Hirst-Auktion in London

Das Goldene Kalb lebt

 - 05:55

Das Quartier von Sotheby's in der New Bond Street am Montag und Dienstag dieser Woche glich einem Paralleluniversum. War der Anlass schon apart genug, gemessen an den Usancen des Kunstmarkts - der größte single artist sale aller Zeiten, mit 223 zum Teil eigens für diese Veranstaltung produzierten neuen Arbeiten Damien Hirsts -, so setzte die reale Welt ein weiteres Zeichen: Der Bankrott der Investmentbank Lehman Brothers, der am Montagmorgen die City von London mit einer Massenentlassung in blanken Schock trieb, machte aus dem Auktionssaal eine Enklave des global vagierenden Kapitals, das in der zeitgenössischen Kunst seinen Halt finden will, wie spekulativ auch immer.

Beinah müßig ist die Frage, ob ohne die akute Zuspitzung der Bankenkrise mehr Geld aus den Vereinigten Staaten geflossen wäre; denn diese Klientel, die im Höchstpreissegment zugreift, ist schlicht finanziell unabhängig von den Fährnissen für das Gros der Bankangestellten. Entsprechend ging Hirsts Rechnung auf, wie zu erwarten war; das merkantile Genie des Ausnahme-Artisten triumphierte. Man kann sich fragen, ob er vielleicht den Vollmond ins Kalkül einbezogen oder ob er vorsätzlich das Spitzenstück, sein „Goldenes Kalb“, als Los mit der Nummer 13 gesetzt hatte - die Klimax des Finanzchaos kann er kaum berechnet haben.

Rückgänge sind Mangelware

Man kann auch am Ergebnis herumdeuteln, das immerhin auf einen Umsatz von 111,4 Millionen Pfund lautet (das von den Käufern an Sotheby's zu zahlende Aufgeld inbegriffen): Man kann also befinden, dass das eine oder andere Hauptstück nicht seine untere Schätzung realisiert hat; allerdings ist da außer mit einem eingelegten Kalb, das witzigerweise „False Idol“ heißt, und einem ebensolchen Zebra unter dem Titel „The Incredible Journey“ - beide übrigens nicht in der Abendauktion - wenig Staat zu machen. Der gravierendste Flop des Abends aber, zwei Becken mit vier Haifischen namens „Theology, Philosophy, Medicine, Justice“ und taxiert auf drei bis vier Millionen Pfund, wurde noch während der Auktion im Nachverkauf abgefischt.

Und ganz schlecht beraten ist man mit Verschwörungstheorien. Ein amerikanisches börsennotiertes Unternehmen wie Sotheby's leistet sich keine illegalen Absprachen; sollten sie ruchbar werden, wäre das ein Desaster (in schmerzlicher Erinnerung an die Folgen der Preisabsprachen zwischen Christie's und Sotheby's im Jahr 2000). Die „New York Times“ will Gerüchte kennen, dass Jay Jopling, dem Eigentümer von Hirsts Londoner Galerie White Cube, von Sotheby's ein „incentive“ gegeben worden sei, um seine Kunden in die Auktion zu lenken: Das genau ist ziemlich absurd angesichts der Lage, in die Hirst seine Galeristen gebracht hat, indem er selbst direkt in die Auktion einlieferte.

Hirsts Galeristen in direkter Konkurrenz

Wenn Jopling dann gleich das erste Los des Abends ersteigerte - „Heaven Can Wait“, ein Triptychon mit Schmetterlingen, Zirkonia und Lackfarbe für 850.000 Pfund (Taxe 300.000/500.000) -, dann hat er sich damit positioniert als Instanz, die für ihre besten Kunden die Margen des Hauskünstlers markiert. Jopling griff immer wieder ein, blieb einige Male Unterbieter; er kaufte aber auch: zum Beispiel, gegen den Widerstand der Galerie von Larry Gagosian, der Hirst von New York aus vertritt, das Ölbild „Young Damien“ für 900.000 Pfund (300.000/500.000) und gegen den Londoner Galerie-Doyen Anthony d'Offay im Saal die riesige Vitrine mit Fischpräperaten „Here Today, Gone Tomorrow“ für 2,6 Millionen Pfund (2,5/3,5 Millionen).

Dass überhaupt manche Arbeiten gar nicht ausgepreist gewesen seien, wie sie gemeinhin schon im Handel oder in Auktionen angeboten waren, ist noch solch ein eher müdes Argument. Denn erstens war es ein Verkauf aus erster, nämlich des Künstlers, Hand, und zweitens waren jede Menge Stücke darunter, die im benutzerfreundlichen Kleinformat so zuvor noch nicht unterwegs waren. Hirst selbst hat das „Demokratisierung“ genannt und vermutlich nicht einmal zynisch gemeint.

Wohin gehen diese Tiere?

Ob tatsächlich neues Volk zum Zuge kam, ist freilich nicht bekannt - so wenig, wie die neuen Besitzer des „Golden Calf“ für 9,2 Millionen und des Hais im Tank, „The Kingdom“ für 8,5 Millionen Pfund, genannt sind. Der französische Unternehmer François Pinault, dem die Konkurrenzfirma Christie's gehört, wurde als Käufer für das bullige Mammon-Idol gehandelt, hat das inzwischen aber dementieren lassen (was auch nichts heißen muss). Womöglich ist aber Russland, noch eher als Asien, der neue Standort.

Wie man es auch dreht und wendet, diese Veranstaltung bleibt historisch. Man kommt um das Phänomen einfach nicht herum - und es kann sehr gut sein, dass eines nicht fernen Tages in dieser Auktion eine Arbeit Hirsts erworben zu haben eine Provenienz bedeutet, die ihrerseits hoch honoriert werden muss; denn das wiederum läge präzise innerhalb der Regeln des Kunstmarkts. Es waren jedenfalls die Stunden derjenigen, die kamen, weil sie einfach etwas, irgendein für sie gerade noch erschwingliches Teil, aus diesem sale haben wollten. Wenn also die Singularität von „Beautiful Inside My Head Forever“, so das sinnige Motto, nicht aus der Welt zu argumentieren ist, bleibt die Frage: Welcher Künstler könnte sich diesen Coup noch gönnen?

Kein neuer Auktionsstandard

Keiner, so steht zu vermuten. (Denkt man etwa an Jeff Koons, steht dagegen, dass er eine ganz andere Produktionsweise hat.) Es wird schon Hirsts Markenzeichen bleiben, seine ganze Produktpalette noch mal vervielfältigt zu haben, um mit diesen, gewissermaßen Remakes seiner selbst zu reüssieren. Deshalb ist zwar eine Grenze durchbrochen, nicht aber ein neuer Auktionsindustriezweig eröffnet.

Und weil Damien Hirst schon ein historischer Künstler ist, war das eine historische Auktion. Die Ausstellung mit den Werken bei Sotheby's haben zuvor mehr als 20.000 Leute besichtigt - als wär's das letzte Mal. Aber das heißt überhaupt nicht, dass der vermutete Milliardär Damien Hirst jetzt weg vom Fenster ist, um knapp 96 Millionen Pfund reicher (die bleiben ihm nach Abzug der Aufgelder). Er ist ein kluger Künstler. Er weiß, was er tut.

Quelle: F.A.Z.
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