Kunstmarkt
Kunst- und Antiquitätenwochen

Im sanften Licht des Sommers

Von Brita Sachs
© Kunsthandel Senger, F.A.Z.

Fast unbemerkt kam der hohe Besuch nach Bamberg. Ohne Entourage, ganz privat wandelten Königin Silvia und König Carl Gustaf von Schweden vor wenigen Tagen durch die wundervolle Altstadt am Fuße des Dombergs und machten auch Stippvisiten bei den dortigen Antiquitätenhändlern. Von Käufen wurde zwar nichts bekannt – Drottningholm und die anderen Königsschlösser Schwedens dürften hinlänglich ausgestattet sein –, doch trug der Besuch sein Scherflein bei zum gelungenen Auftakt der diesjährigen Kunst- und Antiquitätenwochen. Dass das Paar diesen Ausflug mit seinem Besuch der Bayreuther Festspiele verband, entspricht im Übrigen exakt dem Synergiekalkül der Bamberger Veranstalter, die pünktlich zur Premiere in der Nachbarstadt ihr Angebot an Kostbarkeiten und Schönem ins Licht rücken.

Jetzt, wo das schon zum zweiundzwanzigsten Mal geschieht, warf Christian Eduard Franke noch auf etwas anderes ein Schlaglicht, indem er das Titelfoto seines aktuellen Katalogs im „Vogelsaal“ des Bamberger Naturkundemuseums aufnehmen ließ. Der im Nordflügel des Jesuitenkollegs eingerichtete Saal hat ein bisschen Schleichwerbung durchaus verdient. Als hinreißende zweigeschossige, in Weiß, Blau und Gold gehaltene Raumschöpfung des späten 18. Jahrhunderts sollte er neben Naturalienliebhabern auch Kunstfreunde anziehen: Dort hinein, wo – inmitten von mit Putten bekrönten Vitrinen voller Vögel, Muscheln, Reptilien und solcherart mehr – einst ein großer, heute verlorener Globus stand, hatte Franke ein Globen-Paar gestellt, das Himmel und Erde, von Meridianringen gehalten, in eleganten Mahagonimonturen kugeln lässt.

Hieronymus, der liebevoll den Löwen krault

Jetzt stehen die 1816 und 1828 von den Brüdern John und William Cary in London signierten Instrumente wieder bei Franke in der Herrenstraße; zu haben sind sie für 187 000 Euro. Sie teilen sich die Aufmerksamkeit mit einer Vielfalt von Objekten, die auf zwei Geschäftsetagen verteilt an keiner Stelle den Anflug von Angst vor der Leere aufkommen lassen. Leise lächeln Elisabeth und Albrecht von Tscharner von der Wand herab, Johann Nikolaus Grooth malte das Berner Patrizierpaar 1765 in Samt und Seide, die Arme auf Möbel gestützt, wie sie damals modern waren und wie sie nun in ähnlicher Art in der schönen Fülle unterhalb der Porträts zu finden sind (34 500 Euro).

Erd- und Himmelsglobus auf Mahagoni-Halterungen, London 1816/1828, hier im Vogelsaal des Bamberger Naturkundemuseums: 187 000 Euro bei Franke
© Kunsthandel Franke, F.A.Z.

Neben Franke, der als einer der neuen Geschäftsführer der Münchner „Highlights“-Messe agiert, wird dort im kommenden Herbst erstmals Senger den Bamberger Auftritt stärken. Ihr Renommee erwarb sich diese Kunsthandlung zunächst mit gotischen Skulpturen, wie sie auch jetzt in den Räumen und im warmen Lampenlicht des mittelalterlichen Gewölbekellers prangen. Da hält eine zauberhafte, um 1420 in Salzburg geschaffene Madonna (125 000 Euro) ihr Kindchen auf dem Schoß, und rund achtzig Jahre später lässt ein im Schwäbischen aktiver Schnitzer den heiligen Hieronymus liebevoll den Löwen kraulen, der an seinem Bein hochspringt (125 000 Euro). Mit Thomas Herzog, Walter Sengers Geschäftspartner und Schwiegersohn, sorgt die nächste Generation auch für weniger alte Kunst: zum Beispiel eine Statue Alexander von Humboldts im Expeditionsmantel und mit Deklinatorium in der Hand, die der Mailänder Bildhauer Filippo Biganzoli 1873 aus Carraramarmor schuf und drei Jahre später in Philadelphia auf der Weltausstellung zeigte (180 000 Euro).

Nebenan räumt Gregor von Seckendorff Plastiken der Klassischen Moderne viel Platz auf Kommoden und Sekretären des 18. und frühen 19. Jahrhunderts ein; unter anderem lässt er die Stilentwicklung Fritz Klimschs anhand mehrerer Bronzen nachvollziehen. Sein Gemäldeangebot schließt Salonmalerei der Zeit um 1900 ein, darunter ein ruhender Mädchenakt, den Frederick Vezin fein lasierend und mit dem Stiel des Pinsels strukturierend in üppige textile Ambiance legte.

