Hanna Stirnemann

Die Avantgarde der Frauen

Von Rainer Stamm
 - 10:00

Der Anteil der Frauen an der Moderne ist längst kein Geheimnis mehr: Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter, Sonia Delaunay oder Hilma af Klint werden international mit Retrospektiven gefeiert. An wegweisende Sammlerinnen wie Helene Kröller-Müller, Rosa Schapire und Thea Sternheim wird wieder erinnert. Wie aber sah es in den Museen aus? Wann begann dort, was heute Selbstverständlichkeit ist: dass die Moderne der Frauen auch den Beruf des Museumsdirektors eroberte?

Noch 1932 schrieb der Generaldirektor der Berliner Staatlichen Museen Wilhelm Waetzold über seinen Berufsstand: „Die Museumswand ist die Manuskriptseite, auf die der Museumsmann seine Kunstgeschichte schreibt.“ Seiner Wortwahl wird damals niemand widersprochen haben. Und doch gab es schon eine erste „Museumsfrau“ in Deutschland: Im selben Jahr unterschrieb Dr. Hanna Stirnemann einen Brief an die Künstlerin Hannah Höch als „Direktorin“ des Jenaer Stadtmuseums. Sie war die erste Museumsdirektorin Deutschlands – vielleicht gar weltweit.

Anfänge als Hilfsarbeiterin in Oldenburg

Stirnemann, 1899 im sächsischen Weißenfels geboren, hatte in Wien und Halle an der Saale Kunstgeschichte studiert. In Halle wurde sie 1927 bei Paul Frankl mit einer Arbeit über den „Stilbegriff des Spätgotischen in der Altdeutschen Malerei“ promoviert. Noch im selben Jahr kam sie nach Oldenburg, wo sie am Landesmuseum unter Leitung von Walter Müller-Wulckow als „wissenschaftliche Hilfsarbeiterin“, heute würde man sagen Volontärin, tätig war. Müller-Wulckow war ein glühender Verfechter der Moderne. In den zwei Jahren in Oldenburg arbeitete Stirnemann mit ihm am zweiten Band seiner Monographien zur neuen Baukunst über „Wohnbauten und Siedlungen aus deutscher Gegenwart“, publizierte über „Holländische Malerei der Gegenwart“ und setzte sich für das Werk der deutschslowenischen Bildhauerin Elsa Oeltjen-Kasimir ein.

Ihr außergewöhnliches Engagement und ein glänzendes Abschlusszeugnis öffneten Stirnemann weitere Türen, so dass sie im April 1929 zur Einrichtung des Reussischen Heimatmuseums nach Greiz berufen wurde. Von dort wird sie – aufgrund ihrer exzellenten Aufbauarbeit – noch im selben Jahr als Assistentin Paul Webers an das Städtische Museum in Jena geholt. Als Weber im Januar 1930 überraschend stirbt, übernimmt Hanna Stirnemann seine Nachfolge und wird – im Alter von dreißig Jahren – Direktorin. In Personalunion ist sie fortan auch Geschäftsführerin des Jenaer Kunstvereins, der sich schon von 1916 bis 1928, unter Walter Dexel als Ausstellungsleiter, in die Landkarte der Moderne eingeschrieben hatte.

Nicht nur Hanna Stirnemanns Berufsbezeichnung als Direktorin, sondern vor allem das von ihr in Jena realisierte Programm war Avantgarde. Nicht zufällig widmete sie einige ihrer ersten Ausstellungen der Kunst von Frauen: Im Frühjahr 1930 zeigte sie in den Räumen des Kunstvereins im Prinzessinnenschlösschen Gemälde und Zeichnungen von Paula Modersohn-Becker und eine Einzelausstellung mit Fotografien von Aenne Biermann. Im Herbst präsentierte sie „Junge Maler vom Bauhaus Dessau“, und 1932 widmete sie der „Gestaltenden Arbeit der Frau“ eine Überblicksschau, zu deren Konzeption sie an die Berliner Künstlerin Hannah Höch schrieb: „Die Ausstellung umfasst alle Gebiete künstlerischen Frauenschaffens. Es sollen grundsätzlich nur künstlerische Spitzenleistungen ausgestellt werden.“

Mit Ausstellungen von zeitgenössischer Kunst, Fotografie und Produktgestaltung, mit Veranstaltungen wie Vorträgen und Lesungen positionierte Stirnemann das Jenaer Stadtmuseum als Museum der Gegenwart. „Museen sind oder sollten sein lebendige Organismen“, erläuterte sie 1932 ihre Arbeit für ein „lebendiges Museum“, „fähig, sich zu wandeln, zu wachsen, zu sprechen in einer Sprache, die dem Lebenden immer verständlich sein muß.“

