Jahresgaben der Kunstvereine

Shop till you drop

Von Magdalena Kröner
 - 09:59

Früher wurde höchstens eine schmale Broschüre verschickt, heute haben die Jahresgaben echten Ereignischarakter. Der Kunstverein Hamburg zum Beispiel eröffnete schon am 23.November seinen „Red Room“, der sich mit einem rotwandigen Interieur wie aus einer Boutique gepaart mit einem Mode-Ausverkauf überraschend kommerziell gibt. „Shop Till You Drop“ lautet das nur halbironische, diesjährige Motto. Auch manche der dort angebotenen Jahresgaben sind von einem alltäglichen Gebrauchsgegenstand nur schwer zu unterscheiden: Geschirr, Vasen, Sitzobjekte und Lampen, Schmuck und Handtaschen ähneln dem Angebot eines gut sortierten Museumsshops - der sich allerdings bemüht, mit Kunst möglichst wenig zu tun zu haben.

Doch auch das Bedürfnis nach Flachware wird in Hamburg befriedigt, etwa mit der Bildserie „Alles falsch gemacht, Antonin“ von der 1982 in Falkenau geborenen Künstlerin Monika Michalko. Ihre auf alte Plakate gemalten, ornamentalen Abstraktionen scheinen vergangene Epochen und Œuvres aufzurufen; der Gedanke an Miró oder Kandinsky liegt bei diesen Gemälden nicht fern. Aber es bleiben Zweifel: Handelt es sich nicht vielleicht doch um die Machwerke des im Titel genannten Hobbymalers Antonin, der mit seinen ambitionierten Pinselschwüngen eben leider doch „alles falsch gemacht“ hat? Über die Antwort muss jeder Besucher selbst entscheiden (3 Unikate; je 1300 Euro).

Weniger konsumfreudig als vielmehr selbstgemacht sieht manches Objekt im Düsseldorfer Kunstverein aus: Auch die Käufer können also beweisen, dass sie keine Angst vor schlechtem Geschmack haben. Sie können sich Ekrem Yalcindags ein wenig an „Malen nach Zahlen“ erinnerndes Farbfeldbild „96 Farben, Gri-Grau-Grey, Turkis, Marlene, Hautton, 94 mal Rot, Schwarz, Contrasts, Weiss, Schwarz in Perlschwarz“ (10 Unikate; je 2900 Euro) übers Sofa hängen oder die Fotografie einer „Pickup Test Guitar“ von Martin Zellerhoff. (Auflage 12+3; je 540 Euro, mit Rahmen 600 Euro).

Im Bonner Kunstverein ziert die Jahresgaben - meist von jenen Künstlern, die im Lauf des Jahres im Haus ausgestellt haben - eine minimalistische Einfachheit. Die erschwinglichen Werke erweisen sich dort in besonderem Maße als Quintessenz der Strategien, für die sich die Künstler ihren Namen gemacht haben: Alexandra Bircken, bekannt für ihre Material-Assemblagen und Handarbeits-Zitate, bastelte ein Objekt aus Strumpfhosen (2 Unikate; je 2200 Euro); Kris Martin schickte zwei Steine, die er angeblich in den Schuhen anderer Leuten gefunden hat (2 Unikate; je 963 Euro).

Der Münchener Kunstverein präsentiert das wohl breiteste Angebot, mit Jahresgaben von sechzig Künstlern, zu Preisen von 240 bis 7500 Euro. Am respektlosesten geht wohl der 1978 in München geborene Hank Schmidt in der Beek zu Werke; er greift berühmte zeichnerische und fotografische Vorlagen aus der Kunstgeschichte heraus und verändert sie nach seinem Belieben: Die Disney-Figuren Tick und Trick klettern an der Silhouette einer von Picasso gezeichneten Dame herum, und die Münchener Frauenkirche wächst Man Rays berühmtem weiblichen Rückenakt wie eine Steißtätowierung auf der Haut (4 Unikate; 400, 500 und 600Euro).