Tiroler Gliederpuppe mit großen Glasaugen

Warum gerade das kleine Bamberg eine außergewöhnliche Dichte an hochklassigem Antiquitätenhandel aufweist, erklärt die Organisatorin der Veranstaltung, Fiona von Colberg, nicht zuletzt damit, dass die alte Kaiserstadt im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört blieb, desgleichen die Adelssitze der Umgebung: Damit war für Ware aus Quellen gesorgt, die zum Teil noch heute sprudeln. Ein Übriges leistete die starke Kaufkraft des amerikanischen Stützpunkts.

Als erste am Ort eröffnete vor mehr als sechzig Jahren die Kunsthandlung Wenzel. Heute führt der Sohn des Gründers, Matthias Wenzel, die Geschäfte im Barockpalais Freyhaus auf dem Brand. In dessen großen Rundbogenschaufenstern schweben schönste Lüsterweibchen, darunter eine Anna Selbdritt von etwa 1480 und ein niedliches, zwei Jahrhunderte jüngeres Engelsmädchen. Prachtstücke geben zwei 1567 datierte Retabelflügel mit Reliefszenen aus dem Marienleben ab, die sich an Schongauer-Darstellungen orientieren; das Stifterwappen lässt als ihren einstigen Standort Nürnberg vermuten (knapp 100 000 Euro).

Schon mehrmals hat er es angekündigt, aber „diesmal ist wirklich Schluss“, sagt Julian Schmitz-Avila, der fünf Jahre lang die Bamberger Dependance der väterlichen Antiquitätenhandlung in Bad Breisig führte, jetzt aber neue Ziele anstrebt. Der junge Mann tritt regelmäßig in einer ZDF-Nachmittagssendung auf, bei der jedermann seine Dinge von vermutetem Wert begutachten lassen und eventuell an die an der Schau teilnehmenden Händler direkt verkaufen kann. Das beansprucht nicht nur viele Drehtage, sondern bringt Schmitz-Avila offenbar auf neue Ideen zum Thema Handel mit alten Dingen. In diesem Sommer aber stehen in den Räumen des Marschalk von Ostheim’schen Palais’ in der Karolinenstraße noch bis ins berühmte Dientzenhofer-Treppenhaus hinein hochklassige Stücke deutscher Möbelbauer. Aber unweit des, dem Dresdner Michael Kimmel zugeschriebenen, Aufsatzsekretärs, der hinter seiner schönen Nussbaumfassade jede Menge raffinierte Geheimfächer versteckt (225 000 Euro), blickt aus großen Glasaugen eine lebensgroße Tiroler Gliederpuppe aus dem 18. Jahrhundert – ein rares Stück, eben erworben gegen Bares vor der Kamera.

Eine Vorliebe für skandinavische Silberwaren

Am Kunstauktionshaus Schlosser vorbei, das sich hier im Antiquitätenviertel bestens postiert hat, geht es durch schmale Gassen der Weltkulturerbe-Stadt zur Judenstraße, wo im vergangenen Jahr Reinhard Keller nach langjähriger Zwischenhändlertätigkeit einen Ausstellungsraum im Stauffenberger Hof bezogen hat: wieder eine Fundgrube oder vielleicht besser eine kleine Wunderkammer. Zwischen hoher Kirchenbank und kleinem Emaillekästchen liefert das Angebot auch eine Reihe von Gemälden, etwa hübsche Veduten-Pendants von Raffaele Carelli, der 1834 die Bucht von Neapel malte, und eine noch nicht identifizierte Küste mit Turmruine (16 000 Euro). Zu Joos de Mompers „Gebirgiger Landschaft mit Überfall“ hat Keller einen Katalog von 1927 aufgetan, der das Gemälde in einer Momper-Ausstellung im Städtischen Museum von Chemnitz abbildet (40 000 Euro).

Im Unterschied zu all den Generalisten in ihrer Nachbarschaft konzentriert Julia Heiss sich nicht nur auf ein einziges Material, sondern pflegt in ihrem Silberkontor auf kleinstem Raum auch ihre Vorliebe für skandinavische, insbesondere dänische Silberarbeiten. Strenge Schalen, wie Cohr sie in den Zwanzigern schmiedete, füllen die Vitrinen gemeinsam mit Teeservicen von Georg Jensen oder Kannen von Hans Hansen. Aber mit kleinen Schmuckstücken von 25 Euro an bietet das Kontor auch regelmäßig die günstigsten Stücke der ganzen Veranstaltung. Auch die Glaserie Pusch nennt ihre Spezialität beim Namen: Glitzernde Kristalllüster und irisierendes Jugendstilglas mischen sich bei ihr am Katzenberg mit modernen Glaskreationen.

Es muss übrigens nicht immer Bayreuth sein: Das Bamberger Rahmenprogramm bietet neben Führungen und Vorträgen auch Musik. Im Marmorsaal von Schloss Weißenstein im nahen Pommersfelden sorgt die Sommerakademie „Collegium Musicum“ mit jungen Interpreten aus aller Welt für charmante Abende.

Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen, bis zum 21. August. Von Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, am Samstag von 10 bis 16 Uhr, an Sonn- und Feiertagen 13 bis 17 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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