Gallery Weekend

Das Modell funktioniert bestens

Von Kolja Reichert
 - 10:18

Dieser Film ist nur für dich bestimmt: In der fast leeren Galerie Barbara Weiss in Kreuzberg wartet nichts als ein 16-Millimeter-Filmprojektor auf den Besucher und eine Liste an der Wand mit Titeln wie „Anal Coitus“, „Breast Licking“ oder „Ear“. Eine Mitarbeiterin legt die gewünschte Filmspule ein, und man wohnt zweieinhalb Minuten der mechanischen Verrichtung eines Akts bei. Das Thema Sex ist nicht das erste, was einem angesichts des Werks von Maria Eichhorn in den Sinn kommt. Tatsächlich nähert sich die Berliner Konzeptkünstlerin dem Thema mit ihrem seit 1999 anwachsenden „Film Lexicon of Sexual Practices“ in herrlich spröder Sachlichkeit: So wird in „Japanese Bondage“ lediglich ein angewinkelter männlicher Oberarm verschnürt und wieder befreit. Es sind Anti-Pornos, die ihren Sujets jeden Fetischcharakter nehmen, bar jeder künstlerischen Geste. So wird der Akt des Galeriebesuchs selbst zum Thema, man erfährt sich als Geisel der eigenen Entscheidung. (Die Arbeit kostet als Gesamtpaket 135 000 Euro).

Entscheidungen gilt es naturgemäß viele zu treffen angesichts der 54 Ausstellungen dieses Berliner Gallery Weekends, aber eine Tatsache kann dabei beruhigen: Viele dieser Entscheidungen werden gute sein. Diese Tage Ende April sind die einzigen im Jahr, an denen wirklich viele internationale Sammler in die Stadt kommen, also zeigen die Teilnehmer ihre Highlights. Die zwölfte Ausgabe der inzwischen vielkopierten Berliner Erfindung ist ein besonderes Prachtpaket. Es gibt herausragende Fotografie, etwa Christopher Williams bei Capitain Petzel, Michael Schmidt bei Nordenhake, Anne Collier bei Neu und Wolfgang Tillmans bei Buchholz. Es gibt Cornerstones der Malerei, etwa frühe Streifenbilder von Daniel Buren bei Buchmann. Vor allem aber gibt es viel von dem, wofür Berlin als globale Produktionsstätte steht: interessante junge Positionen, die die Diskussionen voranbringen.

Weiße Spottgespenster und Schlangen aus Stoff

Zu ihnen zählt der 1977 geborene Texaner Stephen G.Rhodes, der in Berlin lebt. Er hat bei Eden Eden, der Außenstelle der Galerie Isabella Bortolozzi an der Bülowstraße, ein klaustrophobisches Gruselkabinett eingerichtet, das Elemente aus seiner Schau im Kölnischen Kunstverein im vergangenen Herbst weiter- (so muss man wohl sagen) verdaut. Man zwängt sich durch ein Holzgerüst, vorbei an Stofffetzen und mit Logos bedruckten, vibrierenden Metallscheiben, auf denen Spielzeugfiguren zittern, und trifft auf aufgespießte Gummiköpfe und eine Playmobil-Schachtel, auf die die flüchtende Familie aus dem bekannten „Refugees Welcome“-Scherenschnitt gedruckt ist. Klingt schrottig, tritt aber Mike Kelleys und Paul McCarthys Erbe an und ist formal höchst präzise gesetzt. Ein Lächeln liegt auf den Gesichtern vieler, die aus dem letzten dunklen Kellerraum kommen, wo Überreste eines mechanischen Kaufhaus-Pferdchens laut polternd ein angelehntes Schlauchboot penetrieren. So leicht kann eine Form aussehen, in der die apokalyptische Grundstimmung der Gegenwart widerhallt und zugleich unterlaufen wird (Preise von 4000 bis 60 000 Euro).

