Kunstmarkt
Pariser Messen

Im Frühling ein Fest für die Zeichnung

Von Bettina Wohlfarth/Paris

Jedes Frühjahr wieder zieht das umfangreiche Programm der „Semaine du Dessin“ Kenner und Liebhaber von Zeichnungen aus aller Welt nach Paris. Ohne den erlesenen „Salon du Dessin“, der jetzt zum 26. Mal im Palais Brongniart stattfindet und zweifellos dazu beigetragen hat, den Blick der Kunstliebhaber für die Subtilität von Werken auf Papier zu schärfen, wäre die junge Messe „Drawing Now“ vielleicht nie ins Leben gerufen worden. Sie ist seine komplementäre Weiterführung in die Gegenwart und hat in den letzten Jahren eindeutig an Qualität gewonnen. Bei aller Verschiedenheit des Publikums dieser beiden Messen lässt sich deshalb eine wachsende Schnittmenge bemerken. Wer sein Auge im Salon du Dessin an alten und modernen Blättern in Kreide, Tusche, Aquarell oder Gouache geschult hat, erkennt Virtuosität, Kreativität und Ausdruckskraft zeitgenössischer Arbeiten – und umgekehrt. „Ich zeichne, um zu sehen, was ich sehe,“ erklärte Alberto Giacometti. Gerade die fragile, spontane, minimale Arbeit auf Papier erlaubt es, zu etwas hinter der Erscheinung Liegendem vorzudringen.

Wenn in den vergangenen Jahren im Salon du Dessin die Klassische Moderne auf dem Vormarsch war, zeigt die diesjährige Ausgabe wieder eine stärkere Gewichtung auf den vorhergehenden Jahrhunderten, wobei das neunzehnte sichtlich im Kommen ist. Zunächst einmal gibt es aber erstaunliche Blätter Alter Meister zu entdecken. Die Detailstudie in brauner Tusche von Fra Bartolommeo mit einem „Mann, der nach rechts läuft“ wird von der Pariser Galerie Eric Coatalem für 250 000 Euro angeboten. Bei Marty de Cambiaire, ebenfalls Paris, fasziniert eine virtuose Rötelzeichnung des manieristischen Malers Giuseppe Cesari, der auch Cavaliere d’Arpino genannt wurde. Die „Rückenansicht eines sitzenden Mannes“ wurde schon gleich am Anfang des dichtgedrängten Vernissage-Abends vermittelt.

Kraftvolle Szene um einen Pferdebändiger

Wie stets stammen etwa sechzig Prozent der 39 Galerien des Salon du Dessin aus Frankreich. Auch Antoine Tarantino ist in Paris ansässig und hat ein Selbstporträt von Simon Vouet mitgebracht. Es wurde lange Zeit Anthonis van Dyck zugeordnet und gilt nun als Vorstudie, die der Maler selbst für sein Bildnis des Graveurs Robert van Vorst gezeichnet hat. Der Preis liegt „unter 500 000 Euro“. Bei Maurizio Nobile aus Bologna, der zum ersten Mal antritt, überzeugt eine delikat gezeichnete Heilige Familie auf der „Flucht nach Ägypten“ von Mauro Gandolfi. Auf der Tuschezeichnung mit Rötel-Hervorhebungen zeigt sich ein sensibler Ausdruck von Gefühlsstimmungen (55 000 Euro). Jean-Luc Baroni aus London ist, wie manch anderer Händler, direkt von der Maastrichter Tefaf zum Salon du Dessin gereist. Eine charmante Aktstudie zu einem „Sitzenden weiblichen Akt“ von François Boucher gehört zu den seltenen Blättern und ist von exzellenter Provenienz. Baroni bietet die mehrfarbige Kreidezeichnung für 180000 Euro an.

