Kunstmarkt
Art Stage Singapore

Handwerklich perfekte Werke für den Antikapitalismus

Von Christoph Hein/Singapur
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Kleinere Brötchen backen: so könnte das Motto der siebten Art Stage in Singapur lauten. Nachdem im vergangenen Jahr schon die Angst vor der wachsenden Kaufscheu der Chinesen umging, ist die Sorge vor einem unberechenbaren, krisengeprägten Markt in diesem Jahr auf der Messe in der Tropenstadt mit Händen zu greifen. Und was tut die Kunst? Sie debattiert ihr eigenes Schicksal, stellt sich in Frage, will sich ihres Wertes vergewissern. Plötzlich scheint es anstößig, eine Messe als Markt zu veranstalten: „Wir müssen begreifen, dass wir in sich dramatisch ändernden Zeiten leben. Die Weltwirtschaft ist in der Krise, die Politik ist in der Krise, die Gesellschaft ist in der Krise, und all das lastet spürbar auf dem Kunstmarkt“, sagte Lorenzo Rudolf, Impresario und Gründer der Art Stage, bei der Eröffnung der Schau für zeitgenössische Kunst aus Asien.

Jahrelang ging es vor allem um höhere Preise, die gerade Asiaten zu bezahlen bereit waren. Nun, wo das Geschäftsmodell ins Wanken gerät, soll es endlich wieder um Inhalte gehen: „Wir können Kunst nicht länger nur über den Preis verkaufen. Wir müssen ganz klar sagen, dass Kunst nicht länger als Handelsware oder Rohstoff betrachtet werden kann“, warnt Rudolf. Damit bewegt er sich auf dünnem Eis: Denn gerade in Asien und auch auf der Millionärsinsel Singapur bestimmen immer mehr vermögende Sammler die Marktentwicklung. Sie sind es, die derzeit neue Museen in Bangkok (Jim Thompson Art Center), Chiang Mai (Maiiam Contemporary Art Museum) oder dem vietnamesischen Ho-Chi-Minh-Stadt (The Factory Contemporary Arts Centre) eröffnen. Um die Brücke zwischen den – für die Galerien überlebensnotwendigen – Sammlern und dem Anspruch der Selbstreflexion und kritischen Marktbetrachtung zu schlagen, stärkt die Art Stage ihre Randaktivitäten. Zwar bleibt sie natürlich eine Verkaufsausstellung, doch gibt es mehr denn je systemkritische Debatten und kuratierte Bereiche. So wird über die „Zukunft von Kunst und Geld“ diskutiert. Oder ein geschützter Raum, das South East Asia Forum, stellt provokante Kunst unter dem der Finanzwirtschaft entliehenen Titel „Barwert: Kunst, Kapital, Termingeschäfte“ aus. Und Singapurer Sammler öffnen ihre Tresore, um die Öffentlichkeit bis zum Sonntag an ihren angehäuften Schätzen teilhaben zu lassen.

Lebensgroße Schweine machen sich über die Kultur her

Ob das alles mehr als ein Feigenblatt für das notwendigerweise geschäftliche Treiben ist, bleibt abzuwarten. Jedenfalls sind in diesem Jahr mit 131 Galerien aus 27 Ländern spürbar weniger Händler in Singapur vertreten, als vor einem Jahr mit 170 Galerien aus 31 Ländern. Da aber weiterhin 75 Prozent von ihnen aus Asien, insgesamt ein gutes Drittel aus Südostasien stammen, lassen sich Entdeckungen machen.

Dazu gehören in erster Linie die Galerien aus Indonesien, Thailand und den Philippinen. Unter der Führung von Lorenzo Rudolf und seinen Kuratoren wagen sie sich inzwischen mit Werken nach Singapur, die fesseln – zum einen, weil sie auf der Grundlage der hohen Qualität des Kunsthandwerks in ihren Ländern geschaffen wurden, zum anderen, weil sie zeitkritisch wie nie zuvor daherkommen.