Mit ihrem rückhaltlosen Bekenntnis zur Gegenwartskunst, ihrer exponierten Stellung und ihrem selbstbewussten Auftreten als moderne Frau, mit Kurzhaarschnitt und in der Öffentlichkeit rauchend, war sie den nationalsozialistischen Machthabern schnell suspekt und wurde alsbald als „politisch untragbar“ zum Rücktritt gezwungen: Eine Ausstellung mit Werken des Malers Franz Radziwill aus Dangast, den Stirnemann während ihrer Zeit in Oldenburg kennengelernt hatte, wird im Frühjahr 1935 auf Druck der Nationalsozialisten abgebrochen. „Ich übersehe noch nicht die einzelnen Zusammenhänge und muss dem höheren Befehl stattgeben und die Ausstellung von heute ab schließen“, teilt sie dem Maler mit.

Auch sie selbst ist nun in Bedrängnis. Denunzianten verweisen auf einen jüdischen Urgroßvater. Der unabwendbaren Entlassung kommt Hanna Stirnemann mit der Kündigung zum Jahresende zuvor. Der ehemalige Kommilitone Werner Meinhof, ebenfalls in Halle promoviert, der ihr schon in Oldenburg als Assistent am Landesmuseum gefolgt war, übernimmt in Jena ihre Position.

Im Jahr 1935 hatte Stirnemann den Maler und ehemaligen Bauhäusler Otto Hofmann geheiratet. Mit ihm zieht sie sich nach Hainichen bei Dornburg an der Saale zurück, wo das Ehepaar eng mit dem Keramiker Otto Lindig zusammenarbeitet. Schon 1931 hatte sie – zur Unterstützung Lindigs – die „Vereinigung der Freunde der Dornburger Keramik“ gegründet. Wassily Kandinsky rät dem Ehepaar zur Emigration, doch Hanna Hofmann-Stirnemann und ihr Mann bleiben in Deutschland. Otto Hofmann wird 1940 zum Kriegsdienst eingezogen, von 1941 an schreibt er ihr, ebenso wie an Hans Thiemann und Herbert Kunze, reich illustrierte Malerbriefe aus Russland.

Rehabilitierung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Hanna Hofmann-Stirnemann zunächst rehabilitiert. „Unbelastet“ vom Nationalsozialismus wird die ungewöhnliche Frau Doktor im Mai 1945 Bürgermeisterin von Hainichen, bevor sie die Leitung des Schlossmuseums in Rudolstadt übernimmt. Beim Volksbildungsministerium in Weimar wird ihr die ehrenamtliche Leitung des Museumsreferats übertragen. Doch mit der zunehmend restriktiver werdenden Kulturpolitik der DDR kann sie sich nicht arrangieren: „Immer unausweichlicher wurde ich in meiner Stellung zu politischen Aussagen gedrängt, die ich innerlich nicht hätte verantworten können“, erinnert sie sich.

Sie, die sich nun Johanna Hofmann nennt, geht 1950 mit ihrem Mann nach Westberlin, wo sie in den fünfziger Jahren den Berliner Werkbund leitet und sich für das zeitgenössische Industriedesign der „guten Form“ engagiert. „Scheuen wir uns nicht, wohnen zu lernen!“, schreibt sie 1957 in dem vom Berliner Werkbund herausgegebenen Ratgeber „Wohnen in unserer Zeit“. Obwohl sie noch bis 1996 in Berlin lebte, war dies bereits eine der letzten ihrer Veröffentlichungen. An ihre Pionierzeit als erste Museumsdirektorin Deutschlands anzuknüpfen, gelang Hanna Stirnemann alias Johanna Hofmann nicht mehr. Ihre Geschichte ist heute fast vergessen.

Eine der schönsten Erinnerungen an sie – und an das klandestine Netzwerk avantgardistischer Frauen – ist das Porträt, das Gabriele Münter im Jahr 1934 von ihr malte: Münters Lebensgefährte Johannes Eichner hatte 1933 eine Wanderausstellung mit „Gemälden aus 25 Jahren“ konzipiert, die 1933 im Bremer „Paula Becker-Modersohn-Haus“ startete, bevor sie im Januar 1934 in Jena zu sehen war. Anlässlich dieser Station wurde in den regionalen Zeitungen schon leidenschaftlich darüber gestritten, ob Münters farbstarkes Werk im „Dritten Reich“ noch zeitgemäß sei. Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Ausstellung in Jena müssen sich die Malerin und die Museumsdirektorin begegnet sein – und es entstand Gabriele Münters Porträt von ihr, das die erste Museumsdirektorin Deutschlands, selbstbewusst rauchend, als Neue Frau präsentiert.

Der Verfasser ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

Quelle: F.A.Z.
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