Kunstmarkt
Galerierundgang München

Kekse auf Abwegen und merkwürdige Flaschentrockner

Von Brita Sachs
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„Meine liebste Sonnenblume“ nennt August Macke seine Frau zärtlich in einem Brief, „mein zweites Ich“ und „mein Hauptmotiv“. Tatsächlich war die schöne Elisabeth an die zweihundert Mal sein Modell, und auch in der Ausstellung „August Macke aus der Nähe“ in der Galerie Thomas begegnet sie einem immer wieder. Mit rund fünfzig Arbeiten – kleinen Skizzen, Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden – begleitet die Schau Mackes Werk von der frühen Zeit um 1908 bis kurz vor seinem Kriegstod 1914. Sämtlich kommen sie aus dem Besitz der Familie, was dem Ganzen eine eher intime und biographische Note verleiht. In dem Blatt „Adolfplatz“ (1908) taucht die Heimatstadt Bonn auf, und es gibt auch ein hübsches Bild vom bäuerlichen „Staudacher Haus“ (1910) in Tegernsee. Dort verbrachte das junge Paar jenes einschneidende Jahr, in dem Macke Franz Marc kennenlernte, seinen ersten Kontakt zur späteren „Blaue Reiter“-Gruppe.

An die berühmte, 1914 unternommene Tunisreise erinnert die Kreidezeichnung eines Arabers mit Esel vor einem „Toreingang“, und auch versuchsweise unternommene Exkurse in die Abstraktion fehlen nicht. Auf einem der Ölgemälde von 1913 sitzt Walter, der dreijährige Sohn der Mackes, strahlend im elterlichen Wohnzimmer. Auf einem anderen Bild schlummert ein Kätzchen vielleicht auf demselben grünen Sofa, auf dem Elisabeth es sich zum Lesen bequem macht. Dann ist da Elisabeth im Profil, Elisabeth beim Nähen, im Erker und, eines der schönsten Blätter, als sinnlicher schlafender Akt: Seine Liebe und Bewunderung sind unverkennbar. (Preise von 14 500 bis 375 000 Euro. Bis 13. Mai.)

Extreme Formungen aus Porzellan

Stephan Balkenhols hölzerne Gestalten zeugen seit mehr als dreißig Jahren von Kontinuität. Es gibt kein Vertun vor diesen aus Blöcken geschlagenen Allerweltsmännern und -frauen mit ihrem konsequent neutralen Ausdruck, der jegliche Geschichte verweigert. Auch wenn der Mustermann statt weißem Hemd und schwarzer Hose mal Anzug trägt, auch wenn, wie jetzt in einer Ausstellung diesjähriger Balkenhol-Arbeiten bei Rüdiger Schöttle, statt eines Menschen ein Ameisenkopf aus dem Kragen schaut – stets ist klar: Da war Balkenhol am Werk. Reliefs modifizieren seine Bildhauerei seit einiger Zeit, doch wenn Balkenhol sich nun in deren flachster Form ergeht, mit Ritzungen durchfurchten Inkjet Prints auf Holz, installiert er manchmal – gewissermaßen sicherheitshalber – eine seiner vertrauten Vollrundskulpturen davor (Preise 18 000 bis 157 000 Euro).

Einer Art Gegenentwurf räumt Schöttle die andere Galerie-Etage ein: sieben jungen Künstlern, die man noch nicht mit einem „Markenzeichen“ verbindet und die, um die Freiheit wissend, die das mit sich bringt, ein solches vielleicht auch nicht anstreben. Da wäre das Künstlerduo R-R, Raphael Weilguni und Viola Relle, beide noch Studierende an der Münchner Akademie. Sie fordern der weichen Rohmasse des Porzellans extreme Formung ab, um die Phantasie des Betrachters zu beflügeln. Zum Beispiel mit „Facebook“, das feste organische Struktur mit flatternden Seiten zu verbinden scheint (4500 Euro. Bis 1. April.)

In ihrer Heimatstadt gründete Liane Birnberg, geboren 1948 in Bukarest, die erste Frauen-Popband Osteuropas. Heute lebt sie als Komponistin und Malerin in Berlin, als weitere Leidenschaft kam die Literatur hinzu. Mit John Berger brachte Birnberg bereits zwei Publikationen heraus, die dritte erschien kurz vor dem Tod des Kunsthistorikers und Schriftstellers am 2. Januar dieses Jahres: „Garden on My Cheek“, so der Titel, vereint Gedichte Bergers und Bilder Birnbergs, deren Originale jetzt Florian Sundheimer ausstellt. „Collage, Büroklammern, Abreibung und Graphit auf Ovara-Papier“, so lautet eine der Technikbeschreibungen dieser Arbeiten auf meist zartem Papier, das auch mit selbstgemachter „Geschenkpapierfarbe“, mit Granatapfelsaft, Microglaskugeln, Brandlöchern, Gips, Stoffstärke und anderen Substanzen mehr traktiert wird. Heraus kommen eigenständige, selten Gegenständliches berührende Schöpfungen. Ebenfalls gezeigt werden die Originale der Reproduktionen im Harold-Pinter-Band der Reihe „Nobelpreis für Literatur“ des Coron Verlags. (Von 2300 Euro an. Bis 25. Februar.)

Marcel Duchamp beschäftigt die in Berlin lebende Waliserin Bethan Huws seit gut zehn Jahren. In ihrer Ausstellung bei Barbara Gross geben sechs großformatige, Bilder, Texte und Notizen collagierende „Research Notes“ Einblick in ihr forschendes und assoziierendes Tüfteln, das dem vielfach noch immer rätselhaften Œuvre einige mögliche Lösungen abringt. Insbesondere Duchamps linguistische Verknüpfungen interessieren Huws, die oft selbst mit Sprache und Wortspiel arbeitet. So setzt der Titel „Digressive Bisquits“ für einen täuschend echt aus Holz nachgeschnitzten Stapel Kekse nebst drei danebenliegenden Plätzchen das Wenigerwerden der Kekse mit den „Abweichlern“ ineins. Duchamps Konzept vom Readymade dehnt Huws auf die Natur aus, einem weiteren Fixpunkt in ihrem Werk: Als ihr Flaschentrockner, „Le Porte-bouteilles“ von 2008, tritt eine prächtige, mit langen Stacheln besetzte Venuskammschnecke aus dem Pazifik an. (Preise 8100 bis 22 000 Euro. Bis 1. März.)

Quelle: F.A.Z.
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