Grisebach-Auktion

Bilder malen für die Freundschaft

Von Rose-Maria Gropp
 - 10:00

Mit den 53 Losen der „Ausgewählten Werke“ macht sich Grisebach am 30. November richtig stark. Angeführt wird das Angebot von einem Exil-Bild Max Beckmanns, signiert und datiert „A(msterdam) 41“: Von einem gestrandeten Boot weht eine zerfetzte Fahne leuchtend gelb, wie ein Hoffnungszeichen vielleicht, bis in unsere Gegenwart. Das starke Gemälde „Braunes Meer mit Möwen“, die gerade noch leben oder schon verendet sind, ist mit einer Erwartung von 1,2 bis 1,5 Millionen Euro versehen. Ihm folgt als nächstes Los Rudolf Schlichters „Porträt Helene Weigel“ von 1928 – und auf dieses schaue bitte ein deutsches Museum. Einst war es im Besitz des Schauspielers Alexander Granach, der 1933 vor den Nationalsozialisten als Jude und als Linker erst nach Russland, dann weiter in die Schweiz floh, um 1938 nach Amerika zu emigrieren, wo er schon 1945 starb. Das eminente Bildnis der großen Schauspielerin war seit 1933 in treuhänderischem Privatbesitz, jetzt wird es im Einvernehmen mit den Erben von Granach versteigert, versehen mit einer Schätzung von 200 000 bis 300 000 Euro.

Zugunsten des deutschen Impressionismus – unter sieben Liebermann-Bildern geht vorn ein „Reiter am Strand nach links“, früher einmal im Bestand des Axel Springer Verlags (250 000/350 000) – ist der Expressionismus einstweilen in den Hintergrund getreten. Was mit Mangel an wichtigen Werken zu tun haben mag, aber auch mit einem sich schon länger anbahnenden Geschmackswandel. Dafür gibt es gute Moderne, wie Ernst Wilhelm Nays einst in der Sammlung der Karstadt AG befindliche „Chromatische Scheiben“ von 1960 (Taxe 800 000/1,2 Millionen Euro). Von bei Félix Vallotton nicht zwingend erwartbarem Charme ist seine „Femme couchée“ aus dem Jahr 1913, hingebettet zwischen Bonbonfarben (300 000/400 000). Nach der – vom Katalog erwähnten – Station im Jahr 2000 bei Sotheby’s in Zürich durchlief sie allerdings noch drei weitere Versteigerungen, zuletzt mit dem Zuschlag von umgerechnet 41 000 Euro 2004 bei Christie’s in London. Nun, hin und wieder gibt es ja steile Karrieren. Vallottons liegender Venus-Paraphrase geradezu entgegengesetzt ist Jawlenskys auf vierzig mal 29 Zentimeter Karton hingehauener „Sitzender Halbakt mit langen Haaren“ von 1910, der eine Menge Kraft hat (250 000/350 000). Und hier noch: Karl Hofers bereits Ende September aus der Auktion genommenes „Selbstbildnis mit Dämonen“ (F.A.Z. vom 4. November) hängt seit einiger Zeit als Dauerleihgabe in der Moderne-Sammlung in der Orangerie der Kunsthalle Karlsruhe. Von dort war es 1936 in den Nationalsozialisten vorauseilendem Gehorsam weggetauscht worden. Nun besteht vielleicht Anlass zu den besten Hoffnungen auf eine Rückkehr in das Museum.

