sommerstation bezogen. Günther Brus steht diesmal bei ihr im Zentrum, der Aktionist, der 1970 exzessiv und in großen Formaten zu zeichnen begann.

Seine Figuren mit ihren sonderbar embryonenhaften Köpfen, eingebunden in traumartige Situationen, tragen ebenso unverkennbar die Handschrift dieses großen Zeichners wie am Rand notierte Text- und Wortspiele, die meist mehr zur Verrätselung als zur Erhellung führen; so schrieb Brus unter einen mondbeleuchteten Menschen, der den müden Kopf auf die Arme legte, die kryptischen Worte: „Das Denken ist wie das Mark des Mondes im Selbstgebein.“ Die Arbeiten auf Papier in unterschiedlichen Techniken kosten zwischen 12 600 und 60.000 Euro. Parallel treten jüngere Künstler im fliegenden Wechsel auf. Den Anfang macht Wolfgang Becksteiner, der unter anderem gemeinsam mit Brus auf Beton „beton_te“ Gedanken verewigte (4950).

Im Licht der französischen Sonne

„Ich gehe gern in Museen“, sagt Alois Mosbacher, der sein Werk bei Altnöder zeigt, und manchmal wolle er gern in seinen Lieblingsbildern sein, sie selbst malen. Aber wie kommt man in ein Bild von Dürer? Mosbacher wählt einen Science-Fiction-Transport und bedient sich dabei des Hundes, eines jahrelang treuen Motivgefährten seiner Malerei. In der Phantasie, so Mosbacher, befehle er: „Beam me up, Scotty!“ und komme sozusagen mit einem neuen Bild zurück; so sitzen denn vor schwarz-weiß gezeichneten Bildausschnitten von Holbeins „Totentanz“ oder Géricaults „Floß der Medusa“ treuherzig schauende Vierbeiner. Mosbacher, einer der ersten Vertreter der neuen wilden Malerei wie Hubert Schmalix oder Siegfried Anzinger im Österreich der siebziger Jahre, widmete sich später vorzugsweise realen und virtuellen Parallelwelten. Auch hier erwarb schon ein Museum zwei der je 18.500 Euro kostenden Bilder.

Sommer in Frankreich: Wasser, Wärme, weiße Boote, rote Felsen. Der Fauvist Louis Valtat schildert die paradiesische Situation 1904/5 auf dem Gemälde „Les rochers rouge d’Agay. . .“, das für 275.000 Euro Salis & Vertes anbietet. Das feste Domizil der Klassischen Moderne am Mozartplatz pflegt mit Nachdruck die französische Kunst; Raoul Dufy und Albert Marquet bestücken hier die Sommerszene ebenso eindrucksvoll wie de Vlaminck, der 1907/8 bei Chatou weiße Segel auf der blauen Seine leuchten lässt. Das Werk aus einer belgischen Sammlung kostet 185.000 Euro.

Wo „Trafik“ steht, gibt es in Österreich Tabakwaren zu kaufen und dazu das Übliche: Zeitungen, Kaugummi, Lottoscheine. Die deutsche Malerin Katja von Puttkamer betrachtet den Stadtraum als ihr Refugium, vor allem unbeachtete Nebenansichten wie Kaufhausfassaden oder Containerbauten haben es ihr angetan. Die UBR Galerie zeigt ihre „Trafik“- Bilder, realistische Kioskfronten, Ausschnitte, die mit Abstraktionen flirten und aus dem Zusammenhang gelöste Details: kleine Extrablätter, kleine Stadtsplitter (Arbeiten auf Papier von 120 Euro an; Gemälde 1800 bis 3100 Euro an).

Quelle: F.A.Z.
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