Die Grenze zur Pop-Art berührt der indonesische Künstler Eddy Susanto; mit „Kalathida towards Capitalism“ trifft er den Zeitgeist: Drei lebensgroße Schweine, beklebt mit Firmen- und Markennamen, machen sich über die Kultur in Form geschnitzter Buchstaben her, aus der Ferne wachen die Aushängeschilder der kapitalistischen Weltordnung auf überdimensionalen Geldscheinen über das Tun der Tiere. 38 000 Dollar kostet das gesellschaftskritische Ensemble bei der Galerie Lawangwangi aus dem indonesischen Bandung. Der Thailänder Anon Pairot, von Haus aus Designer, ließ aus von thailändischen Minderheiten hergestellten Stoffen Gewehre nähen. Sie erinnern bei der Seescape Gallery aus Chiang Mai – lebensgroß, doch verstörend – an Souvenirs aus der Militärdiktatur. Der Singapurer Kent Chan setzt sich mit seinem Film „Better Life Later“ kritisch und in Endlosschleife mit den Gastarbeitern in der Millionenmetropole auseinander (3500 Dollar).

Van Gogh in Nike-Turnschuhen

Der politische Anspruch steht dabei nicht im Gegensatz zu handwerklichem Können. So zeigt die Installation „Contemporary Conflict and Communication“ von Prasert Yodkaew aus Bangkok und Richard Streitmatter-Tran aus Ho-Chi-Minh-Stadt einen fein gebauten Tempel der Göttin Indra, die von den Menschen in Not angerufen wurde. Die handwerkliche Qualität kommt nicht von ungefähr: Thailand, Indonesien oder Japan schulen seit Jahrhunderten Töpfer, Papierkünstler oder Schnitzer, die ihr Handwerk über Generationen weitergeben. Das ist der Nährboden der asiatischen Kunst, auf dem bei ihren jungen Protagonisten Systemkritik gedeiht. Das Können zeigt sich aber auch, wenn Fumio Yamazaki bei der Imura Gallery aus Kyoto seine an Stephan Balkenhol erinnernde Kampferholz-Skulptur „Silent Neighbor“ (43 000 Dollar) vorstellt oder bei den Bleistiftzeichnungen aufgewühlter Fluten von Suporn Kaewda. Noch vor Eröffnung der Messe waren drei seiner Werke bei der Number 1 Gallery aus Bangkok für jeweils 12 000 Dollar verkauft. Dasselbe gilt für die poppig-bunten Ölgemälde des Indonesiers Ronald Manullang, die mit einem Van Gogh in Nike-Turnschuhen vor einem japanischen Aktmodell die europäische Kunstgeschichte ohne jede Scheu zitieren – und in Frage stellen; für je 35 000 Dollar gingen die Bilder in den ersten Stunden an Sammler.

Das Konzept des erwähnten Brückenschlags am besten umgesetzt hat vielleicht der Schweizer Galerist Marc de Puechredon: Im vergangenen Jahr hatte er mit dem Leipziger Uwe Walther in Singapur Premiere. In diesem bringt er nicht nur Werke des deutschen Günther Förg und eine Statue von Niki de Saint Phalle auf die Äquatorinsel, sondern zeigt zugleich großflächig die impressionistisch anmutenden Fotoarbeiten der Singapurerin Melisa Teo (6500 bis 18 000 Dollar). Sie hatte er erst auf der Art Stage 2016 kennengelernt. Ihre Kunst ist auch in Zeiten der Selbstbesinnung leicht zu konsumieren: Statt die Trommel aggressiv zu schlagen, setzt Teo auf zarte farbenfrohe Unschärfe: ihre Arbeiten verkauften sich schon in den ersten Stunden.

Den Kapitalismus zu kritisieren ist die eine Seite. Die andere ist es, ihn zu verstehen und sich zunutze zu machen. Susanto und seine Galerie machen das vor: Zwar will sie die antikapitalistischen Schweine des Indonesiers als Gesamtinstallation verkaufen. Doch weist die beflissene Galeristin schnell darauf hin, dass sie auch einzeln zu haben seien. Dann kosten sie jeweils 130 00 Dollar – das macht insgesamt tausend Dollar mehr als für die Gesamtinstallation.

Art Stage Singapore, noch bis Sonntag, den 15. Januar, im Marina Bay Sands Expo & Convention Centre.

Quelle: F.A.Z.
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