Die Zeitgenossen sind stark besetzt

Bei der zeitgenössischen Kunst am 1. Dezember hat Grisebach weiter aufgerüstet. An der Spitze der mehr als zweihundert Lose steht eine neunzig mal neunzig Zentimeter messende kraftvolle Nagelung „Fluß“ von Günther Uecker aus dem Jahr 1984 (400 000/600 000). Überhaupt gibt es die Heroen der Sechziger und Siebziger, rauf und runter. Dabei ist auch Joseph Beuys’ Unikat „Erdtelephon“ von 1968 – wenn Lehmklumpen fernsprechen könnten, würden sie vielleicht endlich Gehör finden! Das Memento unserer sterbenden Umwelt ist mit 100 000 bis 150 000 Euro ausgezeichnet. Es gibt ein Skizzenbuch von Sigmar Polke, in Filzstift auf Stenoblock mit 32 Zeichnungen aus dem Jahr 1969, das besser nie zu viel Licht sehen sollte, sondern unbedingt sorgfältig zu bewahren ist (200 000/300 000). Von Baselitz kommt ein früher „Mann mit Hund“ aus der Sippe seiner Hirten, noch ganz aufrecht 1966 auf ein kleines Stück Papier gezeichnet (120 000/150 000). Rosemarie Trockels großformatiges Strickbild ohne Titel von 1989 mit 21 Kindsköpfen auf beigem Grund wird seine Fans zweifelsohne finden (120 000/150 000). Neben Auflage-Arbeiten gibt es von Gerhard Richter auch Malereien in kleineren Formaten, wie ein attraktives „Rot-Blau-Gelb“ von 1973 (80 000/120 000) oder ein unbetiteltes Unikat in Lack auf Papier von 2008 (100 000/150 000).

Am Beginn steht, wie gewohnt, am 29. November das 19. Jahrhundert mit 111 Losen. Caspar David Friedrich aquarellierte einen „Blick auf Meißen“ im Jahr 1824: Auch wenn ihm die Magie des Künstlers fehlt, ist er doch von seiner Hand feinst gestrichelt – ein Dokument für die Annalen unbedingt, eingeliefert von einer „Privatsammlung, Sachsen“ (120 000/140 000). Ein Exemplar aus der ersten Auflage 1805 von Philipp Otto Runges vierteiligem „Die Zeiten“-Zyklus firmiert mit 50 000 bis 70 000 Euro. Wer sich verlieben will, schaut auf Runges gezeichnetes „Bildnis Friedrich Perthes“ von 1799 (60 000/ 80 000). Und wer’s einfach nur bezaubernd haben will, guckt auf die Losnummern 217 und 218: zwei Pfirsiche von Betzy Libert und Weinranken von Ferdinand Küss. Ob es bei den niedlichen Taxen dafür bleibt (1800/2400 und 2000/3000)?

Die 134 Lose der Orangerie am 30. November geben ihr Bestes, so wirklich ganz hat sie sich noch nicht vom Sammelsurium befreit: Es gibt ein umfangreiches Konvolut vor allem mit Schmuck des Goldschmieds Emil Lettré (1876 bis 1954); die Taxen beginnen schon bei 500 Euro. Man Rays elegantes, aus Elfenbein geschnitztes Schachspiel für seine Frau Juliet fällt auf (50 000/70 000) – oder auch einige Designermöbel der Sechziger von Egon Eiermann für den Deutschen Bundestag entworfen (Taxen von 3000 Euro an).

Die angekündigte Versteigerung der exquisiten Zeichnungen-Sammlung des Grisebach-Hausherrn Bernd Schultz zugunsten der Gründung eines Exil-Museums wurde schon vor einigen Wochen abgesagt; derzeit ist sie für den Herbst 2018 angesetzt. Zum Liebling jetzt könnte „Small is Beautiful“ werden am 30.November: Unter den 46 Losen sind drei hinreißende Postkarten von Franz Marc an Erich Heckel (Taxe je 100 000/200 000 Euro) oder ein frühes schnuckeliges, grade 17,5 mal 17,5 Zentimeter kleines „Werkzeug. Nagelobjekt“ von Günther Uecker (100 000/ 150 000). Kleine Dinge sind manchmal eben sehr kostspielig.

In neun Katalogen sind nach Angaben des Hauses mehr als 1600 Werke versammelt, von der Moderne und Zeitgenossenschaft über die Orangerie zur Fotografie. Ihre mittlere Gesamttaxe liegt bei 24,2 Millionen Euro.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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