High and low montiert Andreas Chwatal, Jahrgang 1982, zu einem witzigen Kommentar auf abendländische Geistes- und Kunstgeschichte: Er druckt für seine Arbeit „More Muscles“ die Namen von Dichtern, Denkern und Malern auf eine goldene Plane, jeweils getrennt durch das Wort „more“: Voltaire, Eichendorff, Van Dyck, Watteau. Auf einer zweiten Plane skizziert er einen Boxkampf, Dichtung gegen Malerei: Dort wird das männliche Ringen der Kultur-Giganten zum humorvollen Emblem (je 1000 Euro, Einzelarbeiten 500 Euro).

In Münster im, nach wie vor heimatlosen, Westfälischen Kunstverein fallen insbesondere die Fotogramme des 1978 in Biel geborenen Raphael Hefti auf. Seine auf Barytpapier gedruckten abstrakten Motive wirken wie klassische Fotografien aus der Bauhaus-Ära, haben jedoch eine ganz unorthodoxe Entstehungsgeschichte: Hefti entfacht mit Lycopodium, auch Schlangenmoos genannt, dessen leichtentzündliche Sporen schon den Schamanen zum Feuermachen dienten, explosive Lichtgewitter in der Dunkelkammer; der Zufall wird da zum bildgebenden Moment (5 Unikate; je 750Euro).

Der Nürnberger Kunstverein, der älteste Deutschlands, wurde 1792 gegründet. Er zeigt Sinn für Aktuelles und Absurdes: Jason Dodge, 1969 in Newton, Pennsylvania geboren und in Berlin lebend, gießt die Kunst in Formen des Alltags. Aus zwei Blechdosen und einem Kerzendocht baut er ein Objekt, das ein wenig an selbstgebasteltes Kinderspielzeug erinnert. Tatsächlich bezieht sich die Doppeldose auf eine antike, im archäologischen Sarmiento-Museum im Norden Portugals befindliche Satyr-Skulptur. Diese dort in die Wand eingelassene Fabelfigur hat in Kopfhöhe ein Loch, in das sich hineinsprechen lässt, um eine Bitte oder Sorge direkt an die Götter zu adressieren. Dodges eindeutig profanere, aber vielleicht ebenso wirksame Variante ist in fünf Unikaten zu erwerben (je 500Euro).

Seit genau gestern besinnt sich der 1829 gegründete Frankfurter Kunstverein auf sich selbst: Anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums im Steinernen Haus am Römerberg findet die Ausstellung „Kunstgeschichten im Steinernen Haus“ statt, mit Plakaten, Dokumentationen und Interna. Die beiden oberen Etagen bespielt das Frankfurter Künstlerduo Wiebke Grösch und Frank Metzger mit seiner Ausstellung „To the People of the City“; gezeigt werden neue Rauminstallationen und konzeptuelle Objekte. Die Jahresgabe von Grösch und Metzger heißt „21.6. 71“ und belegt, welch gefährlicher Ort dieser Kunstverein einst war: Die Durchschrift eines historischen Briefs bezieht sich auf das Abhandenkommen des mit 500 Euro bezifferten Aquarells „Treppenhaus“ von Blinky Palermo, während der Ausstellung „Experimenta 4“.

Was ist wohl aus dem Werk geworden - das entwendet wurde, obwohl zwei Wächter es im Auge behielten? Wer sich noch an den Menschenauflauf zur Eröffnung von Nicolaus Schafhausens „deutschemalereizweitausenddrei“, eben im Jahr 2003, erinnert, den mag es eigentlich verwundern, das dort nichts gestohlen wurde. Aber bei dieser Schau war ja auch kein Blinky Palermo dabei. (Die Kohledurchschrift auf Durchschlagpapier gibt es in 6 Unikaten; je 500 Euro.)

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHamburg