Kunstmarkt
Münchner Auktion

Halbe Kühe unter sich

Von Brita Sachs

Vom 8. bis zum 10. Juni versteigert Ketterer in München eine vielfältig bestückte Offerte an Kunst der Klassischen Moderne bis heute. Ein großes Los, es stammt von Max Beckmann, ist am Vormittag des 10. Juni an der Reihe: Im Jahr vor seiner Emigration malt der Frankreich-Freund 1936 im Berliner Atelier das „Château d’If“. Hinter Segelbooten liegt im Sonnenschein die alte Festung auf ihrer Insel bei Marseille, wo Alexandre Dumas die Hauptfigur seines Romans „Der Graf von Monte Christo“ eingesperrt sein ließ. Beckmann nahm das Bild mit ins holländische Exil, danach gelangte es weiter in die Obhut des Händlers Curt Valentin in New York, und bei diesem kaufte es Stephan Lackner, der große Mäzen und Sammler Beckmanns. Taxiert auf 800 000 bis 1,2 Millionen Euro, sucht die lichte Vedute nach einer neuen Bleibe.

Sonne und Segel beherrschen auch Pechsteins Gemälde „Sommermorgen“ von 1919 in seinem „Malerparadies“ Nidden (Taxe 250 000/350 000 Euro), und nach Palau entführt mit der Häuptlingstochter „Ronmay“ eines seiner raren Südseebilder, zeitweilig gehörte es dem Regisseur Josef von Sternberg (200 000/300 000). Bei Otto Mueller bevölkern „Vier Badende“ das Ufer auf einem 1910 in matt-toniger Leimfarbe ausgeführten Werk (300 000/400 000). Die Alpen und Gabriele Münters beste Murnauer Zeit bringt unter mehreren Bildern ihre blaue „Berglandschaft mit Haus“ von 1910 ins Spiel (240 000/280 000). Flach wie ein Spiegelei ist dagegen Emil Noldes prachtfarbig aquarellierte „Nordfriesische Landschaft mit Bauernhof“, die um 1920 entstand (140 000/180 000).

Mann und Frau als nacktes hölzernes Paar

Highlights der gut ausgestatteten Offerte mit Papierarbeiten stellen Blätter einer hessischen Privatsammlung mit einigen extrem seltenen expressionistischen Graphiken: Zum Beispiel liegt Kirchners Holzschnitt „Die Geliebte“ von 1915 als einziges bekanntes, vom Künstler handkoloriertes Exemplar des ersten Zustands vor; die Schätzung lautet denn auch 100 000 bis 150 000 Euro.

Hundert Losnummern füllen den Hauptkatalog zur Kunst nach 1945, in dem Georg Baselitz und Gerhard Richter die Schätzpreisspitzen belegen. Ersterer mit einem seiner, eher seltenen „Frakturbilder“, betitelt „Zwei halbe Kühe“ aus dem Jahr 1968. Seit dem direkten Erwerb bei Baselitz in einer süddeutschen Privatsammlung geblieben, gehen die schmissig gemalten Rinderhälften nun mit 500 000 bis 600 000 Euro an den Start. Richters „Rot-Blau-Gelb“, vermischt und verschlungen in breiten Pinselschleifen, visiert 500 000 bis 700 000 Euro an, sein abstrahiertes „Stadtbild“ von 1968 in Grautönen 300 000 bis 400 000 Euro.

Abstrakte Malerei der fünfziger Jahre beweist ihre Qualitäten mit einem Exemplar aus Baumeisters Serie „Montaru“ (150 000/200 000) genauso wie mit Nays prächtigem, zu den „Fugalen Bildern“ zählenden „Irischen Märchen“ (140 000/180 000) oder Josef Albers’ Quadratbild „Blue and Cobalt Green in Cadmium Green“ aus einstigem Besitz seines Monographen Eugen Gomringer (150 000/200 000). Wieder kristallisiert sich ein Schwerpunkt bei den Zero-Künstlern Uecker, Piene, Mack und Luther, jedoch ohne diesmal im Hochpreismilieu zu operieren. Von Joannis Avramidis stammt die große, auf Andeutungen der menschlichen Figur basierende Bronze „Figur II (Profile fließend)“ (100 000/150 000), und unumwunden direkt schildert Balkenhol „Mann und Frau“ als nacktes hölzernes Paar (140 000/180 000). Amerikanische Akzente setzen neben Richard Artschwagers Interieur-Grisaille „Grotto of Altamirada“ von 1993 (100 000/150 000) fotorealistische Kohlezeichnungen im Großformat von Robert Longo; für seinen Erdball „Earth, for Zander“ nutzte er ein mehr als zwei Meter breites Blatt Velin (220 000/300 000).

Auch für die zeitgenössische Kunst gibt es einen eigenen Katalog. Er enthält rund sechzig Arbeiten im meist vier- bis mittleren fünfstelligen Preissegment. Marc Quinns großes fotorealistisches Gemälde mit Orchideen „Chogolisa Sunrise“ zählt dort mit seiner Schätzung von 70 000 bis 90 000 Euro ebenso zu den Ausreißern wie Daniel Richters „Stählerne Erbsen“, eine raumbildende Schichtung mehrerer gegenstandsloser Farb-Form-Einheiten, die ebenfalls 70 000 bis 90 000 Euro bringen soll.

Quelle: F.A.Z.
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