Internationale Toplose 2017

Die teuersten Kunstwerke des Jahres

Von Rose-Maria Gropp
 - 11:24

Blenden wir zunächst den Superstar dieses Jahres aus, dann zeigt sich eine relativ normale Top-Ten-Liste für 2017. Die Spitzenpreise, von Rang zwei an, liegen deutlich unter denen im Jahr 2015, als auf den ersten drei Plätzen neunstellige Zuschläge standen: Das waren Picassos „Les femmes d’Algers (Version ,O‘)“ für 160 Millionen Dollar; die Bordellszene blieb zweieinhalb Jahre lang das teuerste je auktionierte Kunstwerk – bis der „Salvator Mundi“ kam. Es folgten Modiglianis „Nu couché“ für 152 Millionen Dollar und Giacomettis Bronze „L’homme au doigt“ für 126 Millionen Dollar. Für 2016 gab es dann ein sehr gedämpftes Resümee, was mit dem vorübergehend deutlich reduzierten Einsatz von Garantien oder unwiderruflichen Geboten zusammenhing: Es blieben eminente Einlieferungen aus, weil die Besitzer nicht schon im Vorhinein die finanzielle Sicherheit hatten, dass ihr Werk verkauft sein würde. Entsprechend reichten 2016 72,5 Millionen Dollar für einen „Heuhaufen“ Monets, um die Top Ten anzuführen.

Offenbar hat die Praxis der Vergabe von Garantien wieder stark angezogen: In derselben New Yorker Christie’s-Auktion wie der „Salvator“, der selbstverständlich auch gesichert war, trugen die extrabreiten „Sixty Last Suppers“ von Warhol eine Garantie. Zu den garantierten Verkäufen gehört bei Christie’s auch Brancusis „La muse endormie“ (Rang sieben), bei Sotheby’s sind es der sündteure „Untitled“-Basquiat (Rang zwei), den der japanische Unternehmer-Milliardär Yusaku Maezawa kaufte, und Klimts „Bauerngarten“ (Rang sechs).

New York behauptet sich an der Spitze

Acht der zehn Spitzenlose wurden von Christie’s vermittelt, nur zwei von Sotheby’s. Neun Lose kamen in New York unter den Hammer, lediglich der Klimt in London. Die Plätze zwei bis neun bringen zusammen 854 Millionen Dollar (ohne Aufgeld) auf die Waage, gerade mal gut doppelt so viel wie der Leonardo-Christus; so etwas wird sich absehbar kaum wiederholen. Insgesamt ist die Liste ziemlich heterogen, aus jedem Dorf der Moderne bis Gegenwart ein Hund, lässt sich sagen, nicht allerdings aus dem Zeitgenossen-Feld von Jeff Koons & Co.; das hängt weiter in der Warteschleife. Durch die Decke ging, gegenüber seiner (offenbar zu) niedrigen Schätzung, das chinesische Rollbild mit den sechs Drachen von Chen Rong aus dem 13. Jahrhundert (auf Rang zehn).

Dass unglaubliche Preise für nur anscheinend unscheinbare Objekte möglich sind, beweist, außerhalb der Top Ten, der Zuschlag bei umgerechnet 33,28 Millionen Dollar für ein Schälchen mit dreizehn Zentimetern Durchmesser. Der Wert bemisst sich nach der Seltenheit des blaugrün glasierten Keramikgefäßes zum Reinigen von Pinseln aus der Zeit der nördlichen Song-Dynastie. Der ungenannte, vermutlich chinesische Käufer bezahlte Anfang Oktober bei Sotheby’s in Hongkong mit Aufgeld 37,7 Millionen Dollar dafür.

Nun zum „Weltenretter“, für den im November in New York sagenhafte vierhundert Millionen Dollar geboten wurden. Wer auch immer jetzt den Brutto-Preis von 450,3 Millionen bezahlt: Das Bild soll jedenfalls künftig im Louvre Abu Dhabi die Besucher anlocken. Und wie viel oder wenig auch immer von Leonardo dran ist: Das ein wenig psychedelische Gemälde ist wichtig und deshalb gut aufgehoben in einem Museum; es war übrigens nie zuvor auf Dauer in der Öffentlichkeit. Die Frage nach der präzisen Autorschaft am „Salvator Mundi“ wird kaum abschließend zu klären sein. Über das – in dieser Exzentrik freilich bisher nie gesehene – pekuniäre Schicksal der Holztafel hat die schiere Anmutung entschieden, der Mann aus Vinci habe dabei selbst Hand angelegt, eben nicht bloß seine Werkstatt. Hier sei nur angemerkt: Wie massiv die Usancen der Ab- oder Zuschreibung bei einem bedeutenden Künstler Kapital des Besitzers, samt allgemeiner Wertschätzung, sehr real vernichten oder generieren können, belegt nun seit Jahren das Schicksal des „Mannes mit dem Goldhelm“ in der Berliner Gemäldegalerie. Einst das Vorzeigestück eines Rembrandt schlechthin, wird das Bild so lang ein Schattendasein im Museum führen, bis ein Experte mit genügend Überzeugungskraft aufsteht, um die Abschreibung durch das „Rembrandt Research Project“ rückgängig zu machen. Es wäre nicht das erste Mal; auch Experten haben schwankende Einschätzungen.

Erwähnt sei noch der starke Zuschlag für Max Beckmanns „Hölle der Vögel“ von 1937/38 aus der Sammlung des amerikanischen Kunsthändlers Richard Feigen bei Christie’s im Juni in London. Sein Kollege Larry Gagosian setzte sich im Saal mit 32 Millionen Pfund, umgerechnet 41,1 Millionen Dollar, durch – ein neuer Rekordzuschlag für ein Werk von Beckmann. Den bisherigen Beckmann-Rekord hielt sein „Selbstbildnis mit Horn“ von 1938, das im Mai 2001 bei Sotheby’s in New York für 20,5 Millionen Dollar zugeschlagen wurde. Der Käufer im Saal war damals ebenfalls Richard Feigen, er agierte für Ronald Lauders New Yorker „Neue Galerie“ für deutsche und österreichische Kunst.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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