Es ist ein Vergnügen, sich von der Karte des Gallery Weekends durch die Stadt leiten zu lassen. Bei Johann König, der die hervorragende Ausstellung der Berliner Fotografin Annette Kelm schon vor drei Wochen eröffnete, blühen in frischen Beeten die Tulpen vor Werner Düttmanns Betonkirche. Noch graben im Garten die Bagger, aber der neue Skulpturenpark mit Arbeiten von Jeppe Hein (60 000 Euro), Alicja Kwade (110 000 Euro) oder Elmgreen und Dragset (95 000 Euro) ist schon eröffnet. Eine eigenartig erhebende Mischung aus Düsternis und Heiterkeit ist das Grundgefühl, das von vielen Ausstellungen bleibt. So mancher Weg führt, wie schon bei Stephen G. Rhodes, in den Keller: Oliver Croy von der Galerie Croy Nielsen schließt eine neu bespielte Kellergarage auf, wo die junge Londoner Malerin Megan Rooney Malereien mit weißen Spottgespenstern zeigt und Schlangen aus Stoff (von 3800 bis 8000 Euro). Das über den ölschlierigen Boden gestreute weiße Granulat erinnert an die zwei Tonnen winziger schwarzer Plastikkügelchen, mit denen Alice Channer den Boden der Galerie Konrad Fischer bedeckt hat. Drei Skulpturen lagern darin, für die der 3D-Scan eines gefundenen Steins unterschiedlich lang gezogen wurde. Eine ist aus Cortenstahl, eine aus Beton, und eine aus bakterienabweisender Aluminiumbronze, wie sie im militärischen Schiffsbau verwendet wird (je 230 000 Euro, ohne Steuer). Channer macht das unsicher gewordene Verhältnis von Materialität und Virtualität anschaulich, das sich aus den neuesten Technologien ergibt. Das tut auch das Künstlerinnenduo Peles Empire, in dessen Rauminstallation bei Wentrup mitunter schwer zu unterscheiden ist, welche Objekte tatsächlich im Raum stehen und welche auf Boden- und Wandpostern abgebildet sind.

Eine Phantasiegestalt mit brennendem Hut

Ebenfalls in der Lindenstraße zeigt Claes Nordenhake die Serie „Natur“, die der Berliner Fotografen Michael Schmidt noch kurz vor seinem frühen Tod vor zwei Jahren abschloss. Die sachlichen Naturaufnahmen atmen die zarte Aufmerksamkeit, die noch in den härtesten Motiven des für seine grauen Berlin-Bilder bekannten Künstlers waltete, aber oft übersehen wurde. Die Kleinformate ziehen sich in einer Zeile um die Galerie und sind schon für 4500 Euro zu haben (Auflage 4+2 AP).

Bei PlanB in der Potsdamer Straße trägt Victor Man noch den letzten Firnis auf. Der heißumworbene Maler, der sich ungern in der Öffentlichkeit zeigt und sich am liebsten nicht von seinen Werken trennen würde, hat einen Doppelauftritt: Hier, beim Künstler- und Jugendfreund Michael Popp, zeigt er neue Arbeiten (bis 70 000 Euro) und zwei von der letzten Venedig-Biennale. Bei MD72, dem Kreuzberger Ableger der Galerie Neu, finden sich in einer stärker kuratierten Schau neben älteren, unverkäuflichen Arbeiten nur zwei neue (für 60 000 bis 160 000 Euro). Das Gemälde einer Phantasiegestalt mit brennendem Hut betört dort mit widersinnigem, plastisch aufgetragenem Blau.

Nicht nur Victor Man lockt seinen eigenen Fanclub nach Berlin. Es sind vielleicht zuvor noch nie so viele internationale Sammler in die Stadt gekommen wie an diesem Wochenende, aus Paris, New York und Peking. Das Berliner Gegenmodell zur klassischen Messe scheint sich einmal mehr zu bewähren. Sollte die Art Cologne im nächsten Jahr wirklich parallel zum Gallery Weekend stattfinden, muss das die Berliner vielleicht gar nicht stören.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton.
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