Interessante Entdeckungen lassen sich im 19. Jahrhundert machen. Dann und wann gibt es auch Neuzuordnungen: so die dynamische Aktstudie eines bärtigen Mannes bei der Pariser Galerie De Bayser. Sie konnte als Entwurf von Ingres zu einem „Saint François d’Assise“ identifiziert werden und wird mit 40 000 Euro beziffert. Die Münchner Arnoldi-Livie bringen eine Rötelstudie von Hans von Marées mit, die eine kraftvolle Szene um einen „Pferdebändiger“ darstellt und lange Zeit in einer Schweizer Sammlung verblieben ist (35 000 Euro). Martin Moeller aus Hamburg hat in diesem Jahr einen beachtenswerten Fokus auf Franz Skarbina gerichtet, der außerhalb Deutschlands weniger bekannt ist als sein Malerfreund Max Liebermann. Die anmutige Zeichnung einer selbstbewussten „Käthe in kariertem Kostüm“ kostet 23 000 Euro.

Die Klassische Moderne ist von Matisse, Miró und Picasso bis Otto Dix mit wundervollen Blättern im sechsstelligen Bereich vertreten. Eine Brücke zur Gegenwart und damit auch zu Drawing Now schlägt die Galerie von Karsten Greve, die als einzige und dieses Jahr zum ersten Mal auf beiden Messen vertreten ist. Im Salon du Dessin zeigt Greve neben der 1957 geborenen Laura Craig McNellis mehrere Bleistiftzeichnungen von Osvaldo Licini (um 15 000 Euro).

Retrospektive Solo-Schau mit Blättern von Bernard Pagès

Drawing Now hat in den ehemaligen Markthallen des Carreau du Temple im Marais-Viertel einen idealen Standort für seine 72 Aussteller aus sechzehn Ländern gefunden. Der Hauptsektor „Référence“ bleibt mit 52 Galerien gerade noch überschaubar, was bei Arbeiten auf Papier wohltut, deren Betrachtung Nähe und Einlassen erfordert. Karsten Greve ist also erstmals dabei und stellt Bleistift- und Aquarellzeichnungen der jungen Bildhauerin Claire Morgan vor (von 6800 bis 18 000 Euro). Die Vorstudien der irischen Künstlerin haben die poetische Kraft ihrer Installationen, deren Zerbrechlichkeit immer durch einen ambivalenten Stich Gewaltsamkeit gebrochen wird. Patrick Heide aus London, ein passionierter Vertreter von Papierarbeiten, kommt schon zum neunten Mal zur Drawing Now. Kleine Formate des minutiös arbeitenden deutschen Künstlers Thomas Müller, zum Beispiel ein Blatt mit direkt aus der Tube gedrückten, grünen Farblinien, sind für 1800 Euro zu erwerben. Die Galerie Bernard Ceysson vertritt die französische Supports/Surfaces-Bewegung und eröffnet demnächst – neben Paris, Saint-Étienne und Luxemburg – eine Galerie in New York. Die retrospektive Solo-Schau mit Blättern des Bildhauers Bernard Pagès ist zweifellos ein Höhepunkt der Messe. Seine Vorliebe für Metalle, Eisen und vorgefundene Materialien, für Naturtöne und plötzliche Farbeinbrüche zeigt sich auch in den Arbeiten auf Papier, die Drucktechniken und Zeichnung mischen (von 2200 bis 12 000 Euro).

Im Zyklus „Master Now“ zeigen elf Galerien wichtige historische Werke ihrer zeitgenössischen Künstler. Die Galerie Lelong aus Paris hat eine Porträtzeichnung von David Hockney aus dem Jahr 1984 mitgebracht. Mit leichten Tuschestrichen zeichnet er eine Freundin, Celia Hollywood, und gibt ihr die Nonchalance einer Diva. Mit 130 000 Euro ist es sicherlich das teuerste Werk der Messe. Aber es muss ja kein Hockney sein: Unter den mehr oder weniger bekannten Künstlern lassen sich viele Entdeckungen machen.

Salon du Dessin, bis zum 27. März. Von 12 bis 20 Uhr. Eintritt mit Katalog 18 Euro.

Drawing Now, bis zum 26. März. Von 11 bis 20 Uhr, am Sonntag bis 19 Uhr. Eintritt 16 Euro, mit Katalog 22 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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